Nachtwanderung (4) – Speichermedien

Man sieht es im Dunkeln nicht, aber der Bahndamm verbreitert sich. Nein, nicht eben erst, als würde er ein- und ausatmen. Man hat hier wohl einen Güterbahnhof geplant. Wer weiß, wer dafür alles geschuftet hat. Anfang des 20. Jahrhundert ging ja das meiste noch mit Muskelkraft. In der Nazizeit auch. Da wurde die Landstraße vorm Haus meiner Großeltern gebaut. Es hieß, das machen die Arbeitslosen. Ein Bruder meiner Mutter fand Gefallen daran, mit Schaufel und Spitzhacke zu arbeiten. Einmal wurde er gefragt, was er mal werden wolle. Und er dachte wohl an die Arbeiter und sagt: „Arbeitslos!“ Da hat mein Großvater ihm eine gescheuert. Es hat ihm wohl nicht geschadet, denn er wurde später Metzger.

Da nach Westen zu, wo grad ein freier Blick ist, war mal ein Strohstapel. Bei uns sagt man Berm. Wir haben darin eine Höhle gefunden mit Bettstatt, Kleidung und Kochtöpfen. Meine Mutter sagte, „da wohnt ein Bermkrüffer..“

Kölsch: Bärrem, Haufen oder ein Stapel (von Strohballen);
Krüffer, Kriecher; Bärremkrüffer, (übertragen) ein Landstreicher, der in einem Strohballenstapel wohnt.

Davon gab es einige in meiner Kindheit, lauter verirrte Männer, die von Krieg und Gefangenschaft traumatisiert waren und nicht mehr zurückfanden in die Zivilgesellschaft. Brrr, so unbehaust zu sein. Mir tut es beinahe Leid, dich über den wilden Strategischen Bahndamm zu schleppen. Du kommst freiwillig mit? Es schrecken dich nicht die brausenden Pappeln und erst gar nicht, dass wir in der Finsternis kaum fünf Meter vorausschauen? Gut, du hast eine Taschenlampe. Hör mal, derweil du bei jedem Käuzchenruf in die Büsche leuchtest, hab ich mir schon das Schienbein an einem heruntergefallenen Ast gebarrt. Würde es dir was ausmachen, den Lichtkegel vor unsere Füße zu halten? Es ist nicht gut, herum zu leuchten. Du scheuchst nächtliches Getier auf mit deiner Funzel. Wer weiß, was da alles über den Bahndamm kreucht und fleucht. Der ist schließlich ein Biotop, eine eigenartige Welt mit Gesetzen, die uns nicht zugänglich sind.

An dieser Stelle des Bahndamms sind wir Nettesheim am nächsten. Jetzt müsstest du eigentlich die Kirchturmuhr sehen können, – wenn du hochhüpfst, kannst du vielleicht über das Strauchwerk gucken. Wie spät es ist? Viel sehe ich auch nicht. Der kleine Zeiger steht irgendwo unten und der große ein Stückchen vor zehn.

Einmal kam ich am Aachener Dom vorbei, wo an die hundert Weihnachtsmarktbesucher den russischen Blechbläsern lauschten. Fünf ärmlich gekleidete Typen in Jeans, Anoraks und mit Mützen auf dem Kopf spielten empfindsame Barockmusik und gaben ihr bestes, bis auf den Chef der Gruppe, der immer wieder sein Instrument sinken ließ, vortrat und sich dem CD-Verkauf widmete. Das menschliche Gehirn ist ein zuverlässiges Speichermedium, findest du nicht? Man hat nicht immer alles im Arbeitsspeicher, doch wenn zum Beispiel ein paar musikalische Russen in der Dämmerung auf dem Domplatz die blechgeblasene Seufzermelodik des Barocks ertönen lassen, dann rauscht es mir ungebremst ins Gemüt und wühlte versunkene Regionen auf. Ich hätte heulen können, als die Bachtrompete meine Erinnerungen nacherzählte und es war mir, als breitete sie nicht nur mein eigenes altes Leid vor mir aus, sondern auch das Elend des Komponisten und das der Russen dazu.

