Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (2)

Mit zwölf schlief ich im Bett eines Toten. In dem Dachzimmer, das ich mir mit meinem älteren Bruder teilte, hatte zuvor der alte Vater von Hauptlehrer Schmutz geschlafen. Es lag ganz am Ende eines Speichers, der noch eine Treppe hinauf auf den Giebelboden hatte. In dieses Speicherzimmer abgeschoben, war der Alte dann irgendwann glücklich verröchelt. Das Bett hatte Hauptlehrer Schmutz bei seinem Auszug nicht mitgenommen und die Matratzen auch nicht. Sie waren dreiteilig, und es scheute mich, sie zu sehen, wenn das Laken abgezogen war. Das Zimmer hatte nur ein winziges Fenster in einer Dachgaube, durch das manchmal die Abendsonne schien. Meist lag es im Halbdunkeln. Abends lag ich im Bett, achtete darauf, dass der Lichtkegel der Taschenlampe auf der Türklinke blieb und hoffte inständig, dass mein Bruder zu Bett kommen würde.

Inzwischen hatten wir einen neuen Kostgänger, Junglehrer Schulz, der in die eigentliche Wohnung von Hauptlehrer Schmutz unter unserer Dachwohnung gezogen war. Kinomann Meuter sah ich nur noch sonntags, wenn ich in die Nachmittagsvorstellung seines Kinos ging. Da sprang er bei jeder Vorstellung auf die Bühne, begrüßte linkisch sein Publikum und beschrieb den Film, den er uns zeigen würde. Wir hörten meistens weg, wie wir es von den Predigten in der Kirche gewohnt waren. Der pädagogische Anspruch von Kinomann Meuter war jedoch stärker als unsere Ignoranz. In seinem Vortrag lebte er auf, so dass selbst der dümmste Bauernsohn sehen konnte, dass dieser Mann sein Kino und den Tonfilm liebte. Heute würde man ihn einen Cineasten nennen. Das Wort war damals unbekannt. Meuters Freude am Kino wurde jedoch zunehmend getrübt. Schon, als er noch Kostgänger bei uns gewesen war, hatte er sich fast täglich bitter über die Intrigen beklagt, die ihm sein Kinomanndasein erschwerten. Sein Leidensweg zog sich durch mehrere Jahre, und an dessen Ende muss Meuter den Fluch ausgesprochen haben, der den Niedergang des Kinosaals und der nachfolgenden Benutzer besiegelte.

Zu Kinomann Meuters Ehrenrettung muss gesagt werden, dass er eigentlich ein freundlicher und argloser Mensch war. Seine Erscheinung war zwar befremdlich, seine gedrungene Gestalt, der zerschlissene schwarze Anzug, die Baskenmütze auf dem runden Kopf, sein devotes Lächeln. Die Dorfjugend verlachte ihn, und die Alten wollten nichts mit ihm zu tun haben. Was aber die Intrigen gegen ihn betraf, da war man insgeheim auf seiner Seite. Heute verstehe ich, dass Meuter uns nicht ängstigen wollte, als er von den Toten berichtete, die in Reihe aus einem Nebel vor ihm aufgetaucht waren und zu ihm gesprochen hatten. Unser Vater war gerade erst sechs Wochen tot, als Kinomann Meuter bei uns Kostgänger wurde. Vermutlich wollte er nur Trost spenden und sagen, dass die Toten nicht wirklich von uns gegangen sind, sondern weiterhin an unseren Geschicken teilhaben. Er hatte eben keine Vorstellung von der kindlichen Seele und niemand hatte ihm je gesagt, dass seine Ideen erst ab 18 waren und in die Spätvorstellung gehörten.

Auch hatte ich Mitleid mit dem Kinomann, wenn er über die Intrigen klagte, die fortwährend gegen ihn gesponnen wurden. Ohne eigene Schuld war er in eine vertrackte Situation geraten. Der Kinosaal gehörte zu einer großen Gastwirtschaft, dessen Wirt kinderlos verstorben war. Die Wirtschaft und den Kinosaal hatte er entfernten Verwandten vermacht, den Bissers, einem mürrischen und freudlosen Ehepaar mit einem halbwüchsigen Sohn, den sie das Kinomann-Handwerk erlernen ließen. In seinem Testament hatte der alte Wirt verfügt, dass Kinomann Meuter den Saal auf Lebenszeit nutzen durfte. Daher begannen die Bissers den Kinomann auf jede erdenkliche Weise zu triezen, überzogen ihn mit Abmahnungen, Anzeigen und Prozessen, die sie allesamt gewannen, so dass sich Kinomann Meuter immer mehr einschränken musste.

Das wiederum verdarb uns zunehmend das Mittagessen. Einmal klagte Meuter weinend, Bisser habe ihm gerichtlich verbieten lassen, an der Kinokasse Süßwaren zu verkaufen. Das Wort „Süßwaren“ hatte ich zuvor noch nie gehört. Ich verstand aber, dass Süßwaren die Summe des Süßen sind. Daher mochte ich gar nicht wahrhaben, dass ausgerechnet das Süße schlechthin der Anlass für Hader, Gerichtsbeschluss und nachfolgende Bitterkeit sein sollte. Die Kinokasse lag in einem Anbau zwischen Gastwirtschaft und Kino, und der alte Wirt hatte diesen Raum in seinem Testament vergessen zu erwähnen. Er gehörte eindeutig den Wissers, und die erstritten sich das Recht, den Süßwarenverkauf selbst zu übernehmen. So saß an der Kinokasse die grimmige Alte und verkaufte Süßwaren, derweil Kinomann Meuter neben dem Kinoeingang stand und die Kinokarten aus einem Bauchladen verkaufte.

Fortsetzung

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9 Kommentare zu “Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (2)

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