Einladung zu Tisch

Von den zwei Paaren, die wir zum Essen eingeladen hatten, musste eines kopfstehen, sobald der runde Esstisch über eine Schiene an die Wand gefahren und in die Senkrechte gekippt war. Zuvor jedoch klappten die Sicherungsbügel hoch, ähnlich denen einer Achterbahn, und fixierten alle an ihre Plätze. Wir hatten uns dagegen entschieden, selbst unten zu sitzen; wir hätten als die Gastgeber nach oben schauen müssen, was uns nicht angemessen erschien.

Also wiesen wir die Plätze dem General und seiner Gattin zu, worüber die beiden erkennbar unfroh waren, nachdem der Tisch senkrecht an der Wand klemmte. „Hätte ich das gewusst, wäre ich im Hosenanzug gekommen“, sagte Frau General spitz, als ihr das weite aprikotfarbene Abendkleid unter die Nase rutschte. In gruppendynamischer Hinsicht sind Dreierkonstellationen naturgemäß problematisch. Immerzu neigen zwei dazu, sich gegen die dritte Partei zu verbünden. Dies wurde durch die notwendige Sitzordnung begünstigt, denn bei einem senkrecht stehenden runden Tisch muss eine Partei doch immerzu unten sitzen, während zwei Parteien das Privileg haben, dass wenigstens die beiden inneren Partner auf dem Scheitelpunkt sitzen. Ihre Partner sitzen dann schon mehr seitlich, so etwa auf zehn nach zehn Uhr. Da nun in beiden Fällen die Männer ihre Frau rechts sitzen ließen, kam ich auf diese Weise neben die schöne Gattin des Doktors zu sitzen, hatte sie quasi links neben mir, was mir von der hohen Warte aus die Gelegenheit gab, den ganzen Abend über mit ihr zu flirten. Wenn meine Frau und ihr Mann sich einmischten, ignorierten wir sie einvernehmlich.
„Ach, quatsch uns doch nicht von der Seite an, Darling!“, fertigte Frau Doktor ihren Gatten ab und schob mir lasziv lächelnd ein köstliches Kanapee in den Mund.

Frau General war inzwischen verstummt. Sie mühte sich tapfer, den General davon abzuhalten, ihr Kleid mit der Serviette zu verwechseln. Eine groteske Situation, die aber durchaus ihr Apartes hatte. Wir hatten den Koch natürlich angewiesen, weitgehend feste Speisen zu bereiten, die nicht tropfen. Trotzdem hatte der General sich über und über besudelt. Mir war das ein innerer Vorbeimarsch, ihn und den Doktor gedemütigt zu sehen.

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6 Kommentare zu “Einladung zu Tisch

  1. Ich habe kürzlich über neue Einrichtungskonzepte gelesen, da Wohnraum immer wertvoller wird. Da war Dein Tisch nicht mit dabei;-)…aber schon u.a. Möbel per Knopfdruck unter der Decke verschwinden zu lassen.

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