Menetekel Hambacher Forst

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster für den Hambacher Forst einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt hat, ist die RWE-Aktie dramatisch eingebrochen. Das zeigt einen Grund für die hartnäckige Borniertheit, mit der RWE die Rodungspläne verfolgt hat. Die Kapitalinteressen der Aktionäre haben Vorrang. Der Börsenhandel kennt keine moralischen Prinzipien, sondern reagiert panisch auf den Machtverlust eines Konzerns. Doch hat RWE die Panik weitgehend selbst geschürt mit Behauptungen, die Rodung sei „zwingend erforderlich“, ein Verzicht würde die Stromerzeugung in den Kraftwerken in Frage stellen und einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr“ kosten. Wer keine RWE-Aktien besitzt, könnte sich demnach freuen, dass das Kraftwerk Neurath, die zweitgrößte Dreckschleuder Europas, demnächst stillgelegt wäre.

Leider hat RWE maßlos übertrieben. Man darf ja weiterhin Braunkohle aus der Erde schaufeln, nur eben nicht die unter dem Stückchen Hambacher Forst, das noch übrig geblieben ist. Die Karte des RWE-Betriebsplans zeigt, dass vorerst nur um einen schmalen Bereich gestritten wird. Zu behaupten, dass die Stromversorgung von diesem Stücklein Wald abhängt, ist absurd. Vermutlich ist das öffentliche Gejammere keine PR-Panne, sondern wohl kalkuliert. Man hat den Wertverlust der RWE-Aktie billigend herbeigeschwafelt. 25 Prozent der Aktien befinden sich in kommunaler Hand, was bedeutet, dass ein Wertverlust die Städte und Kommunen trifft, was wiederum deren Kommunalpolitiker unter Druck setzt. Generell sind RWE und die Politik eng verbandelt, so durch den Lobbyisten Wolfgang Clement (SPD) und den CDU-Landtagsabgeordneten Gregor Golland. Die wirtschaftliche und politische Verquickung sowie die Macht der um Arbeitsplätze kämpfenden Gewerkschaften erschweren den dringend erforderlichen Stopp der Braunkohleförderung und -verstromung.

Das winzige Waldstück der Bürge, um das gestritten wird, hat überdies Symbolcharakter. Ein komplettes Rodungsverbot würde der selbstherrlichen Brutalität ein Ende setzen, mit der RWE über Jahrzehnte die dörfliche Heimat und Kultur von Millionen Menschen vernichtet hat.

Als in den letzten Wochen erstmals über die Vorgänge um den Hambacher Forst berichtet wurde, fragte ich mich, wo in meiner ehemaligen Heimat der genau liegt. Ich müsste bei meinen vielen Trainingsfahrten durch die Region schon mal dort gewesen sein, doch konnte mich nicht an einen nennenswerten Wald erinnern. Erst als in einem Fernsehbericht gezeigt wurde, dass die Braunkohlegegner am Bahnhof Buir ausstiegen, hatte ich den von der Rodung bedrohten Wald vor Augen. Ich hatte ihn nämlich viel weiter nördlich vermutet, auf Erkelenz und Mönchengladbach zu. Buir liegt auf der Strecke Köln – Aachen kurz vor dem „Weltbahnhof Düren.“ In Buir ist mein Großvater mütterlicherseits geboren. Wer den Hambacher Forst bei Google maps sucht, findet ihn nicht, denn was die Bagger noch übrig gelassen haben vom Hambacher Forst, heißt „Bürge“ oder „Bürgewald.“ Nördlich des Waldes befindet sich das riesige Loch, das die Schaufelradbagger in die Erde gegraben haben.

In Görlitz fuhr mich mal ein Taxifahrer, der zu DDR-Zeiten im Braunkohletagebau der Lausitz gearbeitet hatte. Der klagte über die Schließung der Gruben und sagte: „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt.“ Der Abraum des Hambacher Tagebaus wird seit dem Jahr 1978 nordwestlich der Grube aufgeschüttet, und die „zwei Eimer Dreck“ haben sich zu einem beachtlichen Höhenzug ausgewachsen, genannt Sophienhöhe. Sie erhebt sich auf etwa 302 Meter über NN und ist seit 1988 rekultiviert, inzwischen bewaldet und mit Teichen besetzt, ein schönes Naherholungsgebiet, auf dem ich schon mit meiner Freundin Lisette herumgewandert bin.

