Protokoll einer besinnungslosen Nacht

Ich kam mir schon wie ein Simulant vor, als ich am Nachmittag bei meiner Ärztin saß. „Lange nicht gesehen“, hatte sie mich begrüßt. Und ich hatte gesagt: „Ja, mir ging’s zu gut. Drum habe ich mich mit einem Fahrradsturz selber ausgeknockt.“
„Tja, passiert“, sagte sie. Überhaupt taten alle Ärzte so, als wäre es das selbstverständlichste der Welt, sich eine Rippe zu brechen.
„Sie sollten das nicht zum Anlass nehmen, auf Radfahren zu verzichten“, sagte sie noch. Da war ich fast schmerzfrei und hätte mich glatt wieder aufs Rad setzen wollen.

Am Abend jedoch, hatte eine unbedachte Bewegung erneut einen höllischen Schmerz freigesetzt, den ich in keiner Stellung lindern konnte. Da wusste ich nicht, mich zu lassen. Einzig mein TV-Sessel bot mir Halt genug. Ich schaute mir das beknackte Programm an, zog mir einige Wiederholungen rein, wartete und hoffte auf „extra3“, aber als ein gutgelaunter Christian Ehring vors begeistert applaudierende Studiopublikum trat, bin ich eingeschlafen, nicht ohne vorher zu denken, diese professionellen Anheizer, Warmupper genannt, die aus vernünftigen Menschen Füße stampfende, wild klatschende und johlende Idioten machen, gehören standrechtlich erschossen. Aufgeheiztes Studiopublikum in Satiresendungen wie extra3 oder schlimmer noch in der heute show ist der wahre Irrsinn, denn wenn in den Sendungen politischer Unverstand und politisches Versagen, gesellschaftlicher und bürokratischer Schwachsinn satirisch aufgespießt werden, das Publikum anschließend klatscht und johlt, wirkt es immer wie Begeisterung über das aufgespießte Übel. Klar lässt gedankliche Trennschärfe erkennen, dass nicht die devoten Kratzfüße unserer Bundesregierung vor der Autoindustrie etwa bejubelt werden, sondern die Formen der satirisch vorgebrachten Kritik, aber indem die Bilder die beherrschende Botschaft sind, entlarvt sich im törichten Publikumsgetue, das ja stellvertretend für uns alle da sitzt, was sind wir doch für Idioten, dass wir das alles mit uns machen lassen. Klar, den Bürgern geht’s wie mir, sie können sich drehen und wenden wie sie wollen. Es tut immer weh und wird nicht besser.

Meine lieben Damen und Herren, bitte vergegenwärtigen Sie, dass ich oben bei Christian Ehrings Auftritt schon eingeschlafen bin, alles was danach kam und kommt im halbbewussten Zustand geschieht. An die Oberfläche kam noch der bizarre Auftritt der Bayern-München-Bosse, vermutlich bei ZAPP gesehen. Die Herren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, ein verurteilter Steuerhinterzieher und ein ertappter Schmuggler von Rolex-Uhren, beklagten sich bei einer Pressekonferenz über kritische Medienberichte, und Rummenigge untermauerte seine Klage mit dem Verweis auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Journalisten hätten dagegen verstoßen, indem sie die Leistung einiger Spieler von Bayern München kritisierten. Oje, das tut weh. Weh hatte mir schon Tage zuvor getan, als in der Zeit folgendes zu lesen war. (Zum gesamten Text bitte Bild anklicken!)

Nun sind ja Sportjournalisten nicht die hellsten Kerzen auf der Redaktionstorte. Aber hätte nicht ein wachsamer Kollege mit einem Rest an Sprachgefühl dem Oliver Fritsch sagen können, das obengenannte Halunkenpack besser nicht „derart hochrangig“ zu nennen? Natürlich gibt es in der Hierarchie von Ganoven welche, die das Sagen haben. Da könnte die Zeit genauso unbedarft schreiben: „Die Pressekonferenz der Hamburger St.-Pauli-Zuhälter war mit Louis Mädchenhirt und Lude Stenz erstaunlich hochrangig besetzt.“ Um Rummenigge zu zitieren: „Geht’s eigentlich noch?“ Immerhin schlafe ich schon und berichte von Alpträumen, die mir die schmerzende Rippe beschert.

Gegen Morgen war allerorten die Rede von irgendwelchen Paketbomben in den USA, die zwar nicht hoch gegangen waren, über die die tumbe ARD aber gewiss noch einen „Brennpunkt“ hinter die Tagesschau schieben wird. Irgendwann fand ich glücklich die Ausschalttaste und träumte schön von meiner jüngsten Exfreundin, das einzig Positive, wovon ich unter jetzt wieder erwachten Schmerzen berichten kann. Kollege Glumm forderte mich kürzlich zu mehr Jammern auf. Aber mehr ging beim besten Willen nicht. Bin einfach zu geschwächt.

