Aua, gestürzt

Beim Radsport bin ich ab und zu schmerzhaft gestürzt und auch mehrfach mit dem Alltagsrad. Vorgestern wieder. Es gibt beim Fahrradsturz diesen Moment des Kontrollverlustes, der durchaus etwas Leichtes hat. Man fliegt ja. Aber ins schöne Fliegen mischen sich zwei Gefühle, Ärger, dass man nicht aufgepasst hat und Angst vor dem unweigerlichen Aufprall. Möglicherweise mischt sich auch noch ein Fünkchen Hoffnung ein, dass der Aufprall glimpflich verlaufen werde, aber sich dessen ganz bewusst zu werden, dazu ist der Augenblick zu kurz. Wie ich am Boden liege, ist da auch Scham, weil andere Verkehrsteilnehmer mich hatten stürzen sehen und auch noch zwei Frauen herbeieilen, um mir aufzuhelfen und sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ein Radsportler hat angehalten, richtet mein Fahrrad auf und lehnt es an die Mauer. „Alles in Ordnung?“, werde ich gefragt. Bei dieser beliebten, aber unpassenden Floskel, bin ich versucht zu antworten: „Jaja, so fahre ich immer, alle 50 Meter ein Purzelbaum ist in Ordnung“, aber eigentlich bin ich überfragt, bin geschockt und muss zuerst die verschiedenen Schmerzmeldungen verzeichnen, die mein Körper mir sendet. Wo tuts weh? Wie sind die Schäden? Man steckt in sich selbst, kann aber nichts Genaues sagen, zumal der Schock die Schmerzbotschaften nur zögernd passieren lässt. Wäre man eine Maschine, hätte man ein Diagnosetool. Man fragt mich, ob ein Krankenwagen erforderlich sei. Ich sage mühsam: „Nein! Ich bin Privatpatient …“ „Da haben die Ärzte schon die Dollarzeichen in den Augen“, unterbricht mich einsichtig die Frau, die mir aufgeholfen hat. „… dann drehen die mich wieder mal durch die diagnostische Mühle“, beende ich meinen Satz. Ist ja alles sinnvoll, was dann getestet, abgefragt und gemessen wird, aber oftmals zu aufwändig und für die Klinik lukrativ, für den Patienten langwierig und wenig hilfreich. Ich habe da schon seltsame Erfahrungen hinter mir.

Äußere Verletzungen habe ich nicht. Da ich langsam war vor dem Sturz, ist der Aufprall um so heftiger gewesen. Offenbar habe ich den mit der Hand zu mildern versucht. Ich spüre Schmerzen im Handgelenk. Für einen Augenblick ist mir die Luft weggeblieben, denn ich bin auf den Brustkorb gestürzt. Das wird schmerzhaft, weiß ich schon, obwohl der Schmerz sich noch in Grenzen hält, aber das sollte noch kommen – ein Alptraum beim Liegen. Man sagt mir, ich solle mich einen Moment auf die Treppe des Hauseingangs hinter mir setzen und verlässt mich mit guten Wünschen.
Erst jetzt rekapituliere ich, was mir wie geschehen ist. Zurück auf Anfang. Ich bin nach dem Einkauf nicht den kürzesten Weg nach Hause gefahren, sondern habe einen Umweg zur Post gemacht, um zwei Briefe einzuwerfen. Aber ich fahre hier auch, wenn ich nicht zur Post muss. Der Weg hat kaum Verkehr, steigt leicht an zum Von-Alten-Garten, streift den Park und mündet bei der Schule oben in eine Kreuzung, wo ich links abbiegen muss. Dort fühle ich mich unsicher, denn bei der Grünphase muss ich den Geradeausverkehr der Gegenrichtung passieren lassen, rechts von mir brandet der Geradeausverkehr in Fahrtrichtung, und just von diesen von hinten kommenden Autos fühle ich mich bedroht, weil ich sie nicht sehen kann und nicht weiß, ob die Autofahrer mich mitten auf der Kreuzung sehen. Also nutze ich verkehrswidrig das Fußgänger-Grün vor mir, um auf den linksseitigen Radweg zu fahren, muss dann aber auf den abbiegenden Verkehr achten. Das habe ich getan. Der Radweg wird dort im leichten Bogen zur Fahrbahn geführt, folglich müsste ich weit ausholen, um über die abgesenkte Stelle einzubiegen. Diesen Bogen nahm ich zu kurz, weil ein Auto einbiegen wollte, stieß deshalb an einen nur halb abgeschrägten Bordstein und stürzte über den Lenker. Da ich langsam war, prallte ich fast senkrecht auf, wodurch mein Körper die ganze Fallenergie abbekam. Fährt man schneller, fällt man im flachen Winkel, wodurch die Aufprallenergie seitlich weggeht. Das gibt zwar Schürfwunden, aber selten Prellungen.

Meine lieben Damen und Herren, ich weiß, was ich falsch gemacht habe, bitte also von derlei Anmerkungen abzusehen. Auch möge man mir nicht vorschlagen, lieber aufs Radfahren zu verzichten. Ich verlöre einen wesentlichen Teil meiner Autonomie und vor allem Lebensfreude.
Die sinnvolle Alternative wäre eine für Radfahrer sichere Verkehrsführung. Doch noch immer gibt die Straßenverkehrsordnung den Autos Vorrang vor Fußgängern und Radfahrern. Der Autolobby und dem ADAC sei Dank.

