Digitale Nachtwanderung (1) – Auf zum Strategischen Bahndamm

Unglaublich, wie viel Laub auf den Straßen liegt. Ich habe gelesen, dass die Erde sich schneller dreht, wenn das ganze Laub von den Bäumen heruntergesegelt ist und am Boden pappt. Dann liegt es näher an der Erdachse, und die Rotation beschleunigt sich um ein paar Nanosekunden, hat man an der Bonner Universität errechnet. Glaubst du das? Wenn das so ist, müsste sich die Erde viel schneller gedreht haben, bevor Flugzeuge erfunden wurden. Derzeit sind geschätzt täglich 10 Millionen Menschen in der Luft, ganz zu schweigen von den Flugzeugen. Wenn der Mensch abhebt, dreht die Erde sich langsamer. Also dauert eine Sekunde heute länger als noch vor 100 Jahren. Die Zeiten ändern sich, also die Zeit ändert sich. Wir glauben nur, dass sie immer gleich abläuft, weil wir keinen Vergleich haben.

Wir stehen übrigens am kleinen Bahnhof Eckum. Hier bist du garantiert noch nicht gewesen. Ich schon. Unweit von hier bin ich aufgewachsen. Der Bahnhof Eckum liegt an der Bahnlinie Köln-Roermond. Die Leute hier sagen „Rörmond.“ Dass die holländische Stadt eigentlich „Rurmond“ heißt, weil die Rur dort in die Maas mündet, dass also niederländisch oe wie u gesprochen wird, interessiert den Fahrgast nicht, denn er reist nur bis Grevenbroich, und steigt er in Gegenrichtung ein, will er sowieso nach Köln. Während er auf dem zugigen Bahnhof steht und der Zug aus Köln noch nicht kommen will, wandert sein Blick nordwärts, wo ein Bahndamm im rechten Winkel von der Bahnlinie wegstrebt und sich in der Ferne verliert. Das ist der Strategische Bahndamm.

Er ist hier mächtig hoch und über und über mit Gehölz bewachsen. Oben ragen Pappeln und Birken heraus. Gleise haben auf dem Strategischen Bahndamm nie gelegen. Die Bahnlinie, mit deren Bau man 1904 begann, ist unfertig geblieben. Der Bahndamm reicht von tief in der Eifel bis Neuss und führt nah am westlichen Ortsrand von Nettesheim/Butzheim vorbei. Als Kind habe ich dort gespielt. Im November und Anfang Dezember hatte der Bahndamm etwas Magisches, ragt grau gegen den stürmischen Westhimmel und trotzt den ewigen Böen, die über die gepflügten Felder herankommen und den Regen zerstäuben. Und hatten wir uns durch die Brombeerranken einen Weg hinauf gebahnt, dann pfiff der Wind durch die kahlen Finger der Sträucher und fuhr uns in die Glieder. Regen, du kennst es noch? Wenn es nass vom Himmel tropft.

Du wibbelst so unruhig. Wir wollen noch ein Weilchen warten, bis alle da sind. Die Taschenlampe lass besser aus, damit man nicht bemerkt, dass wir auf den Bahndamm klettern. Muss ja keiner wissen, wo wir lang wandern. Und wenn welche fragen, ob man uns gesehen hätte – die Leute hier auf den Dörfern quatschen gern. Tut mir leid, der Strategische Bahndamm ist bei Eckum ziemlich hoch, hier sollte ja die Bahnstrecke Köln – Roermond überbrückt werden. Die Brücke fehlt aber. Wir müssen seitlich raufklettern. Da ist der Strategische Bahndamm unwegsam. Guckt mal rum, wer alles mitkommt, denn es wäre blöd, wenn ihr eine helfende Hand braucht oder euch in die Hacken tretet und kennt euch nicht mal. Mir gefällt übrigens gar nicht, dass der Coster schon wieder dabei ist. Das gibt nur Ärger. Man munkelt, der hat sich in Maastricht unbeliebt gemacht und Maastricht liegt ja in der Nachbarschaft von Roermond. „Stimmts, Coster?!“

[Folge 2 gegen 20:50 Uhr]

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24 Kommentare zu “Digitale Nachtwanderung (1) – Auf zum Strategischen Bahndamm

  1. Mist, ich seh nix! Seid Ihr alle da? Doch folge brav. In Erinnerung an meine Lebenszeiten nahe der holländischen Grenze. Roermond? Klar spricht man das mit ö. Wie Straelen Straalen ausgesprochen wird. Sonnenklar und aha…ich erkenne etwas. Da hilft mir ein zweites Paar Augen beim Kucken. Jedes Paar zusätzliche Augen verdoppelt die Sehkraft. Und wenn ich hopse, bebt in Malaysia ein Zittergras und fällt vor Schreck um. Hörst du auch die Wildgänse? …

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  2. Strategischer Bahndamm? Der Bahnhof meines Herkunftsdorfes wurde vor 90 Jahren eröffnet. Es musste wegen den Höhenunterschieden der Landschaft ein Bahndamm gebaut werden. Das Material wurde von einem Frankfurter Unternehmen per Privatbahn heran transportiert, Sieben Jahre fuhr eine andere Bahn und brachte Baumaterialen und hatte noch einen Wagon für Leute und Post. Sie hatte einen Namen erhalten von den Menschen meines Dorfes. Als dann die reguläre Reichsbahn über den gebauten Damm fuhr, dauerte es kaum ein Dutzend Jahre, da wurde er strategisch. Und daher bauten die Nazis auch etwas entfernt von der Bahnstrecke einen Bahnhof auf, als potemkimsches Dorf. Die Alliierten aus England und USA fielen auch anfangs drauf rein und bombardierten diesen Pseudobahnhof. Aber danach wußten sie Bescheid. Sie kreisten über die Züge, warteten bis alle den Zug am nächsten Bahnhof verlassen hatten und beschossen dann die Lokomotive … das geschah häufiger dort, denn es war ein strategischer Bahndamm auf dem die Züge seit 1928 verkehrten …

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