Besser als Karaoke

Mein lieber Herr Gesangsverein! Letzte Nacht habe ich doch tatsächlich einige Stunden im Bürostuhl geschlafen! Das kam so: Die Treffen des Hannover-Cünstler-Kollektivs (HaCK) verschieben sich wie die Gezeiten. Anfangs haben wir uns dienstags getroffen, denn mittwochs, dann wegen Filipe nur noch donnerstags, was nicht bedeutet, dass er seither öfter kommt als sonst. Obwohl er uns höchst selten mit seiner Anwesenheit beehrt, hat er bei den Kellnerinnen des Leinau3 nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Seine exotischen Getränkewünsche sind berüchtigt, weshalb er als einziger von uns je in die Getränkekarte geschaut hat. Er liest stundenlang darin herum, um dann einen Kakao zu bestellen. Herr Leisetöne, der die Termine unserer HaCK-Treffen macht, hatte diesmal für Freitag eingeladen, weil sie mich um 23 Uhr in ein berüchtigtes Karaokelokal schleppen wollten, der reiferen Frauen wegen, die man dort antreffen kann. Mir war morgens schon mulmig gewesen, denn ich hatte quasi versehentlich zugesagt, seine diesbezügliche SMS ohne Lesebrille gelesen, also nicht gelesen, sondern nur auf verschwommene Buchstaben hin mein „Okay“ geschickt.

Wir saßen gesellig zu Fünft im Raucherbereich auf der ersten Etage, das Kölsch aus unserem Elferkranz schmeckte wieder vorzüglich, als die attraktive Wirtin zu uns kam. Sie setzte sich vertraulich zu mir und ließ sich von mir helfen, den Text im Teestübchen aufzufinden, in dem ich sie letztens wieder erwähnt hatte. Eine Kellnerin und ihr kurz nach dem Rechten schauender Freund mussten bestätigen, dass sie drei Stunden vergeblich auf ihrem Smartphone nach diesem Text gesucht hatte. Über die Suchfunktion fanden wir den Text, und vor Freude herzte und küsste sie mich ausgiebig, wodurch der Abend aus meiner Sicht bereits gelungen war. Meinetwegen können andere mit ihren Texten Preise gewinnen oder sich von Lohnschreibern im Feuilleton beklatschen lassen, mein Preis war ihre herzliche Zuneigung. Das unmittelbar Zwischenmenschliche ist doch noch immer der schönste Lohn, natürlich dichtgefolgt vom mittelbar Zwischenmenschlichen beim interaktiven Schreiben und Lesen in der Blogosphäre. Die Sympathie der Wirtin strahlte auf unsere ganze Runde. Sie blieb eine Weile bei uns, sagte, wenn es heiße „der Gast ist König“, dann komme den Gästen dieses Privileg nicht automatisch zu. Sie müssten sich auch entsprechend verhalten. Wir aber dürften uns mit Fug und Recht Könige nennen, und spendierte einen neuen Elferkranz.

Da ich vorher schon einige Kölsch getrunken, dann bei zwei Elferkränzen kräftig zugelangt hatte, war ich gerade so hübsch angeschickert, wie es ausreicht, im Bürostuhl einzuschlafen. Die Lücke im Text bitte ich zu entschuldigen, denn von unserem Abschied und meiner Heimfahrt mit dem Rad weiß ich nicht mehr viel. Jedenfalls fand ich mich in aufgekratzter Stimmung in meinem Bürostuhl und sah mir in der Mediathek die Heute-Show an, die ich am Abend verpasst hatte. Als ich erwachte, war der Bildschirm dunkel und mein Rechner in den Schlafmodus gefallen. Ich suchte mein Bett auf und schlief wie ein Prinz.

Man sollte viel öfter über Wirtinnen schreiben.