In der Nacht

Er fand es nicht ungewöhnlich, nachts zu erwachen und aufstehen zu müssen. Doch diesmal war das Erwachen begleitet von Schmerz. Er überlegte, wie er am besten aufstehen würde, deckte sich auf und schob sich vorsichtig in Richtung Bettkante. Gegen den Schmerz hob er die Beine und setzte sie auf den Boden. Jetzt brauchte er sich nur noch aufzurichten. Mühsam hob er den Oberkörper an und drehte sich gleichzeitig zu seinen Beinen hin, bis er fast senkrecht über seinen Füßen war. Einen Augenblick verschnaufen und dann mutig aufrichten. Es galt, einen schmerzenden Punkt rasch zu überwinden. Der Schmerz fuhr ihm heiß in die Glieder wie ein Biss, ließ aber nach, sobald er neben dem Bett stand. Indem ein Zittern durch seinen Körper ging, als sich unwillkürlich alle Muskeln spannten, dachte er darüber nach, ob sich das Aufstehen bei drohender Gefahr wohl beschleunigen ließe. Er wartete, bis er sicheren Stand hatte und ging vorsichtig los. Vermutlich ginge bei Lebensgefahr alles schneller. Wenn er nicht in einem sicheren Haus leben würde, sondern in einer Jurte oder Hütte und das Dorf würde angegriffen. Männer mit Macheten würden sich über die Kranken und Siechen hermachen, dann würde er für einen Moment zusätzliche Kräfte mobilisieren können, jene 40 Prozent, die der Körper für Notsituationen bereit hält. Doch würde es reichen, ihn vor dem Tod zu bewahren?

Einmal war er mit dem Rennrad unterwegs gewesen auf einem Wirtschaftsweg mitten durch schier endlose Felder ohne Baum und Strauch, als sich hinter ihm ein Gewitter zusammen braute. Er war schon eine Weile am Anschlag gefahren, um dem Unwetter zu entkommen. Als das Gewitter losbrach, aus prasselndem Regen ihm ein Donnern schmerzhaft in die Ohren krachte und ein Blitz kaum einen Steinwurf entfernt ins Feld hinab zuckte, hatte er plötzlich noch zulegen können, war eine Weile schneller gefahren. Doch bald war der Punkt erreicht, dass er sich ausgepowert hatte. Er schaltete zwei Ritzel leichter und ergab sich seinem Schicksal. Ein gnädiger Wind hatte das Gewitter von ihm weg getrieben. Sonst stünde ich nicht hier, dachte er. Sonst könnte ich nicht danach suchen, bei welchen Bewegungen ein Gehen möglich wäre und welche ich besser vermeiden sollte. Und glücklicher Weise lebe ich in keinem Land, in dem nächtliche Angreifer mit Macheten zu befürchten sind. Da wäre sowieso kein Entkommen und man könnte nur auf einen raschen Tod hoffen.

Inzwischen hatte er sich mit seinen Schmerzen abgefunden, war wieder eins mit sich. Es ist mein Schmerz. Es sind meine körperlichen Einschränkungen. Das ist mein Besitz. Er reicht völlig, in dieser Welt zu bestehen. Gleich werde ich etwas essen und ein Schmerzmittel nehmen. Bei Tagesanbruch werde ich mir neue Medizin besorgen. Das sind glückliche Umstände. Wie er darauf wartete, dass das heiße Wasser durch den Kaffeefilter rann, hörte er auf seinem Flur ein Schlurfen und die Dielen knarren wie unter verstohlenen Schritten. Da schien sich was zu nähern. Würde ich noch schlafen, könnte ich das nicht hören, dachte er, senkte den Kopf und ignorierte es.

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6 Kommentare zu “In der Nacht

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