Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag


Dritter Tag – Trügerische Erdung

ie tiefen Kellergewölbe der Bierbrouwerij hatte er nie genutzt. Ja, er scheute sich hinab zu steigen, denn beim Restaurieren des Gebäudes hatten die Arbeiter im Keller einen vermauerten Gang freigelegt. Er führte als Rampe hinab in das Gangsystem, das sich unter der Stadt erstreckte, denn die gesamte Stadt war unterhöhlt, ja, es führten sogar Gänge unter dem Fluss hindurch auf die andere Seite. Da die Straßen der Stadt sich in ihrem Untergrund zu spiegeln schienen wie ein negatives Abbild der Oberwelt, drängte sich ihm die Vorstellung auf, dass auch ein jeder Bewohner der Stadt in der Unterwelt als Schattenwesen gespiegelt wäre, wo er als Antipode kopfüber jede Bewegung seines positiven Abbilds nachvollzog. So musste es dort unten auch sein eigenes negatives Abbild geben. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er durch die Irrwege seiner Behausung streifte, allein um seinen schattigen Gegenfüßler ein wenig umherzuscheuchen.

Und dann wieder sank er irgendwo nieder und schalt sich seiner Phantasien. Schon das Auftauchen des Archivars war doch bedenklich gewesen. Dass sich jetzt ein neuerliches Trugbild seiner Vorstellung bemächtigte, war ein deutliches Zeichen, dass etwas mit seinem Geist nicht stimmte. Und dann erwog er, ob auch das Verzeichnis ein solches Trugbild sein könnte. Schon als junger Mann hatte er aufgehört, den menschlichen Wahrnehmungen zu trauen. Das geschah, als er das perspektivische Zeichnen lernte, mit dessen Hilfe in der zweiten Dimension das Trugbild der 3. Dimension erzeugt werden kann. Das Wissen um das Konstruktionsprinzip der Zentralperspektive hatte seinem Sehen die kindliche Unschuld genommen, hatte ihn aus dem magischen Schauen herausgerissen und gleichzeitig das magische Denken verdrängt. Da erst war er erwacht und seither sah er die Welt mit kritischen Augen. So war es auch den Menschen der Renaissance ergangen war, als Filippo Brunelleschi ihnen zeigte, wie ihr Sehen funktionierte und wie leicht es zu täuschen ist.

Schon als Kind lernt der Mensch aus Erfahrung, dass ein Teller kreisrund ist und nicht etwa ein veränderliches Oval, wie er sich darstellt, wenn er auf den Tisch gestellt wird. Dass die perspektivischen Verzerrungen im Geist stets gerade gerückt werden, so dass eine einheitliche Vorstellung der Dinge entsteht, diese automatische Konstanzleistung des Gehirns ist nur schwer zu überlisten. Deshalb betrachtet der Zeichner die Welt nur mit einem Auge. Das nimmt ihr die Tiefe und erlaubt, die trügerische perspektivische Wahrnehmung zu erforschen. Auf die Konstanzleistung seines Gehirns führte der Bewohner der Bierbrouwerij auch zurück, dass er zwar graue Haare hatte, im Spiegel aber stets braune Haare sah. Und da war eine weitere Wahrnehmungsstörung. Wenn er durch die Stadt streifte, sah er manchmal bekannte Gesichter. Es waren stets nur kurze Momente. Gerade keimte die Freude über die Begegnung in ihm auf, da wandelte sich das Gesicht und nahm fremde Züge an.

Warum also sollte das Verzeichnis nicht das Phänomen einer anhaltenden Falschnehmung sein? Der Gedanke beruhigte ihn, denn so würde sich das Ungeheuerliche erklären lassen, das er entdeckt hatte und ihn an einen Fehler in der kosmischen Software glauben ließ. In jener denkwürdigen Nacht des 31. Oktobers hatte er Ouspenskys seltsames Buch „Tertium Organum“ gesucht, und da er es nicht finden konnte, die Suchfunktion seines Verzeichnistools benutzt. Und da gab ihm die Verzeichnisliste an, das Tertium Organum wäre unter Zeitungen des 1. November verborgen, Zeitungen, die doch ihren Weg ins Haus noch gar nicht genommen hatten. Zunächst suchte er sich zu beruhigen, dass er sich eventuell im Datum vertan hatte, was schon einmal vorkommen konnte, wenn er tagelang nicht aus dem Haus gegangen war. Doch dem war nicht so, denn auch seine Rechneruhr zeigte den 31. Oktober. Da wagte er nicht, sich durch sein Gangsystem zu zwängen und nachzuschauen, sondern legte sich zu Bett, in der Hoffnung, dass die Welt über Nacht wieder in Takt kommen würde. Denn wenn sein Tool bereits zukünftige Ereignisse zu verzeichnen in der Lage wäre, hätte er einen Beweis, dass das Leben determiniert und die Zukunft festgeschrieben ist, so unveränderlich wie die Vergangenheit. Dann würde nicht die Zeit voranschreiten, sondern das Bewusstsein sich durch bereits Geschehenes an einer Zeitschiene entlang hangeln, bis seine Kraft erlahmt.

