Zwei Worte für und gegen den Schmerz

„Gute Besserung!“, haben mir liebe Menschen gewünscht, nachdem ich mir eine Rippe gebrochen hatte. „Gute Besserung“ steht auf der Packung Papiertaschentücher, die mir die Apothekerin schenkte. Ärzte wünschen einem nie „gute Besserung!“ Ihr Geschäft ist das Kranksein, nicht die gute Besserung. Auch wenn sie über die professionelle Haltung hinaus ein wenig Anteil nehmen, kommt ihnen „gute Besserung!“ nicht über die Lippen. Dass es Wochen dauert, bis ich beschwerdefrei bin, haben mir alle gesagt. Da sie wissen, dass diese Geschichte ihre Zeit braucht, sparen sie sich die Floskel.

Ich las, als es mir einmal sehr schlecht ging, eine andere Floskel: Meine Schmerzen glichen denen der gebrochenen Rippe. Man glaubt es kaum, aber wann immer derzeit der Schmerz die Schmerzmittel glutheiß überstrahlt, dann denke ich, dass ich solche Schmerzen, diese sengenden Stiche zwischen den Rippen, schon einmal zuvor erlebt habe. Aus Gründen hatte ich mich im Sommer 2005 von Lisette getrennt und all ihre Versuche, mich zurückzugewinnen abgewehrt.

Bei der Bundestagswahl im September war ich Wahlvorstand, musste nach der Stimmauszählung den Koffer mit den Stimmzetteln und Wahlunterlagen ins Verwaltungsgebäude der Stadt Aachen bringen. Danach bummelte ich zum Rathaus. Dort war ich mit meinem jüngsten Sohn verabredet. Wir wollten im Krönungssaal zusammen die Wahlpartie erleben. Er kam nicht. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet hatte, beschloss ich zu gehen, stieg die Treppe hinab, und da kam mir entgegen – Lisette! Wir hatten uns Wochen nicht gesehen und waren elektrisiert. Wie selbstverständlich begleitete ich sie zurück in den Krönungssaal, wo wir einige Stunden verzaubert nebeneinander standen. Auf großen Bildschirmen lief die „Elefantenrunde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien. Gerhard Schröders arroganter Auftritt sollte legendär werden, in dessen Folge Angela Merkel Bundskanzlerin wurde. Ich habe gelegentlich zu den Bildschirmen hochgeschaut, doch nichts, aber auch nichts mitbekommen.

Viele Wochen hatte ich mich nur halb gefühlt wie einer von Platons zerschlagenen Kugelmenschen. Kugelhälften rollen nicht, sie trudeln oder kreisen um sich. Ich halber Kugelmensch war umher gezogen wie ein Geist, hatte alles unternommen, um mich abzulenken und diesen elendigen Verlustschmerz nicht zu haben. Einmal war ich bei meinem Bruder gewesen, hatte einige Tage dort übernachtet. Ich fuhr mit dem Rad durch den Wald zu einem nahen Kloster. Ein wehes Gefühl des Verlustes und der Sehnsucht wühlte in meiner Brust gleich einem tollwütigen Hund. Ich will diesen Schmerz loswerden. Weiß nicht wohin mit mir, will entfliehen. Drum betrete ich den Friedhof, wo Patres und Mönche begraben sind. Ich gehe zwischen Gräbern über hellen Kies, lese von den Grabsteinen laut die Namen der Toten ab, als würde ich mir eine Mannschaft zur Verstärkung aufrufen. Ich und meine wachsende Schar, wir schreiten über Kies. Doch gegen den Schmerz helfen sie mir nicht, nur müde werde ich, unsagbar müde. Ich lege mich auf eine Bank und sinke in einen unruhigen Schlaf.

Wo der Schmerz lauerte – Aachen, Kleinmarschierstraße – Foto: JvdL

Das alles war überstanden, dort neben Lisette im Krönungssaal. Zum ersten Mal seit Wochen war ich schmerzfrei. Mit Lisette an meiner Seite war ich wieder ganz. Alles andere um mich herum war nebensächlich, entzog sich meiner Wahrnehmung. Ich erkannte, dass die Trennung ein verderblicher Gewaltakt gewesen war und dachte: „Dann muss es eben weitergehen.“ Einige Tage später, ich hatte vergeblich gehofft, dass sie sich meldete, da lief sie mir in der Stadt Hand in Hand mit einem anderen Mann übern Weg. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause fand. Damals hatte ich einen glühenden Schmerz in der Brust, der exakt dem nach einer gebrochenen Rippe entsprach. Von irgendwo flog mir die zweite Floskel zu, deren korrekten Wortlaut ich erst seit kurzem kenne. Ich hörte es so: „In der Not wächst das Rettende auch.“

Vergeblich hielt ich nach dem Rettenden Ausschau. Die Sache wollte ohne Rettung ausgestanden sein. Nur die Zeit hat Rettung gebracht. Ich kam zu dem Schluss, dass die Floskel selbst das Rettende ist, denn die Worte bieten Trost, sind wie ein schmaler Mauervorsprung, unter den man ich rettet, wenns vom Himmel schüttet. Der schmale Vorsprung schützt nicht wirklich, ebenso wenig wie der korrekte Wortlaut: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Er entstammt der Hymne Patmos des Friedrich Hölderlin und meint göttliche Rettung. Auch hier bringen letztlich die Worte die Rettung. Das schmale Vordach, unter dem es trieft, unter das der Regen schlägt, es von allen Seiten hineinspritzt, es wächst nicht, auch nicht durch göttliche Hilfe. Nur die Zeit dehnt sich. Froh um jede vergangene Viertelstunde! Wenn also in Wahrheit nur die Zeit die Rettung vor Schmerz bringen kann, wächst in der Not/Gefahr die Zeit? Vergeht sie deshalb so langsam, weil sie, je nach Schmerz anwächst?

