Ein Traum von fleißigen Hühnern

Seit Mai 2010 propagiert der mächtige deutsche Grundschulverband eine neue Erstschrift für Grundschüler, die passender Weise „Grundschrift“ heißt. Fachlich handelt es sich um eine serifenlose Linearantiqua, eine Druckschrift, wie der Name vermuten lässt. Ziel ist es, Kindern zu ersparen, zwei verschiedene Systeme, das der Schreib- und der Druckschrift zu lernen. Da Druckschrift natürlich von der spätmittelalterlichen Schreibschrift abstammt, die Trennung von Schreib- und Druckschrift aus ökonomischen Gründen entstanden ist, die uns heute nicht mehr berühren, habe ich die Initiative des Grundschulverbands fachlich unterstützt. Die Idee ist grundsätzlich gut, die Grundschrift aber nicht. Sie ist hässlich und schrifttheoretisch fehlerhaft.

Als Lehrer habe ich das Erlernen der Kurrentschrift „Sütterlin“ angeboten und über die Begeisterung meiner Schülerinnen und Schüler gestaunt, mit der sie Sütterlin geübt haben. Ich kann mir deshalb den Fall vorstellen, dass namentlich Schülerinnen, deren Feinmotorik sich früher entwickelt als die der gleichaltrigen Mitschüler, dass es also Schülerinnen geben wird, die, nachdem sie die Grundschrift beherrschen, sie ästhetisch unbefriedigend finden und sehr gerne auch die lateinische Ausgangsschrift mit ihren hübschen Schleifen und Girlanden lernen möchten.

Gestern war ich zum Treffen des Hannover Cünstler Kombinats (HaCK) und kam leicht alkoholisiert nach Hause, habe noch etwas gelesen und dabei das Pink-Floyd-Konzeptalbum „Animals“ gehört. Ich erwähne diese Umstände nur, weil sie vielleicht erklären, warum ich gegen Morgen träumte, solche Schülerinnen, die begeistert Lateinische Ausgangsschrift lernen wollen, solche Schülerinnen wären fleißige Hühnchen. Entschuldigung, Träume sind nun mal jenseits von Logik und Moral. Ich sah Hühner bei ihren emsigen Übungen auf einer Dampflok mitfahren und fragte mich im Traum, ob man in einer Dampflok unbedingt Kohle verfeuern muss, ob man sie nicht auf Biogas umstellen könnte. Das wiederum schloss die Frage mit ein, wie viele Hühner im Zug mitfahren müssten, um genug Biogas für die Dampflok zu erzeugen, welches also aus ihren Ausscheidungen und – sind sie gestorben – aus ihren Körpern gewonnen wird. Die Waggons könnte man vielleicht aus Leichtmetall bauen. Trotzdem wäre der Zug mit gackernden Hühnern vermutlich sehr lang, die Hühner so zahlreich und insgesamt so schwer, dass die Dampflok vielleicht gar nicht von der Stelle käme. Andere, ich könnte das nicht, andere könnten vielleicht errechnen, ob man eine Dampflok überhaupt mit Hühnern betreiben könnte, wobei ich unbedingt auf Bodenhaltung, genügend Auslauf und artgerechte Ernährung Wert lege. Die Hühner dürften ganz einfach Hühner sein, bräuchten sich nicht als Teil einer Maschinerie zu erleben, bräuchten auch nicht zu wissen, dass die fauchende, zischende Dampflok nur fauchen, zischen und dahin brausen kann, wenn sie Hühnchen emsig Körnchen picken. Lateinische Ausgangsschrift bräuchten sie auch nicht zu schreiben. Obwohl es natürlich hübsch wäre. Das war mein Traum.

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25 Kommentare zu “Ein Traum von fleißigen Hühnern

  1. Wäre es nicht energieeffizienter eine Lok mit Gasmotor zu benutzen, statt einer Dampflok die mit Gas beheizt wird? Und wenn du einen Teil der Hühner, Stichwort körperliche Ertüchtigung, zum Flattern animierst, dann dürfte das den Vortrieb ebenfalls unterstützen.
    Solche pataphysikalischen finde ich sehr relevant, Forschungsgelder beantragen
    (Wir haben da 700 Mio übrig in Bayern, jedenfalls noch bis Sonntag 🙂

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    • Vermutlich ja. Ich träumte aber eine Dampflok, finde den Kotrast auch schöner zwischen friedlich scharrenden, pickenden, gelegentlich aufflatternden Hühnern und so einer gewaltigen, schnaubenden Dampflok. Mein pataphysisches Institut ist ja leider nur virtuell, hat also auch nur virtuelle Mitarbeiter. Von denen müsste einer den Förderantrag schreiben, dazu alles errrechnen und die nötigen Daten vorlegen. Dann würde ich die bayrischen MIllionen mit Kusshand nehmen.
      Ist Sonntag euer Schicksalstag, liebe Anna?

