Den Falschen zu predigen, ist auch keine Lösung

Es fällt schwer, in der Maserung der Dielenbretter keine Gesichter zu sehen. Pareidolie=Hineinsehen heißt das Wahrnehmungsphänomen. Wo in meinen Dielen zwei Astlöcher dicht beieinander stehen, sehe ich Augen. Jeder Mensch sieht das. Es ist eine anthropologische Konstante. Sie geht vermutlich auf frühkindliche Eindrücke zurück, nämlich auf den ersten Eindruck, den der Säugling vom Gesicht der Mutter gewinnt. Wir finden die Konstante in der einfachen Zeichnung: „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht“ wie auch in der modernen Form, dem Smiley.

Seit einigen Tage sehe ich in den Dielenbretter vor meiner Badkammer das Gesicht eines treuherzig nach oben blickenden kleinen Fuchses und frage mich, wen er wohl anblicken mag. Ignorieren möchte ich die Zwiesprache des kleinen Prinzen mit dem Fuchs, dessen Worte „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ durch tausendfaches Zitieren gänzlich banal geworden sind. Nein, dieser fabelhafte Dialog ist bereits zu abgedroschen. Ich erinnere mich vielmehr an den Heiligen Franz von Assisi. Dieser merkwürdige Heilige trat niemals auf ein Stück Papier, das am Boden lag. Egal wie unscheinbar der Fetzen, es könnte der Name Gottes darauf stehen. Und es verbietet sich, darauf zu treten. In dieser Vorstellung sind die Schriftzeichen des Namens gleich gesetzt mit der Sache, also Gott, womit ich nicht gesagt haben will, dass Gott eine Sache ist. Nicht dass man mir das Teestübchen abfackelt.

Franz predigte den Tieren zu Lande, den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft. Zu diesem Heiligen sieht der Fuchs auf. Er muss bereits eine Weile der Predigt gelauscht haben, denn seine Augen wirken wach wie nach einer gewonnenen Erkenntnis. Welche Erkenntnis mag das sein? Wenn Franz ihm vom Schöpfergott gepredigt hat, geht die Erkenntnis über das Fuchsdasein hinaus. Wie schrecklich. Ab nun ist es ihm verwehrt, seiner Fuchsnatur gemäß ein Huhn bei der Kehle zu packen, es tief bis ins Blut zu beißen und zu schütteln, bis es aufhört zu zappeln. Im schönsten Blutrausch hält der Fuchs inne und fragt sich, was tue ich hier? Ist nicht das Huhn ein Geschöpf Gottes so wie ich? Und da ihm die vegane Ernährung noch unbekannt ist, muss er leider voller Selbstzweifel verhungern. Glücklicherweise ist er nur eine Zeichnung meiner Dielen.

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Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag


Dritter Tag – Trügerische Erdung

ie tiefen Kellergewölbe der Bierbrouwerij hatte er nie genutzt. Ja, er scheute sich hinab zu steigen, denn beim Restaurieren des Gebäudes hatten die Arbeiter im Keller einen vermauerten Gang freigelegt. Er führte als Rampe hinab in das Gangsystem, das sich unter der Stadt erstreckte, denn die gesamte Stadt war unterhöhlt, ja, es führten sogar Gänge unter dem Fluss hindurch auf die andere Seite. Da die Straßen der Stadt sich in ihrem Untergrund zu spiegeln schienen wie ein negatives Abbild der Oberwelt, drängte sich ihm die Vorstellung auf, dass auch ein jeder Bewohner der Stadt in der Unterwelt als Schattenwesen gespiegelt wäre, wo er als Antipode kopfüber jede Bewegung seines positiven Abbilds nachvollzog. So musste es dort unten auch sein eigenes negatives Abbild geben. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er durch die Irrwege seiner Behausung streifte, allein um seinen schattigen Gegenfüßler ein wenig umherzuscheuchen.
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