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20 Kommentare zu “Protokoll einer besinnungslosen Nacht

  1. Ich gebe ja oft den Spielverderber, wenn irgendwo heftig gejammert wird. Aber hier gratuliere ich zu einer beachtlichen Jammertirade, deren Funktion als psychohygienisches Abführmittel einfach nicht zu unterschätzen ist. Ich glaube sogar, sie lindert Schmerzen. Und bedeutende Schriftsteller gründeten dereinst ganze Karrieren darauf, z. B. der sehr geschätzte Thomas Bernhard. In diesem Sinne, weiter gute Besserung!

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  2. Warmupper finde ich völlig überflüssig und die Lacherei sowas von irrtierend….und ich will Dir keine Illusion nehmen, aber für Ärzte ist ne Rippe sowas von langweilig;-) Weiterhin gute Besserung!

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    • Die bekommen doch sicher Zeichen vom Warmupper 😉 können vielleicht gar nicht mehr eigenständig reagieren. Dass sie ihre eigene Überflüssigkeit beklatschen, gefällt mir sehr. Ihre tatsächliche Überflüssigkeit hindert sie nicht, immer eitel zum Studiobildschirm hochzuschauen, wenn die Kamera sie beim Klatschen und Jubeln erfasst.

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  3. Weia! Rippenbruch mit progredienter öffentlich-rechtlicher Demenz. Das ist eine letale Diagnose, wenn man den Ausknopf nicht findet. Ich kann mit dem Humor von NDR und ZDF auch nichts anfangen, obwohl die Beiträge oft sehr gut recherchiert sind. Gute Besserung wünsche ich Dir.

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    • Ach ja, „grundlos“ jammern, liebe Mitzi, das wünsche ich mir. Eins lerne ich jetzt, dass vieles um mich herum gut war und ist, bevor ich so deppert gestürzt bin, beispielsweise die vielen guten Blogfreundinnen und Blogfreunde . Wenn Jammen keine echten Gründe und mithin keine Antlastungsfunktion hat, kann ich es vermutlich kaum.
      Die Fußballwelt kann man von zwei Seiten betrachten, Blick auf geldverdorbene Bosse und Spieler oder mit Blick auf die Fans, deren einzige Freude Fußball ist, entsprechend einem Vers aus einem Bayern-München Fangesang: „Du Sinn unsres Lebens.“ Das rührt mich, und ich will demnächst noch mal drüber schreiben, etwa wie hier https://trittenheim.wordpress.com/2015/10/25/bahngeschichten-mann-mit-pferdeschwanz-gesucht/

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  4. Rippe kaputt…puh…nicht nur Prellung, lese ich da und raufe mir die Haare. Weil ich solche Sendungen nicht schaue, kann ich dazu leider nix Kluges beisteuern…
    Manchmal gerne eine Doku, eine Folge Marvel, Jessica Jones oder eine Diskussion…auch Nachrichten schau ich mal, doch Claqueure halte ich noch weniger aus als Warmhupper, denen drehe ich vorher den Saft ab. Dann können sie die Claqueure ohne Ton warmhuppen. Sieht lustig aus, tonlos die Grimassenschneiderei zu verfolgen.
    Du hast sehr hübsch gejammert.
    Hannover züngelte, Bielefeld brannte lichterloh und ein Tropensturm überm Teuto schrumpfte zu einem Feuerfalterflügelschlag.
    Besser geht kaum…
    Fisselige Besserungsgrüße
    und komm bitte schnell wieder auf die Füße…✨

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    • Im bekifften Zustand habe ich TV-Sendungen immer gerne ohne Ton gesehen. Das war lustig, und bei Filmen entlarvten sich schlechtes Schauspiel bzw. Regiefehler, was urkomisch war. Danke fürs Kompliment. Das beste beim Schreiben ist, dass die Konzentration die Schmerzen vergessen lässt. Den Satz über Hannover, Bielefeld und den Teuto verstehe ich grad nicht, liebe Fee. Dankeschön für die Besserungswünsche
      und lieben Gruß!

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      • Na, in Deinem Text beziehst Du Dich doch auf den Herrn Glumm und dieser kommentierte (aber woanders), dass, wenn er jammern würde, Rom, Neapel und Wattenscheid09 brennt. Und dieses Bild sprang weiter und produzierte ein neues Bild. Ganz einfach. Und den Feuerfalter sah ich vor ein paar Tagen tatsächlich mit den Flügeln schlagen. Von wegen Taumeln: dieser in der Sandsenne wie die Heidelibelle beheimatete kleine rostrot geflammte Falter ist ein eleganter und wendiger Flügelschwinger. Alter Falter🙃

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