Am 25. September 1994, es war ein Sonntag, habe ich den Bürgewald noch mit dem Fahrrad durchquert. Damals war der Bürgewald um einiges größer. Es gab es noch keine Baumhäuser oder Protestkamps. Ich erinnere mich, dass ich beim Durchqueren schon müde war und mir die schnurgerade Landstraße durch den Wald ziemlich lang wurde. Hinter dem Waldrand rollte ich auf Etzweiler zu. Dort lief der Weg tot, und ich schaute hinab in ein Loch, für das einem Menschenkind aus dem Flachland die Wahrnehmungskategorien fehlen. Selbst die gigantischen Schaufelradbagger wirkten darin wie Spielzeug. Inzwischen haben diese Bagger Etzweiler längst weggefressen.

Immer wenn ich nördlich oder östlich von Aachen unterwegs war, stieß ich auf Braunkohletagebau, auf die Gruben Inden, Hambach und Garzweiler und auf die Dörfer, die in Zukunft in den Gruben verschwinden sollten. Hier ein Fahrbericht durch Braunkohleland vom 10. August 1995. Wer ihn liest und die Fahrt nachvollzieht, rollt über Straßen und durch Dörfer, die es gar nicht mehr gibt:

Kurz nach 8 Uhr breche ich zu einer großen Runde auf, deren fernster Punkt Schloß Dyck sein sollte. Ich wähle die Anfahrt über Kornelimünster, Breinig, Schevenhütte, Hamisch, Eschweiler, Weisweiler. Das Kraftwerk Weisweiler stößt aus seinen Kühltürmen beständig große Dampffahnen aus. Auch bei strahlend blauem Himmel wirken die Kühltürme wie gigantische Wolkenfabriken. Hier verheizt der Rheinländer seine Heimat. Vom Kraftwerk folge ich dem Indetal Richtung Jülich. Obwohl die Sonne vom Himmel lacht, werde ich nicht froh. Urplötzlich kommt der Trübsinn über mich, weil ich nämlich etwas entdecke, was ich vor Wochen, vielleicht Jahren schon hätte bemerken müssen. Ich hatte die ganze Zeit schon an den weggebaggerten Ort Pattern gedacht. Plötzlich werde ich gewahr, daß die Häuser entlang der Straße in Lamersdorf, Inden und Altdorf größtenteils dem Verfall preisgegeben sind. Die meisten stehen mit heruntergelassenen Rollläden da, und wo noch Fensterglas zum Vorschein kommt, da ist es staubig stumpf und spinnwebig. Und habe ich das bei einem Haus entdeckt, so sehe ich mit Grausen schon das nächste und übernächste. Eine einsame alte Frau wankt über einen Vorplatz; ansonsten ist da niemand mehr. Seit den 1980-er Jahren fahre ich hier lang und habe den schleichenden Verfall gerade erst gemerkt! Wie sehr man doch mit Blindheit geschlagen sein kann. Es gibt in Inden in einem Haus mit Arkaden ein seltsames Ladenlokal. Darin sind Gemälde ausgestellt, und oft schon hatte ich mich gewundert, daß die so unvorteilhaft dunkel präsentiert sind. Jetzt weiß ich warum. Wer soll sie denn sehen, wo alle längst weg sind?

Offenbar wird der Tagebau Inden also diese Straße fressen. Erst Kirchberg hat wieder bewohnte Häuser. aber ob es verschont bleiben wird? Vielleicht ist seine Zeit nur noch nicht gekommen. Nach links zweigt eine kleine Straße ab, die hinaufführt zur Anhöhe, hinter der die Bagger lauern. Der Weg heißt „Schindberg“ (oder „Schindanger?“) Wie schrecklich der Name, wenn man weiß, was sich dahinter verbirgt, wenn einem die Vision einer mittelalterlichen Hinrichtung vor Augen tritt, wie mir, da mich ohnehin schon die Trübsal erfasst hat. Ja, das Schinden ist das Abziehen der Haut. Wie wenig wir davon noch wissen, zeigt der tröstliche Umstand, dass das Verb schinden heutzutage auch reflexiv gebraucht wird wie in: „Ich schinde mich den ganzen Tag, und du fauler Sack….“ Jetzt bin ich also unter den Unstern des Braunkohletagebaus geraten, wo man das Land schindet, um die Braunkohle verheizen zu können, und das wird die ganze Fahrt über so bleiben.

