Eingefahrene Karrenspuren des Denkens

Aus Sicherheitsgründen habe ich das Gehen wieder entdeckt, laufe all die Strecken zu Fuß, die ich früher mit dem Fahrrad gefahren bin. Drum wunderte ich mich nicht, als ich am Überweg Küchengarten – Limmerstraße mich ganz in Gedanken auf der Radfahrerspur eingeordnet habe. Über die Jahre hat sich ein Wahrnehmungsmuster eingegraben wie eine tiefe Karrenspur in einen schlammigen Feldweg. Solche Karrenspuren sind schwer zu verlassen, und ich fürchte, in Wahrnehmung und Denken mehr davon zu haben als mir lieb ist. Es wäre mindestens hilfreich, ein Luftbild zu haben, um zu sehen, wo all die eingefahrenen Spuren verlaufen und welche Regionen von ihnen ausgespart werden. Dann könnte man sich vornehmen, einmal quer durch zu denken, ach, wäre das hübsch.

An ein uralt Muster, dessen Herkunft ich nicht kenne, wurde ich erinnert durch die Litfaßsäule unweit meiner Wohnung. Das Wort Litfaßsäule wird übrigens auch nach der Orthographiereform nicht etwa wie das Fass, sondern weiter mit Eszett geschrieben, weil sie nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß, so heißt. Und Namen werden von der Orthographiereform nicht erfasst. Das Namenrecht der Familien ist quasi unantastbar. Also „Litfaßsäule.“ An der Litfaßsäule hängt ein Plakat, das ein Konzert von Mark Knopfler (Dire Straits) ankündigt. Knopfler ist gewiss ein guter Gitarrist und schuldlos daran, dass ich nur ein paar Akkorde von seiner Hand hören muss und mich umfängt eine schier tödliche Langeweile. Auch so ein Wahrnehmungs- und Denkmuster.

Ich wollte übrigens eben von Ernst Litfaß die Lebensdaten wissen. Google blendete mir das links ein. (Screenshot). Warum soll ich wissen, dass „andere auch nach“ nach Klaus Siebenhaar „suchten?“ Wer jetzt neugierig geworden ist, möge das Bild anklicken. Dann müsste eigentlich das gleiche Ergebnis wie im Screenshot erscheinen. Es ist eine durchaus nützliche Funktion gegen eingefahrene Karrenspuren des Denkens. Vorausgesetzt, man kreist jetzt nicht nur um Klaus Siebenhaar. Sein Nachbar in der Leiste, Wilfried F. Schoeller wäre gewiss froh um sieben Haar auf der Platte. Namen (oder Haare) können so ungerecht verteilt sein. Und Google zeigt das auch noch!

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Das Verzeichnis – zweiter Tag

Zweiter Tag – Fatales kam aus Gras

ußer der Postbotin kannte er niemanden. Denn obwohl er den Dialekt der Stadt längst verstand, weigerte sich seine Zunge, ihn zu sprechen. Einem verirrten Besucher würde sich hinter der Tür zur dritten Etage der Bierbrouwerij ein langer Gang auftun, dessen Wände aus gestapelten Prospekten bestehen. Diese Abteilung der grauen Literatur ist gut 20 Meter tief, hat an ihrer Basis Kataloge und Telefonbücher und hoch oben nur dünne Prospekte, von denen das eine oder andere herunter auf die Dielen geweht ist. Der Gang endet an einer Gabelung. Rechts gelangt man zwischen hohe Buchstapel, die sich bedenklich nach innen neigen. Es gibt alberne Weisen, zu Tode zu kommen. Von religiösen Büchern erschlagen und verschüttet zu werden, ist eine davon, weshalb sich der Besucher besser nicht rechts halten würde, wenn’s auch im metaphorischen Sinne hundertmal gut und richtig ist, den rechten Weg zu nehmen. Der linke Gang führt zwischen hohen Holzregalen hindurch, in denen sich Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Couleur stapeln. Und da zu fragen ist, ob diese Printerzeugnis in ihrer Summe nicht wesentlich besser Auskunft geben über das menschliche Dasein als philosophische oder religiöse Werke, wendet sich der kluge Besucher nach links, zumal die Presseerzeugnisse durch die rohen Regalgitter gehalten werden. Bald türmen Schränke und andere Möbel sich auf und bilden ein schier undurchdringliches Labyrinth, in dem sich der Besucher verirren würde. Daher ist es besser, nicht weiter vorzudringen, sondern zu rufen und zu hoffen, dass von irgendwo Antwort kommt oder ein Schrank zur Seite gerückt wird, was vermutlich nicht geschehen wird, wenn man nicht ausdrücklich gebeten wurde. Meines Wissens ist das seit Jahren nicht geschehen.

Einmal war er nicht ganz bei Sinnen, denn er hatte sich mit Grasrauchen betäubt. Weil es ihm an Koordination mangelte, drückte er auf seinem Laptop versehentlich eine Tastenkombination, die ein seltsames Tool aufgehen ließ. Das Tool spiegelte den Grundriss seiner Etage, und klickte er eine beliebige Stelle an, blendete sich ein kleines Fenster ein, in dem eine Nachricht stand, mal „dieser Platz ist leer“, mal eine Liste der Dinge, die sich an diesem Platz befanden. In den nächsten Tagen entdeckte er, dass sich das Verzeichnis der Dinge fortschrieb, als säße irgendwo ein stummer Sekretär, der alle neuen Gegenstände getreulich archivierte. Ein solches Wesen bekam er aber nie zu Gesicht, weshalb er den Glauben an dessen Existenz bald verwarf. Trotzdem setzte sich diese Idee in ihm fest, denn von allen möglichen Erklärungen des Phänomens war es doch die am leichtesten fassliche. Der Mensch braucht Bilder, vor allem dort, wo sich die Welt nicht erklären mag. Er stellte sich den Sekretär als hageren verknöcherten Mann vor, der von der Last seiner Jahre ein bisschen krumm geworden. Nie verzog der Sekretär eine Miene. Stumm ging er seiner Arbeit nach, saß am Rechner wie ein Schreiber, der sich nicht mit der Tastatur der Schreibmaschine anfreunden mag und viel lieber an einem Stehpult mit der Spitzfeder übers Papier kratzen würde.