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32 Kommentare zu “Aua, gestürzt

  1. Einem Radmenschen wir dir vom Radeln abzurad(t)en ist tatsächlich nicht weit gedacht. Ich wünsche dir baldige Schmerzfreiheit und bin froh, dass dir offensichtlich nichts schlimmeres passiert ist.
    Gibt es in Hannover eine critical mass?

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  2. Doof, gute Besserung! Und genau zum Thema : Ich war mal im Winter mit dem Rad Brötchen holen und hatte den Bodenfrost nicht bemerkt. Den Sturz fing ich nicht mit der Hand, sondern mit Kinn und Knie ab und kam entsprechend demoliert zu Hause an. Erste Frage meiner Tochter (da wusste ich erneut : das ist mein Kind:)) „Oh (!) Mama, hat das einer gesehen?“

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  3. aua, autsch! und für mich ein grund, mir endlich einen fahrradhelm zu besorgen. die schnellen gedanken im sturz kenne ich und enden stets mit schei** und aua, autsch… gute besserung nach hannover

    • Ein Helm hätte mir auch nichts genutzt. Bei allen Stürzen war es so. Ein Radsportler, den wir im Hohen Venn trafen, schwor auf seinen Helm. Er war nämlich mal auf der Kellertreppe mit den Radsportschuhen ausgerutscht und rücklings mit dem Kopf auf eine Stufe gefallen.
      Vielen Dank für die Besserungswünsche!

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  4. Lieber Jules,
    wo geradelt wird, da ist immer ein Bisschen Schwund oder so. Erzählst davon erst heut…hm…
    Ich erschrecke noch nachträglich in Mark und Bein…
    Glück im Unglück war das.
    Rippenprellung ist fies…aua Und ich hoffe, Du musstest nicht so viel Pelle lassen…das ist beim Maulen mit dem Rad gemein…
    Gute Gesundung wünsche ich Dir und dass nix nachziept und dass Du Dich von dem Schreck schnell wieder erholst und in den Sattel kletterst.
    Liebe Grüße✨

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    • Liebe Fee, danke für deine Anteilnahme! Hab gerade eine Odyssee hinter mir, nachdem sich mein passabler Zustand mit einem Hustenanfall schlagartig verschlechtert hatte, (als schöbe sich mir ein Messer zwischen die Rippen);,so dass ich versucht habe, einen Termin beim Orthopäden zu bekommen. Man gab mir den Termin morgen 11:15, aber mein ältester Sohn drängte mich, einfach hinzugehen, ich sei ein Notfall. Dort schickte man mich wieder weg, weil der Arzt schon Feierabend hatte. Mein Hausarzt hörte die Lunge ab und drängte mich, in die Notaufnahme zum Röntgen zu gehen. Dort Riesenandrang, „Wie in ganz Deutschland in den Notaufnahmen“, sagte der Arzt, nachdem ich zweieinhalb Stunden gewartet hatte. Mein mich begleitender Sohn musste inzwischen aufgeben und zum Zug. Röntgen und Besprechung werde noch eine Stunde Wartzeit erfordern, teilte mir der Arzt mit. Da führ ich unverrichteter Dinge nach Hause und nehme meinen morgigen Termin wahr.
      In den Sattel war ich schon nach dem Sturz geklettert und nach Hause geradelt, denn ich weiß noch aus Radsportzeiten, dass man nach einem Sturz möglichst weiterfahren muss.
      Ich danke dir für die guten Wünsche und lieben Gruß,
      Jules

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      • Rippenprellung mit Husten ist wie an der Schneide eines Messers in der Lunge zu ersticken- ich kenne das. Man kann nur flach atmen. Als der Notarzt kam, hing ich am Bettgestell mit gestreckten Oberkörper- das half beim Atmen. Ich bekam ein stärkeres Schmerzmittel, Novalgin und Kodein gegen den Husten. Auch Antibi gegen den heftigen Husten, der in der Folge eine Entzündung im Rippenfell verursachte. Bei einer Prellung ist es derselbe Schmerz, verriet mir der Arzt.
        Jetzt halte ich Dir die Daumen, dass Du Morgen schnell drankommst und wünsche Dir eine so ruhige Nacht wie möglich. Lieben Gruß und alles Gute,
        Amélie

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  5. Aus Erfahrung, auch nach einem Fahrradsturz, weiß ich daß das Schmerzgedächtnis des Körpers lang ist – noch nach Monaten war ich der Überzeugung, ich hätte mir ein inneres Organ angerissen, weil es an der Stelle immer noch schmerzte. Aber irgendwann war es vorbei. So eine Prellung kann wirklich gemein sein, aber man kann froh sein, wenn es nichts Weiteres ist. Ich drück Dir die Daumen!

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  6. Pingback: Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör

  7. Lieber Jules, ich war froh, dich tippend zu wissen. Das heißt, es wird wieder. Trotzdem ist so ein Sturz ärgerlich und schmerzhaft. Ich hoffe, es geht bald wieder völlig und du kannst dich noch auf das Rad schwingen, bevor Eis und Schnee kommen. Hier in München kann es jetzt schnell gehen.
    Liebe Grüße.

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  8. Trihemius, Trithemius,
    dass Du vom Rade stürzen musst´,
    und dann auch voll noch auf die Brust,
    und Schmerzen hast: na, so ein Frust!
    Gottlob: schon mal kein Blutverlust,

    Wie gut, das Du ganz selbstbewusst
    schmerzgeplagt und doch robust
    sofort danach das Richt´ge tust:
    Fährst weiter Rad mit Lebenslust!

    Gute und rasche Besserung für Dich!
    😉

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