Fotos und Gif-Animation: JvdL

Entschuldige das Wort Arbeitsspeicher. Jedenfalls speichert das menschliche Gehirn die Informationen ein ganzes Menschenleben. Die CD der Russen bewahrt ihre Töne vermutlich weniger lang. Hast du einmal darüber nachgedacht, dass die Haltbarkeit von Informationsträgern immer mehr abnimmt, je komplexer die Technik ist? Guck, die ältesten Bildinformationen findet man in vorzeitlichen Höhlen, die älteste Literatur des Menschen ist in den Scherben von Tontafeln erhalten. Steinritzungen halten auch lange, doch sie sind der Verwitterung ausgesetzt. Die keltische Ogomschrift zum Beispiel ist auf die Kante von Steinen geritzt, und just an ihren Kanten verwittern die Steine am schnellsten. Pergament ist noch verletzlicher. Es kann abgeschabt und überschrieben oder verbrannt werden. Bücher bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sind haltbarer als die späteren. Denn nach der Erfindung des Holzschliffpapiers wurde die Papierherstellung einfacher, das Papier zerfällt jedoch nach etwa 100 Jahren wegen der Säure, die in ihm arbeitet. Die elektrischen oder elektronischen Speichermeiden des 20. Jahrhunderts sind besonders anfällig. Neue Geräte können die alten Informationsspeicher nicht mehr abspielen, so dass viele Informationen verloren gehen. Und wie unsicher sind erst die digitalen Informationsspeicher des 21. Jahrhunderts. Spätestens wenn der Strom ausfällt, ist alles weg.

Eigentlich ist der menschliche Kopf noch immer das beste Speichermedium, wenn er nur leichter zugänglich wäre. Angenommen, auf dem Strategischen Bahndamm tut sich plötzlich eine Lichtung auf, und in einer leichten Senke stünden fünf Russen in Anoraks und blasen unter ihren Mützen fleißig Barockmusik. Dann würde mich das derart aufwühlen, dann könnte ich dir den ganzen Roman meiner Kindheit und Jugend erzählen. Tue ich aber nicht.

Folge 5 und Schluss [22:30 Uhr]

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14 Kommentare zu “Nachtwanderung (4) – Speichermedien

  1. Vor Wochen war ich auf einem stillgelegten Bahndamm unterwegs und suchte nach einem Versteck, in dem ein winziges „Dokument“ verwahrt ist. Ein langer Papierstreifen. In einer dieser unzähligen dicken Schrauben fand ich es. Eine Schraube unter all den vielen Schrauben war ein Fake. Ich konnte sie heben und darunter war diese kleine Kapsel mit dem Papierstreifen, auf dem ich meinen Namen eintragen konnte. Das ist auch so eine Art Speichermedium. Oder?

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  2. Musik hat eben viele Funktionen. Wir ziehen mit ihr in den Krieg oder vor den Traualtar. Dass sie dich so anspricht, nein, dazu bringen könnte, aus dem Nähkästchen zu plaudern, ist also nicht so verwunderlich. Aber russische Barockmusiker, die den Weihnachtsmarkt aufmischen? Andererseits, was können wir dafür, wodurch wir gerade berührt werden?

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  3. …ich hätte noch ein paar Kastanien zu verschenken? …
    Jules, was ist das wild hier um uns herum. Das, was da wild herumfunzelt, könnte Costers Stirnlampe sein. Es ist doch eine?
    Na, ja, natürlich ist es nicht so einfach, hier in dieser grabschwarzen Nacht voller Senken und Brombeerfussangeln die mähliche Verbreiterung des Dammes zu bemerken. Die schwarzen Konturen der Bäume und Büsche zeichnen sich gegen einen beinah sternlosen Nachthimmel ab. Kannst du einen Mond entdecken? Schnee wäre jetzt wirklich hilfreich beim Sehen. Doch wir haben ja Zeit. Einen Fuß vor den anderen setzen und nicht so schnell gehen, dass man aus Versehen den Vordermann umnietet.

    Also der menschliche Kopf, meinst du, ist das beste Speichermedium? Na, ja, ich merke mir die seltsamsten Sachen. Zum Beispiel das Autokennzeichen des Fluchtautos in einem Krimi, in den ich nicht einmal gewollt, eher zufällig, beim Besuch meiner wie immer fernsehenden Eltern hinein geriet. K-NS 389. Das Kennzeichen gibt es überhaupt nicht. Der Kommissar sagt zu seiner Mitarbeiterin: Merk dir das Kennzeichen! Und ich Blödi? Was mach ich? Also mit meinem Speichermedium gibt es manchmal Probleme. Es merkt sich lauter Quatsch statt wichtige Jahreszahlen, Telefonnummern und Geburtstage.

    Während ich so friedlich mit Euch wandere, schön warmgelaufen und mit dem knurpskalten Nachtwind im Gesicht, ist mir mein Gedächtnis total egal. Und zack! Weiß ich wieder diesen Namen des Schauspielers, den ich tagelang suchte und nicht mehr wusste….
    denn die Erinnerungen kommen nur klar und deutlich wieder, wenn man sich entspannen kann…

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    • Da stimme ich dir uneingeschränkt zu. Ich merke mir auch lauter Quatsch und weiß nicht wieso. Wir sind halt keine Automaten. Computer sind bislang nicht besser, merken sich auch jeden Scheiß. Aber man kann alles leichter finden. Der Mensch braucht immer einen Schlüsselreiz.