Ich schlängle mich durch das Zentrum von Jülich und biege zu früh ab, so dass ich auf eine Umgehungsstraße gerate. Plötzlich weist ein Schild nach rechts den neuen Ortsteil Lich-Steinstraß aus. Das alte Lich-Steinstraß lag einmal an der B1 und wurde traurig berühmt als eines der ersten Dörfer, das verschwinden musste. Ich erinnere mich noch gut an eine Reportage des WDR aus den 1970-ern über das Geisterdorf Lich-Steinstraß und auch an eine eigene Durchquerung mit dem Auto zu Beginn der 1980-er. Also will ich auch einmal kurz in den neuen Ort hineinschauen. Es lohnt sich aber nicht, wie ich direkt sehe. Er wirkt steril wie alle neuen Siedlungen, die Rheinbraun (heute RWE) hat errichten lassen. Eine alte Frau auf dem Fahrrad frage ich nach dem Weg Richtung Welldorf, und sie sagt, da sei ich völlig falsch. Ich widerspreche ihr; ob es denn nicht weiter nördlich einen Weg über die Brücke gebe. „Ja, das kann sein, versuchen Sie es mal“, räumt sie ein. So sind die alten Steinstraßer in ihrer eigenen aufgewühlten Heimat völlig desorientiert. Hinter der Brücke lockt ein Weg nach Pattern/Mersch, und der führt direkt über die Alte Reichsstraße weiter nach Spiel. Hier halte ich an dem Kapellchen der Familie Zillesen, lehne meine Fiets an und esse. Über dem Eingang leuchtet das Wappen von Nordrhein-Westfalen und weist aus, dass es sich um ein geschütztes Denkmal handelt. Das wirkt hier in der Gegend absurd genug. (…)

Otzenrath, Pesch, Immerath, Holzweiler, Katzem, plötzlich stecke ich wieder mitten in gefährdetem Land. Hier sind die Dörfer von Garzweiler II bedroht. Die Bagger sind noch gar nicht in Stellung, der Tagebau kommt vielleicht erst in 20 oder 30 Jahren bis her, und trotzdem ist die Bedrohung ein realer Schatten. Du siehst keine Neubauten. Die ganze Gegend wirkt arm und vernachlässigt, was vielleicht das Werk der Banken ist, die wahrscheinlich keine Kredite mehr für diese verlorene Sache geben wollen. So stirbt eine Gegend also schon Jahrzehnte, bevor der Tagebau anrückt. Trotzige Kampfgraffiti und Plakate, die vom Schutz der Heimat sprechen, können den Eindruck nicht mindern, das die Menschen ihr Land bereits aufgegeben haben. Da sind auch kaum Leute auf der Straße, als hätte sie ein Lähmung gepackt und hielte sie in ihren verbröckelnden Häusern. Nur einen Mann sehe ich an seinem Haus einen Anbau errichten, ob ihm wohl bei seinem trotzigen Vorhaben ist?

Zeitsprung ins Heute:
Anfang des Jahres 2018 gingen Bilder vom Immerather Dom durch die Medien, wie dieses historisch einmalige Kirchengebäude von Baggern niedergerissen wurde. Kirche und Dorf mussten dem Braunkohletagebau Garzweiler II weichen.

Wenn alles platt gemacht ist, kommen die Landschaftsgärtner und säen Gras auf der planierten Fläche aus, und in wenigen Monate erinnert nichts mehr an das Dorf, das 1144 erstmals urkundlich erwähnt wurde und einmal die Heimat von 1500 Menschen gewesen ist. Bald rücken dann die gigantischen Schaufelradbagger an, und hinterlassen, wo Immerath einmal war, ein tiefes Loch. Man hatte sich in Immerath und den umliegenden Dörfern noch Hoffnung gemacht, die Politik würde Ernst machen mit dem Versprechen, aus der schmutzigen Braunkohleverstromung auszusteigen, aber vergeblich. Dabei produziert Deutschland viel zu viel Strom und exportiert ihn in nie dagewesenem Ausmaß.