11 Kommentare zu “Zwei Worte für und gegen den Schmerz

  1. Ich denke, Schmerzempfinden ist individuell. Ich hatte einmal Liebeskummer mit jeder Menge Drama. Es war so schlimm, dass ich gar nichts mehr gefühlt habe. Dieser Zustand hielt sehr lange an. Rückblickend hätte ich lieber Schmerz empfunden.

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  2. Dein Text gefällt mir sehr, dafür mach ich das Mögesternchen. Dass Du Schmerztexte voller Tiefe schreibst, ist irgendwie auch klar.
    Um große Lieben und Verluste in meinem Leben trauere ich ein Leben lang. Das geht nicht einfach so weg oder löst sich auf. Inzwischen habe ich erkannt, dass diese Trauer auch ein Zeichen des hohen Wertes sind, den diese Leute für mich haben/hatten. Das strahlt weiter, sogar dann noch, wenn es diese Leute in meinem Leben nicht mehr gibt…oder wenn sie mich verletzten- was auch vorkam.
    Ich wünsche mir, dass das doofe Stechen in Deinen Rippen bald vorbei ist und dass ein tiefes Durchatmen wieder möglich wird.
    Ich wünsche Ihnen mäßige Gesundheit! Hahaha! Ärzte müssen ja auch leben, nix für ungut was? Wieherte mal ein alter Doc vom Lande mir hinterher und ich feixte zurück: so viel Ehrlichkeit steht Ihnen vorzüglich zu Gesichte, werter Herr Doktor! Auf nicht zu baldiges Wiedersehen.
    Er lachte umso lauter…
    Werd gesund, Jules.
    Gute Wünsche der Fee begleiten Dich.
    Liebe sonnige Grüße von selbiger✨

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    • Das freut mich, liebe Fee. Platons Metapher vom Kugelmensch, den Zeus zerschlagen hat, so dass die Hälften umherirren und ihre zweite Hälfte suchen, trifft also auch auf dich zu. Hat man diese Hälfte gefunden und wieder verloren, trauert man dem Verlust wie du sagst „ein Leben lang“ nach. In diesem Schatten stehen alle nachfolgenden Beziehungen, schade für die neuen Partner.
      Heute habe ich mich durch Schreiben hübsch ablenken lassen, war bummeln und hoffe auf eine pflegliche Nacht. Dankeschön für deine guten Wünsche und den erheiternden Bericht von deinem Arzt. Das tut gut.
      Lieben Gruß und einen schönen Feiertag,
      Jules

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      • Lieber Jules,
        Nein, leider fand ich meine andere oder „bessere“ Hälfte nicht oder sie mich nicht? Platons Kugelmensch ist zu bedauern, braucht er doch seine andere Hälfte um ganz sein zu können. Ich kann mir niemanden vorstellen, der meine fehlende Hälfte sein könnte. Sowas Komisches, Schräges und Seltsames wie mich soll’s als Adam echt noch mal irgendwo in der Welt geben? Das ist so unvorstellbar für mich wie die Idee, jemand könne in mir etwas für sich entdecken, eine Art Kugelmenschhälfte…
        Erfüllung erfahre ich mit all jenen, die mich erweitern. Einige davon sind Herz- und Nahmenschen.
        Es ist unendlich wert, wenn man mit jemandem zusammen entspannt sein darf.
        Wenn man ihn dann noch liebt – umso schöner.
        Schreiben, wenn‘s zwiebelt. Oder: wenn‘s hinten zwackt und vorne beißt, nimm einen guten Himbeergeist…
        Die Sonne tat mir beim strammen Laufen wohl und heut Morgen nach dem Sturm sah der Himmel aus wie wachgeküsst und die Luft schmeckte nach weißem Leinen.
        Erhol Dich gut, heut Nacht.
        🧚‍♀️

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  3. Schmerzen haben und den Kopf so frei bekommen, dass du schreiben kannst, das finde ich bemerkenswert, oder, wenn ich dich richtig verstanden habe, ist es sogar eher so, dass du dein Schreiben eingesetzt hast, um den Kopf frei zu bekommen und dem Schmerz zu trotzen, nein, nicht zu trotzen, auszuweichen. Dass dir zur gebrochenen Rippe dann auch noch das unglückliche Ende einer Beziehung einfällt… da sind wir doch gleich bei unserem christlichen Hintergrund, Schöpfungsgeschichte, erst der Mann und dann die Frau, die aus der Rippe des Mannes… also kein Wunder, wenn der Rippenbruch an den Beziehungsbruch denken lässt.

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    • Die Wahrheit ist, dass mir zuweilen die Sitzposition am Rechner behagt. Wenn ich mich dann noch aufs Schreiben fokussieren kann, sind die Schmerzen für eine Weile zurückgedrängt. Deine Assoziation zur biblischen Rippe gefällt mir sehr, weil sie plausibel ist und weil ich im Leben nicht drauf gekommen wäre. Deine Gedanken sind mal wieder überraschend und erbaulich zu lesen.

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  4. Oweh! Dass der talentierte Schaumschläger Friedrich Merz als oberste Finanzheuschrecke Frau Merkel beerben und womöglich der nächste Kanzler der CDU werden will, verheißt eine Menge Kopfschmerz Darüber kann Schwitters heitere Merzkunst kaum hinwegtrösten.

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