Hinter der Mauer

Mauerpforten beflügeln meine Phantasie. Wenn ich vom Mittagessen nach Hause fahre, komme ich an einer langen Ziegelmauer mit Pforte vorbei. Sie hat einen gemauerten romanischen Torbogen und ist verschlossen mit einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter. Dahinter ist eine weitere Mauer zu sehen. Der Weg geht die Ecke rum, so dass ein Blick ins Innere der Einfriedung verwehrt bleibt. Da quietscht die Pforte in ihren Angeln, und während du noch denkst, die könnte ein paar Tropfen Öl vertragen, wird sie ganz aufgezogen, und heraus stolpern zwei nackte Gestalten. Sie hält sich noch nen Fetzen vor. Er schaut zurück, als könnte er es noch gar nicht fassen, aber da taucht ein Engel mit einem flammenden Schwert auf und versetzt ihm einen Tritt, dass er nach vorne strauchelt und über sie stolpert. Wie die beiden sich aufrappeln, fällt die Pforte krachend ins Schloss. Ich habe angehalten, weil das nackte Paar über den Fahrradweg taumelt. Sie sind ohne jede Orientierung, und ich bin, wie man sagt, baff, perplex, fürbass erstaunt, vergesse glatt, dass ich eigentlich nach Hause fahren wollte.

Das also war hinter der Mauer! Und ich habe nichts geahnt! Schon dröhnen von jenseits Motorsägen. Prächtige Bäume, deren Wipfel die Mauer überragt haben, kippen weg, und man hört sie krachend zu Boden gehen. Panisches Tiergeschrei, ein fürchterliches Gebrüll, das nach und nach Verröchelt. Mit klirrenden Ketten und bösem Röhren scheinen schwere Baumaschinen umherzufahren, Planierraupen offenbar. Mein Herz stolpert von diesem urplötzlichen Ausbruch an Gewalt. Und in all dem infernalischen Geschehen wird mir klar: Das Paradies wird abgerissen! Warum auch nicht? Die Bewohner sind weg. Soll der wertvolle Grund einfach brach liegen? Da ist sicher Platz genug für einen Vergnügungspark mit mancherlei Attraktionen und Andenkenbuden oder ein anderes Freizeitparadies, eventuell ein Nudistencamp mit Schwimmbecken, Liegewiese, Grillstation, Sauna, Türkischem Bad und allem Pipapo.

Als Pressluftmeißel sich über die Mauer hermachen, und wie sie unter dumpfen Hammerschlägen erzittert, habe ich mich aus dem Staub gemacht. Schade, wenigstens die Mauer könnte doch stehen bleiben.

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4 Kommentare zu “Hinter der Mauer

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