Ein Ausstieg aus der Braunkohle gefährde Arbeitsplätze, heißt es aus der NRW-Landesregierung. Wenn man den Anbau des Cocastrauchs, die Herstellung und den Handel von Kokain unterbindet, gefährdet das auch Arbeitsplätze. Die Menschen sind doch Nebensache in diesem dreckigen Spiel. Seit Jahrzehnten setzt man sich über das Lebensglück derer hinweg, denen man die Heimat unterm Arsch wegbaggert. Letztlich geht es um Kapitalinteressen. Und immer wieder wird die Polizei instrumentalisiert, um diese Interessen gegen ein Häuflein von Demonstranten durchzusetzen.

Die Bilder aus Immerath und aus dem Hambacher Forst stehen exemplarisch für die alltägliche Brutalität in unserem Land gegen die Gefühle der Menschen, gegen deren Existenzgrundlagen und deren historischen Güter, wie mit selbstverständlicher Gleichgültigkeit Sachzwänge über den Menschen gestellt werden. Diese Brutalität von Politik und Eliten zeigt sich in vielen Bereichen, in der Gängelung von Hartz-IV-Empfängern, in der Flüchtlingspolitik, im Waffenexport in Krisengebiete und in Deals mit Diktatoren, und endet nicht dort. Gesellschaftliche Unterdrückung, Ausbeutung, ja selbst die Drohung, Arbeitsplätze in Billiglohnländer zu verlegen, das alles erleben wir als alltägliche strukturelle Gewalt. Sie vermittelt in unserer Gesellschaft die Idee, dass der Gewalttätige erfolgreicher ist und dass Gewalt ein Mittel ist, sich Achtung zu verschaffen. Ich muss immer schmunzeln, wenn die Medien die frohe Kunde verbreiten, Proteste wie jetzt am Hambacher Forst seinen gewaltfrei verlaufen. Und wäre das nicht, was ist das gegen die alltägliche strukturelle Gewalt der allein der Kapitalvermehrung verpflichteten Manager, die auf die grundgesetzliche Sozialverpflichtung des Eigentums pfeifen?

Die Protest um den Immerather Dom und jetzt um den Hambacher Forst zeigen, dass der Widerstand gegen den Irrsinn wächst, und wenn die politischen Eliten ihre Hände weiterhin schützend über den Raubbau durch Großunternehmen halten, wenn sie weiterhin primär Kapitalinteressen schützen, könnte ihnen das bald schmerzhaft auf die Füße fallen.

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12 Kommentare zu “Menetekel Hambacher Forst

  1. Pingback: Braunes Gold — Stromfaschismus – Dümmlers Blog

  2. Was soll ich sagen? Ja und Na ja.
    Gab’s da nicht mal eine Rot-Grüne Landesregierung, die für Gartzweiler II gestimmt hat? Und jetzt lassen sich Hofreiter und Freunde im Hambacher Forst als Revoluzzer ablichten. Ja, die Braunkohlebaggerei ist eine riesige Sauerei, die traditionsreiche Strukturen zerstört und das Klima killt. Aber von solchen Technologien leben wir schon lange, ohne uns darüber zu erregen: Der Kupferbergbau in Chile, Goldbergbau in Südafrika und andere Baggereien weltweit hinterlassen zerstörte Landschaften und zerstören die Existenz vieler Menschen. Und Heimat, unwiderbringliches Habitat? Haben wir vergessen, dass das, was wir als Heimat bezeichnen das Ergebnis jahrtausendealter Vernichtung von Natur. Brandrodung, Moorentwässerung, Autobahnbau, Neubaugebiete. Ich hänge an jedem alten Baum, ehrlich, aber wenn man so etwas wie eine lebenswerte Heimat erhalten hätte wollen, hätten wir viel früher wach werden müssen.

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