Pommes Schranke

„Pommes Schranke“, las ich heute bei CD und musste eine Weile nachdenken, was das wohl sein könnte. Klar, eine Bahnschranke ist rot-weiß gestrichen. Also ist „Pommes Schranke“ das gleiche wie „Pommes rot-weiß.“ Auch das ist eine Metapher, denn rot-weiß“ steht für die Kombination Ketchup und Majonäse. Für einen Augenblick zweifelte ich an der Schreibweise Majonäse, eine Hypothek aus meiner Lehrzeit als Schriftsetzer. Da musste ich nämlich täglich die Speisekarte für das Restaurant im Neusser Kaufhaus Horten setzen. Das Manuskript kam immer erst gegen 16:30 Uhr, also kurz vor Feierabend. Offenbar schmierte es der jeweils diensthabende Koch zusammen. Während heutige Köche keine Majonäse mehr auf ihre Gerichte kleckern, war es in den späten 1960-er Jahren üblich. Es gab Majo zu allem, aber keine einheitliche Schreibweise. Mal hieß es Mayonnaise, Majonäse, Majonnaise, ja, sogar Maionnaise, je nach Koch und dessen Rechtschreibkenntnissen. Und ich habe das Wort natürlich gesetzt, wie es da stand. Um 17 Uhr hatte ich Feierabend, und ich musste noch die Setzerei fegen, da war keine Zeit, eine einheitliche Schreibweise zu bestimmen.

So ist es auch gewesen, bevor Konrad Duden seine erste Deutsche Einheitsorthographie vorlegte. Duden wollte einst das deutsche Kaiserreich von seiner „buntscheckigen Rechtschreibung“ befreien. Bis 1903 hatte jede große Druckerei ihre eigene Hausorthographie. Das gleiche galt für viele Schulen. Daher war Duden von Otto von Bismarck beauftragt worden, das orthographische Chaos zu regeln, womit auch der staatliche Zusammenhalt gefördert werden sollte. Doch ohne die Unterstützung der Verleger und Buchdruckereiverbände hätte sich Dudens Einheitsorthographie nicht durchsetzen können. Deshalb entsprach er dem Wunsch der Buchdruckereiverbände nach einem Wörterbuch, in dem die meisten Doppelformen getilgt waren.

Der erste Buchdruckerduden erschien bereits 1903; seine 9. Ausgabe von 1915 verschmolz mit dem bis dahin parallel erscheinenden Orthographischen Wörterbuch. Der heutige DUDEN war geboren, Konrad Duden selbst am 1. 8. 1911, 82jährig, verstorben. Hatte im Vorwort des Buchdruckerdudens noch Dudens Mahnung gestanden: „dass die Entscheidung für eine von zwei oder drei durch das amtliche Regelbuch zur Verfügung gestellten Schreibungen keineswegs die nicht gewählten als minderwertig bezeichnen soll“, bewirkte die Festlegung in der Praxis, dass die meisten Doppelformen verschwanden.

Zurück zu Pommes Schranke. Als Kind war ich fasziniert von Bahnschranken. Manchmal half meine Mutter dem Bauern von gegenüber beim Rübeneinzeln und ich musste mit. Eine Impression aus meinem Text „Rübendarwinismus“:

Die Bahnschranke ist unten. Das Gespann muss halten. Der Knecht springt vom Traktor ab und geht zur Rufsäule. Man muss einen Hebel ziehen. Dann kommt ein Knistern aus dem gerippten Lautsprecher, und eine quäkende Stimme fragt: „Ja, bitte?“
„Bitte Schranke aufmachen!“
„Wer ist da?“
„Ein Traktor mit Anhänger!“

Sie haben natürlich das Tuckern des Traktors gehört, die Männer im Stellwerk. Sie müssen trotzdem fragen, es ist Vorschrift. Noch weiß der Kleine nicht genau, was das ist, Vorschrift. Doch er will darauf achten, es herauszufinden. Ein Motor surrt, und die Schranken gehen hoch, fast synchron. Schon holpert das Gespann über die Gleise. Das ist der aufregendste Moment für den Kleinen. Zwei Schienenstränge gilt es heil zu passieren. Noch ist es frei, das glänzende Band, das von schweren Schrauben auf geteerten Schwellen verankert ist. Und der dreckigbraune Schotter dazwischen, Steine wie verrostet. Wenn jetzt aus dem Hohlweg drüben eine dampfende, fauchende Lok gebraust käme…! Welch eine Macht haben die unsichtbaren Männer im fernen Stellwerk. Sie wissen blind, dass ihnen die Schranken gehorchen. Doch wissen sie auch über die Züge bescheid? Können sie denen Befehle geben? Der Lautsprecher drüben knistert auch. Hier soll man „Danke!““ reinrufen, weiß der Kleine. Dann kriegt man ein quakendes „Bitte!““ zurück. Noch mal gut gegangen, denkt er und freut sich schon auf den Abend, wenn sie wieder über die Schienen müssen.

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18 Kommentare zu “Pommes Schranke

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  2. Hier im Lübeck heißen Pommes mit Majo und Ketchup auch Pommes Moisling, nach einem Stadtteil, dessen Sportverein sich Rot-Weiss Moisling nennt. Grundsätzlich sind das ja die hanseatischen Farben. Teile dieses Stadtteils sind seit Jahren sozialer Brennpunkt, was viele Menschen stört, die dort leben, auch ob der damit verbundenen Vorurteile. Im Imbiss sollte mensch so keine Bestellung sagen. Warum? Es gibt genug Menschen, die, wenn sie sich beleidigt fühlen, eine robustere Kommunikation pflegen, als ich. Wenn ich aus so einer Bude komme mit Ketchup an der Nase, fühle ich mich wohler, als wenn da was bläut.

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  3. Wikipedia liefert noch ein paar regionale Bezeichnungen für Pommes rotweiß: Pont-Neuf-Kartoffeln, Knüppel mit Gerümpel, (Alt-)Kanzler-Platte, Manta-Platte oder -Teller. Kannte ich alle noch nicht. Aber ich finde sowieso, dass auf Pommes weder Ketchup noch Mayonnaise gehören (genausowenig wie Sauce auf paniertes Schnitzel).

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  4. Und ich mag sie mit knusprigem Speck und Käse…..nix rot weiss……zur Bahnschranke, vor weniger Tagen ist an einer ein Unglück mit einem Fahrrad geschehen. Eine Schulbetreuung transportierte Kinder in einem Fahrrad. Eine Familie verlor 3 Kinder. Das geht mir jedesmal durch den Kopf, wenn ich den Beitrag lese.

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