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    • Ja, Finnland ist damit vorausgegangen. Ähnliches gibt es schon länger in anderen skandinavischen Ländern. Auch die Schweiz hat ihre „Schnürlischrift“ abgeschafft zu Gunsten einer Druckschrift. Haptik und Motorik müssten auf andere Weise trainiert werden, aber das geschieht vermutlich aus Zeitgründen nicht, zumal damals vom finnischen Bildungsministerium verbreitet wurde, man wolle möglichst früh den Gebrauch der Tastatur trainieren. „Schneller SMS verschicken und Texte auf dem Tabletcomputer bearbeiten zu können, das gehöre jetzt zu den neuen Bildungszielen. Einzelne Buchstaben auf Papier mit der Hand zu verbinden“, zitiert die FAZ, „sei für viele Kinder derart mühsam, dass es zu Schreibblockaden führe. Der Computer löse das Problem und erlaube es den Schülern, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren.“ Wers glaubt. Die Medien achten natürlich verstärkt auf Finnland, weil die bei den Pisa-Tests immer gut abschneiden.

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      • Wenn die Entwicklung von künstlicher Intelligenz voranschreitet benötigt man vielleicht gar keine Schüler mehr. Das kommt mir sehr zukunftsorientiert vor. Aber soll man sich Sorgen um ein Land machen, dass den Tango als Volkstanz auserkoren hat? Mehr sinnliche Erfahrungen braucht es nicht.

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  2. Ich erinnere mich, wie ungefähr zu Beginn der Gymnasialzeit alle anfingen, mit der Schreibschrift zu experimentieren. Vorher durften wir nicht; alles, was anders aussah als das, was uns die Lehrerin beibrachte, wurde mit schlechten Zensuren belegt.
    Einige Mädchen legten sich Lineale unter den Kugelschreiber, um eine ganz gerade untere Linie in den Buchstaben hinzubekommen. Die meisten Mädchenschriften wurden einander immer ähnlicher; dieselben Kringel, dieselbe Neigung (nach LINKS, man war ja, alle miteinander, Nonkomformist) und dieselben Buchstabenabstände. Die Jungs legten nicht ganz soviel Eifer an den Tag. Nur einer tanzte aus der Reihe (er ist dann später auch Grafiker geworden). Er erschuf eine Druckschrift, die so sauber aussah, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Ich dachte immer, das hätte künstlerische Gründe, aber nach Deinem Blogeintrag bin ich doch sicher, dass er die Kringel, Verbindunsstücke und Serifen aufbewahrt hat, um damit sein erstes Auto zu betanken. Ich würde ihn gerne fragen, aber wir haben seit 1978 kein Wort mehr miteinander gesprochen. Ich glaube, jetzt bringt das auch nichts mehr…

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    • Du schilderst zutreffend das Konzept der Ausgangsschrift, nach dem etwa ab der 4./5. Klasse die erlernte Handschrift zur individuellen Abwandlung freigegeben wird. Ich habe auch beobachtet, dass es typische Mädchenhandschriften gibt, beispielsweise mit dem von mir so genannten Tennisballsyndrom (statt I-Punkt.) Ich lehne das Konzept der Ausgangsschrift übrigens ab. Rudolf von Larisch hat die Grundidee entwickelt, seine Kunststudenten sollten keine bekannten Druckschriften nachahmen, sondern aus ihrem eigenen Formgefühl welche entwickeln. Der Graphologe Ludwig Klages hat aus der Idee das Konzept der Ausgangschrift entwickelt, weil die Graphologie in Persönlichkeitsschriften mehr Anhaltspunkte findet. Schülerinnen und Schüler sind halt keine Kunststudenten und selten so begabt wie dein Mitschüler. Also kommen ziemlich uniforme Handschriften mit von dir beschriebenen ähnlichen Formideen zustande oder aber Sauklauen, wie ich eine als Schüler hatte.
      Zum Betanken des Autos sind übrigens die Produkte des Tennisballsyndroms auch bestens geeignet 😉

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  3. lauter super treffer: grundschrift, sütterlin, lernwille schüler*innen, beschickert nach hause kommen, pink floyd hören, komisch träumen. ich jedenfalls war heute mit willigen praktikanten im museum für kommunikation und die schrieben fleissig mit federn schöne buchstaben. das aufsichtspersonal war beeindruckt und sah mir einen film über die bleisetzerei an und dachte an dich! liebe grüße cd:)

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