Tischnotizen

Mein weißer Arbeitstisch ist voller Bleistiftnotizen. Die meisten kann ich nicht mehr lesen, zu krakelig oder verwischt. Ein Passwort ist da notiert, ein Geburtstag, auch „5. Mai“ steht dort ohne Bezug. „Konrad Zuse 22. Juni 1910“, ist deutlich zu lesen, wurde aber als Schreibanlass von mir verpasst wie auch der „* 17. Mai Vilém Flusser.“ Über „Neutral-Moresnet 1816“ wollte ich unbedingt mal schreiben, wurde wieder daran erinnert, als ich kürzlich in Aachen war. Mein Schwiegersohn, ein Filmemacher und Kameramann beim WDR, erzählte mir von einem Schülerprojekt, in dessen Rahmen sie einen Film über Neutral Moresnet gedreht hätten, über dieses Stückchen Niemandsland der reichen Zinkvorkommen zwischen Belgien, den Niederlanden und Preußen, die Zuflucht der ungewollt schwangeren Dienstmädchen, der jungen Männer, die sich im 19. Jahrhundert dem Kriegsdienst entziehen wollten, wo der Grubenarzt Wilhelm Molly († 1919) den ersten Esperanto-Staat der Welt ausrufen wollte, genannt Amikejo [Esperanto für Ort der Freunde]. Just sein Todesjahr könnte ein kommender Erzählanlass sein – wenn ich ihn nicht wieder vergesse. Die Notizen auf dem Tisch bieten offenbar keine Gewähr.

Aachener Münsterplatz 9/2018 – Foto: JvdL

Dieser mein Schwiegersohn erzählt immer Dinge, die mich anregen, so auch, dass es nur in Aachen Streuselbrötchen zu kaufen gibt, wie er jüngst gehört hatte. In Hannover und anderswo kennt man die ähnlichen Streuseltaler, aber Streuselbrötchen gibt es nur in Aachen. Als ich dort war, habe ich wieder im Bäckereicafé Nobis gesessen, wo man durch die Fensterfront auf den belebten Münsterplatz schauen kann, hab den Trubel der Touristenströme genossen, von denen immer wieder Wellen ins Café hinein schwappten und sich hinter mir an der Theke knubbelten. Wer draußen an den Tischen saß, bot mir Fotomotiv für lustige Gif-Animationen wie hier und hier oder Erzählanlässe wie diese Impression:

Wenn man einen kleinen dicken Musikanten sieht in einem hellen Parka mit einer alten blauen Gitarre und daneben einen großen schmalen Musikanten in schwarzer Lederjacke mit einer Handtrommel und daneben einen kräftigen Musikanten auf einem Klapp-Rohrstuhl mit einem Akkordeon vorm Bauch, – falls man eine solche Musikantengruppe vor dem prächtigen Sparkassengebäude auf dem Münsterplatz sieht, dann ist es zusätzlich noch sehr hübsch, wenn sich zwischen dir und den drei Musikanten eine schallschluckende Fensterscheibe befindet.

6 Kommentare zu “Tischnotizen

  1. Streuselbrötchen scheinen mir eine äußerst nützliche Erfindungzu sein, die sich von Aachen aus gerne in die restliche Republik hinein verbreiten könnte. Hierzulande gibt‘s Streuselschnecken, was sich für jemand wie mich, der keine Schnecken isst, eher Appetithemmend auswirkt. Intellektuell anregend sind für mich dagegen mit Notitzen übersäte Schreibtischoberflächen. Sollte das ästhetisch. nicht befriedigen, kann man sie auch an Fäden aufhängen. Ein Schriftsteller, dessen Namen ich vergessen habe, bzw. dessen Name mit dem zugehörigen Zettel entsorgt worden war, praktizierte diese Methode.

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    • Warum sich derlei lokale Spezialitäten nicht bundesweit verbreiten, weiß ich nicht. Verständlich ist es bei geschützten Marken. Aachener Printen kann man natürlich nicht in Frankfurt herstellen und vertreiben, Lübecker Marzipan nicht in Oldenburg, aber warum nicht Streuselbrötchen? Sollen Notizzettel an Fäden aufgehängt werden. Stelle ich mitr hübsch vor, aber macht viel Arbeit. Die Kritzelei auf dem Tisch ist ja schon der Faulheit geschuldet. Zu faul, ein Notizblöckchen zu nehmen. Das war nicht immer so, im Foto beispielsweise Vorarbeiten für Die Papiere des Pentagrion, Herbst 2009.

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    • Der Aachener Dom. Ob Dom oder Münster rictet sich danach, obs der BIschofssitz ist. Das Aachener Münster wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhundert Bischofskirche, mithin Dom. Der Name des Münsterplatzes ist demnach älter

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