Fan und Fußball

Im Linienbus Richtung Aachen stieg an einem Samstagmittag bei Würselen ein schmaler Junge zu und saß hinfort mir schräg gegenüber. Ich konnte die Augen nicht von ihm lassen, denn der Junge war auf eine rührende Weise kümmerlich. Er mochte vielleicht 17 Jahre alt sein und schien noch nicht viel Freude erlebt zu haben. Das Leben hatte ihn im Gegenteil bereits ordentlich durchgewalkt. Das stand so deutlich in sein Gesicht geschrieben, dass mich tiefes Mitgefühl erfasste. Vor allem eines schlug mich in den Bann. Der Junge trug einen schwarz-gelben Fan-Schal von Alemannia Aachen um den Hals.

Diesem Schal galt seine ganze Aufmerksamkeit. Er nahm ihn immer wieder auf Brusthöhe mit den spitzen Fingern beider Hände, hob ihn ein wenig vor und ließ ihn auspendeln, damit sich die Fransen des Schals sauber legten. Dann wiederum kämmte er die Fransen mit den Fingern, wodurch sie kaum durcheinander gerieten, so dass er mit dem Auspendeln wieder Ordnung schaffen mussten. Der Schal verkörperte seine Fan-Existenz, und die war offenbar das Gegenteil dessen, was sein herber Alltag für ihn bereithielt. Dieser Junge veränderte meinen Blick auf die Fußball-Fankultur. Man muss selbst kein Fan sein, um sie als Phänomen unseres Alltags zu betrachten. Was man mitbekommt über die Medien sind große Inszenierungen in Stadien, entrollte Banner mit diversen Botschaften, Pyrotechnik, deren Rauchschwaden über den Rängen hängen und übers Spielfeld wabern, Fangesänge und Sprechchöre, gelegentlich Gewaltausbrüche und Hooligans, die von der Polizei vom Bahnhof zum Stadion eskortiert werden. Auch habe ich schon erlebt, wie eine größere Fangruppe eine Straßenbahn erstürmte und während der Fahrt zu hüpfen begann, so dass der Waggon in bedrohliche Schwingung geriet. Im Zug habe ich Fans auch schon erlebt, hier erzählt.

Lang ist es her, das habe ich in Aachen bei leichtem Schneefall oben auf dem Lousberg gestanden. Aus dem Tal der Soers drangen die Schlachtrufe der Fußballfans an mein Ohr. Alemannia spielte gegen FC Wasweißichwas. Ein Aufschrei, ein kollektives Aufstöhnen, – es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, und links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Es ist die geballte Energie von Gleichgesinnten, die ins Stadion donnert und wieder heraus, aus dem Tal über den Lousberg hinweg, dass mir die Ohren schallen. Der Schuss war wohl vorbeigegangen, das Tor lag im Schneetreiben, doch sofort gingen die Pauken wieder, die Sprechchöre zu takten für den neuen Angriff, den neuen Ansturm. Da werden sie gebibbert haben, die Spieler vom FC WirhabendieHosenvoll.

Stell dir vor, du bist ein Fußballer, dort unten auf dem Platz. Du bist mitten im Spiel, forderst den Ball und kriegst ihn, nimmst an, tunnelst deinen Gegenspieler, hast den Ball wieder am Fuß, guckst einmal auf, ziehst ab, und die Kirsche plumpst ins Netz. Der Torwart ist albern daneben gesprungen, die Verteidiger raufen sich das Haar. Dann kriegst du die Begeisterung aus zehntausend Kehlen. Kannst du dir vorstellen, was das mit dir macht? Du musst stabil sein, damit du nicht abhebst. Auf jeden Fall, wirst du süchtig danach. Du willst es noch mal und immer wieder, dieses Bad in sozialer Energie. Doch dann hat es eine Weile mal nicht gepasst, du bekommst Entzugserscheinungen und wirst unruhig. Du strengst dich an, doch weil du grad die Seuche hast, will einfach nichts mehr gelingen. Dann gilt die Fußballweisheit des Andreas Brehme „Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß.“

Hat eine ganze Mannschaft „Scheiße am Fuß“, leidet der Fan. Denn mit der Mannschaft ist er eng verbunden. Sie ist Teil seiner Identität, beispielsweise symbolisiert durch den Fanschal des Jungen.

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