Bei der Zahnärztin

Aus Gründen musste ich gestern und vorgestern meine Zahnärztin aufsuchen. Mir waren nämlich vor einiger Zeit zwei Zahnfüllungen abgebrochen. Ich hatte es lange ignoriert, aber irgendwann war nicht mehr zu leugnen, dass ich mir an einer scharfkantigen Abbruchkante sowohl beim Reden als auch beim Essen die Zunge ritzte. Am Sonntag waren mein Sohn aus Hamburg und seine Lebensgefährtin bei mir gewesen, so dass ich mehr redete als gewöhnlich. Ich merkte, dass es immer schmerzhafter wurde, bat Montag um einen Termin bei der Zahnärztin und bekam auch sogleich einen für den Folgetag, 8:00 Uhr.

Gewöhnlich gehe ich ja nicht gerne in eine derartige Behandlungspraxis. Doch da es nun unumgänglich war, freute ich mich sogar auf den Besuch, denn die Aussicht, bald wieder schmerzfrei reden und essen zu können, war nicht schlecht; hauptsächlich mag ich aber die Zahnärztin. Sie war mir einst von einem Kieferchirurgen empfohlen worden. Er sagte, was er von ihr und ihrer ebenfalls praktizierenden Schwester in den Mündern seiner Patienten gesehen hätte, habe durchweg handwerkliche Qualität.

Derlei Aussagen muss man mit Vorsicht nehmen. Aus der Psychologie wissen wir, dass man geneigt ist, die Leistung attraktiver Menschen besonders positiv zu bewerten. Da ist irgendwas im Menschen ziemlich dumm. Das sollte man bedenken. Wie es um das Urteilsvermögen des Kieferchirurgen bestellt ist, weiß ich nicht, wollte und will ihm aber gern glauben.

Als ich am Dienstag in der Praxis eintraf, fand ich meine Zahnärztin apart wie eh und je. Zuletzt war ich vor zwei Jahren bei ihr gewesen. Damals hatte sie gerade einen Fahrradunfall gehabt und einige üble Schrammen im Gesicht. Ein Autofahrer habe sie umgefahren, sagte sie. An der Wand neben dem Behandlungsstuhl hat sie ein Schild mit der Aufschrift „Herrin der Lage.“ Was hilft es, Herrin der Lage zu sein, wenn ein anderer die Herrschaft nicht akzeptiert. Ich schon, gab mich vertrauensvoll in ihre Hände, und nach etwa 35 Minuten hatte sie meine Zahnruinen wieder hochgezogen. Meine Zunge konnte sich an einer perfekten Rekonstruktion erfreuen. Zwischendurch fiel ihr ein Instrument zu Boden. Sie kickte es weg und sagte: „Was bei uns zu Boden fällt, wird in die Ecke geschossen“, denn sie habe einmal erlebt, dass ein Kommilitone ihr ein hinuntergefallenes Besteck wieder auf den Tisch gelegt habe.

Mittags sah man mich schon wieder am Lindener Markt, wo ich eine leckere Suppe löffelte. Mein Genuss wurde aber getrübt durch das nicht zu ignorierende Stimmengewirr des an diesem Tag zu dieser Uhrzeit überfüllten Lokals, und nebenan erklärte ein großsprecherischer Mensch seinem Kollegen, den er „Herr Schuster“ nannte, wie er mit ihrem gemeinsamem Chef zu reden habe. Ich dachte noch, wenn du so ein Schlaumeier bist, warum immer noch in offenbar untergeordneter Position und nicht selbst auf der Chefetage? Darüber sollte Herr Schuster auch mal nachdenken. Meine negative Einschätzung hing aber damit zusammen, dass der Mensch sein Geschwätz nervig abgehackt hervorbrachte, weil er es nicht schaffte, Reden und seine Bissen zu koordinieren. Mein Bissen traf auf etwas Hartes, und zum Glück versuchte ich nicht, es zu zermalmen, es war nämlich ein Stück meiner neuen Füllung. Ich sicherte das kleine Teil in der Serviette und ging wieder über den Markt zur Zahnarztpraxis. Die Ärztin wollte gerade in die Mittagspause aufbrechen, konnte mir zum Glück für den Folgetag einen Termin geben, weil jemand abgesagt hatte.

Die neue Zahnfüllung hält sich an die Aussage des Kieferchirurgen. Ich bin der hochgelobten Zahnärztin nicht gram, dass ich zweimal auf ihrem Behandlungsstuhl hatte liegen müssen. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Und meine waren trotzdem gut.

5 Kommentare zu “Bei der Zahnärztin

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