Es gefiel ihm, sich den Sekretär vorzustellen, und er gab seinem unsichtbaren Faktotum Anweisungen, fragte nach seinem Befinden oder tadelte dessen ungeschicktes Hämmern auf der mechanischen Tastatur. Nein, dieser verknöcherte Kerl würde es nicht mehr lernen, konnte die technische Entwicklung offenbar nicht nachvollziehen. Die mechanische Schreibmaschine war nichts für ihn, die braucht geschickte Frauenhände. Daher stellte der Bewohner der Bierbrouwerij seinem imaginären Sekretär ein Stehpult hin und legte die alten Schreibutensilien für ihn bereit, die in den Kantoren des 19. Jahrhundert im Gebrauch gewesen waren, bevor die Tippmamsells die Bürowelt eroberten. Gewiss war auf der 3. Etage der Bierbrouwerij einst die Verwaltung gewesen, und ebenso gewiss hatten solche Schreiber dort an Stehpulten gestanden, hatten die Geschäftsbriefe geschrieben und Listen geführt.

Tatsächlich konnte er auf seinem Verzeichnis-Tool Kurrentschrift einstellen, was eine hübsche optische Bekräftigung seiner Idee war, das Verzeichnis würde sich nicht selbsttätig fortführen, sondern von einem stummen Archivar verwaltet, der mit einer Spitzfeder Kurrentbuchstaben schrieb wie gestochen. „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt“, sagte 1996 der scheidende Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, als man ihn beschenken wollte. Dahinter steckte Vernunft, denn in einen geordneten Haushalt dürfen nicht wahllos die Dinge eindringen. Es bedarf der ständigen Erwägung, welche Dinge man zulassen will und welche nicht. Denn Haushalte scheinen die Dinge magisch anzuziehen, und sie sind erfahrungsgemäß unersättliche Sammler, was jedoch eher eine Eigenschaft ihrer Bewohner ist. Eine natürliche Grenze ergibt sich durch das Praktische. Wenn Ordnung zur beständigen Unordnung verkommt, beginnt eine Behausung unkontrollierbar zuzuwachsen.

Lag es am Verzeichnis-Tool, dass er das Zuwachsen der dritten Etage zugelassen hatte? Gab es ihm eine trügerische Sicherheit, dass ja alles zu finden wäre, egal wo es verschüttgegangen? Er brauchte ja nur sein Verzeichnis zu fragen, wo sich gerade die Knoblauchpresse befand, wo die Schuhbürste abgeblieben war oder sich der Rasierpinsel aufhielt. Vielleicht lag es auch am Verzeichnis, dass er aufgehört hatte, auf eine gewisse Ordnung mancher Dinge zu achten. Er konnte sich zwar stets gut erinnern, wo ein von ihm gesuchtes Zitat auf einer Buchseite stand, war jedoch gänzlich hilflos geworden, was die Dinge seines natürlichen Bedarfs betraf. Die Ernährung zum Beispiel war ein einziges Ärgernis, denn er konnte die zum Kochen und Bruzzeln benötigten Gegenstände zwar im Verzeichnis orten, kam jedoch häufig nicht an sie heran, weil sie verschüttet waren. Daher aß er meistens auswärts, saß stumm am Fenster eines Restaurants und schob sich gedankenvoll irgendwas zwischen die Zähne.

Als später das Stehpult unter anderen Gegenständen verschwand, kam auch der Archivar nicht mehr. Manchmal ertönte noch ganz in der Nähe sein trockenes Husten, doch da sich das Stehpult nicht mehr frei räumen ließ, ohne andere Stapel zu gefährden, war da kein Platz mehr für den Archivar, obwohl er nur ein Eckchen benötigte. Das war eine üble Sache, denn der Archivar war doch längst zu seinem Gegenüber geworden und hatte ihm auch in den nächtlichen Stunden inneren Halt gegeben, da er doch nie zu schlafen schien, sondern stets sofort heranschlurfte, wenn er sich gerufen fühlte.

Sich mit ungezählten Dingen zu umgeben, die allesamt ihre eigene Geschichte haben, im Kontext mit anderen ihrer Zeit stehen, so dass sich die Vergangenheiten unentwirrbar mit der Gegenwart vermischen, das ist nicht gut für den menschlichen Geist. Nicht umsonst umgibt sich der Mensch mit Hecken, Wänden und Mauern. Selbst der Berber am Fluss kriecht bei Nacht in einen Karton, um der weiten Welt den Schrecken zu nehmen. Und schluckt er vor dem Einschlafen eine halbe Flasche Fusel, errichtet er eine Wand gegen seine elende Vergangenheit, so dass ihm die Träume Hoffnung bringen können. Es war schon ein Fehler gewesen, dass der Bewohner die Büroetage der Bierbrouwerij De Keizer hatte ihrer Wände berauben lassen. Die alten Mauern hätten seinem Dasein eine Gliederung angeboten, hätten ihm gleichsam eine geistige Ordnung vorgegeben und verhindert, dass er bald aus der Welt rutschten würde.

Fortsetzung 3. Tag