Indem er die Konsequenzen für das menschliche Trachten und Tun erwog, schlief er ein. Er sollte die Zeitungen des 1. November nicht mehr lesen und würde sie auch nicht auf das Tertium Organum stapeln. Im Traum fand er sich auf der Rampe im Keller. Dort wartete der Archivar auf ihn. Die dunkle Gestalt zog ihre Taschenuhr hervor und zeigte ihm das Ziffernblatt. Zwanzig vor eins. Und dann tat der Archivar zum ersten Mal seinen Mund auf und sagte: „Zeit zu gehen.“

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7 Kommentare zu “Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag

  1. Pingback: Das Verzeichnis – zweiter Tag

  2. „Gerade keimte die Freude über die Begegnung in ihm auf, da wandelte sich das Gesicht und nahm fremde Züge an….“

    Lieber Jules,
    Schöne Sätze in Deinem Text. Der hier hat es mir besonders angetan. Manche Begegnungen im Leben brauchen ein Leben Zeit und Geduld um fremde Züge in vertraute zu verwandeln. Andere hingegen erscheinen auf den ersten Blick vertraut und mit jedem weiteren Blick entpuppen sie sich fremder.
    In der Wahrnehmung durchläuft alles Gesehene die Filter der Subjektivität. So erscheint ein runder Teller dem Maler perspektivisch oval, er weiß es aber besser. Das Kind malt einen runden Teller. Er fliegt über den Tisch, weil das Kind noch nicht das perspektivische Sehen lernte. Dass die Dinge anders erscheinen können als sie sind. Eine finstere Geschichte, in der Tat. Sich zu verlieren in den Archiven der Erinnerung, in den Katakomben der Anschauungen und der Meinungen. Ja, die Geschichte geht gut aus für den Helden. Er weiß, wann es Zeit wird, zu gehen…
    Liebe Grüße von der Fee ✨

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    • Liebe Fee, was du beschreibst, erlebe ich oft, nämlich, dass ich Gesichter kontextabhängig speichere. Eine Hausbewohnerin, die ich selten sehe und nur mit ihrem Kindchen am Kinderwagen, der unten im Flur steht, sah ich letztens im Drogeriemarkt. Da war ich unsicher zu entscheiden, ob sie es war oder nicht.Ja, meine Geschichte iost ein bisschen düster. Sie thematisiert, dass menschliche Wahrnehmung eigentlich Falschnehmung ist. Im Kontakt mit anderen wird diese subjektive Falschnehmung korrigiert. Doch wenn sich jemand zurückzieht wie der Protagonist, fehlt ihm das Korrektiv durch die Mitmenschen. Dass Gehen im Schluss interpretiere ich als Eingehen in die Unterwelt = Lebensende. Für manche ist’s eine Erlösung, insofern geht die Geschichte gut aus.
      Lieben Gruß, Jules

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  3. Das „Ende“ unter dieser Geschichte hat nun wirklich mal seine Berechtigung. Aus und vorbei. Im Traum dem Archivar begegnen, der weiß, was wo ist und offenbar auch, was wann wo sein wird, das ist keine gruseliges Ende, das ist ja ein hoffnungsvoller Schluss, eine sanfte Erlösung aus einer Welt, die den Protagonisten längst das Fürchten gelehrt hat. Nicht der Tod hat seine Schrecken, sondern die unbeherrschbare Vielfalt, die Unsicherheit der Wahrnehmung: Das Leben.
    Ich hatte schon erwartet, dass du deinen Protagonisten mit einigen deiner persönlichen Sichtweisen und Erfahrungen ausstatten würdest. Wir begegnen im Text ja auch immer Einschüben, Überlegungen, die nicht dazu dienen, die Handlung voranzutreiben, sondern ihr theoretisches Fundament offenzulegen.
    Natürlich darf der Autor eines fiktionalen Textes nicht mit dem Protagonisten verwechselt werden, es macht aber trotzdem Spaß, nach den Übereinstimmungen, die ja oft biografischer Art sind, und Unterschieden zu suchen. Du hast mich gut unterhalten, ich wußte nicht, worauf der Text hinauslaufen würde, auch wenn schnell klar war, dass es hier kein Happy End geben konnte.

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    • Dass eingeschobene Reflexionen das (mein) theoretische(s) „Fundament offenlegen“, ist treffend gesagt. Ich hätte das so nicht gesehen, finde es aber plausibel..Mir kommt es manchmal so vor, als wären viele meiner Texte das Vehikel für die Vermittlung von Wissen, weil ich im Herzen immer noch Lehrer bin. Da bin ich froh, wenn das jemand so freundlich einordnet wie du. Die Nähe von Autor und Erzählfiguren ist nach meiner Einschätzung ein Effekt des Bloggens. Deine Worte zeigen mir, dass ich als Autor immer präsent bin in meinen Texten und nicht hinter die Protagonisten zurücktrete wie du das beispielsweise gut beherrschst und derzeit in einer Geschichte zeigst: Danke fürs aufmerksame Lesen und für deinen erhellenden Kommentar.

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