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  4. Der strategische Bahndamm wurde am Ende nicht mehr verwendet. Dort standen oder lagen zuviel der zerschossenen Lokomotiven. Wer den Bahnhof 1928 aufbaute? Das waren die Einheimischen gewesen. Es war denen ein Stolz. Eine Frage der Dorfehre.
    Ich fragte mich damals immer, warum der Bahnhof so weit vom Dorfzentrum entfernt lag (ca. 1 km zu Fuß durch die Walachei). Heute weiß ich es: damit das Dorf einen Bahnhof haben konnte.
    Der Dorfpfarrer führte fleißig Buch über all jene Dorfbewohner, welche im internationalen Kriegsgemetzel niedergemetzelt wurden. Nur das Ende des Krieges an sich, die nationale Kapitulation fand keinen Niederschlag darin. Die Amerikaner waren mit Panzer und gepanzerten Wagen bereits durchs Dorf gezogen und hatten ihren Posten aufgeschlagen. Und dann kamen russische Truppen und mit denen die Plünderungen und Vergewaltigungen. Die lapidare Antwort der amerikanischen Posten auf Beschwerden ob der russischen Plünderungen waren lediglich ein Hinweis darauf, was andere unter den Plünderungen und Vergewaltigungen der Deutschen zu ertragen hatten. Und nach den Russen, kamen die Ukrainer. Die waren unangenehm. Nicht weil sie dauernd nur plünderten oder vergewaltigten, sondern weil die einerseits stanken und abends dauernd besoffen schienen andererseits, aber auch beim duschen offensichtlich sich nicht keusch und unbeobachtet verhielten. Danach kamen die Flüchtlinge aus dem Osten, die Polen, die Italiener und dann des Nachts marodierende desertierte Truppenteile der Alliierten. Sie benahmen sich wie die Schweden im Mittelalter. Plünderten und mordeten. Und dann noch weitere Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten, welche sich auch ebenso wie deren andere verhielten. Die Erleichterung war groß, als diese Gruppen schließlich das Dorf verließen und das Dorf und die Bauernschaften wieder ihre Ruhe fanden. Flüchtlinge, Polen, Italiener und Russen hatten keinen besonders guten Ruf. Insbesondere auch nicht Frauen aus dem Ruhrgebiet, denn es wurde festgestellt, dass die Plünderer aus Polen und Italien oft deren Beute an deutsche Frauen und Kinder des Ruhrgebiets übergaben. Offenbar versorgten diese die Gegend Städte um Dortmund mit den Plünderungen des Münsterlandes, weil es dort an Waren fehlte. Geblieben ist aber das Ressentiment gegenüber Flüchtlingen, den Polen, Italienern und nicht heimischen Personen. Das hatte ich immer wieder damals in meiner Kindheit am rande mal mitbekommen.

    “ Hast du einmal darüber nachgedacht, dass die Haltbarkeit von Informationsträgern immer mehr abnimmt, je komplexer die Technik ist?“
    Der Mensch ist der komplexeste aller Informationsträger und dessen individuelle Haltbarkeit hat dank der Medizin sich gesteigert. Okay, das ist Polemik und unsachlich. Information ist geordnete Energie. Energie ist universal. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erfordert Wertschätzung.Wertschätzung wird gering geschätzt, weil nicht wertsteigernde Tätigkeit und den Shareholder-Value nicht bedient und steigert. Insofern sinkt die Wertschätzung, sinkt die Aufmerksamkeit, sinkt die Energie, benötigt es weniger komplexe menschliche Informationsträger. Woher ich das weiß? Frag eine Internetsuchmaschine, die weiß es bestimmt, ich hab keine Ahnung, mein Informationsträger ist so unkomplex geworden. Frag mein Navi, wie du mich findest.
    Das Gehirn eines Wissenschaftlers ist 900.000 Euro wert. Das Gehirn eines Politikers ist 2 Millionen Euro wert. Mein Gehirn ist 10 Millionen Euro wert. Du willst wissen wieso? Kaum benutzt. Also mach was draus. Hm. Hä?

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    • Mit deiner Polemik hast du völlig Recht. Indem, der heutige Mensch älter wird als seine Vorfahren, macht er auch ganz neue Erfahrungen, nämlich wie sich das Alter anfühlt und er muss lernen, damit umzugehen. Ich sah letztens Uschi Glas mit einem Gesicht wie ein Mumie, da regte sich kaum noch was, war alles zu gestrafft.
      Die neoliberale Wertschätzung des Menschen als Ware, die du ansprichst, ist gruselig, aber existent.

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  5. Pingback: Nachtwanderung (3) – Aus Unwissenheit kam Quatsch

  6. Pingback: Die digitale Nachtwanderung zum Nachwandern

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