Schuld war nur der Plastikeimer – Wie es mich von Aachen nach Hannover verschlug

Ich habe noch nie von einem Wasserfall geträumt. No, Sir. Doch eines Nachts so gegen Morgen, da plätscherte es in meine süßesten Träume, dass ich schon dachte: Endlich ist es soweit, mein erster geträumter Wasserfall! Da lief ich hin, denn ich wollte sehen, wie hoch der Sturzbach war. Er kam aus gut vier Metern Höhe herab, – und zwar hauptsächlich von der Zimmerdecke im Nebenraum. Und ich schlief auch nicht, sondern torkelte umher, als wäre ich just aus dem Tiefschlaf gerissen worden, in dem man bekanntlich gar nicht träumt.

Da traf es sich gut, dass ich im Nu durchnässt war, denn nichts weckt die Lebensgeister besser als eine kalte Dusche. Weil das Wasser leicht getrübt war, blieb ich nicht darunter stehen, sondern holte einen Eimer, um das kostbare Nass aufzufangen. Dann eilte ich die Treppe hinauf zu meinem Obernachbarn, klopfte und klingelte, hörte ein Grunzen und dann nichts mehr, klopfte und klingelte, rief durch die Tür. Auf ein neuerliches Grunzen konnte ich nicht mehr warten. Unten lief gerade der Eimer über. Ach, und wo war die Telefonnummer der Hausbesitzer? Der nässende Obernachbar war nämlich ihr Sohn, und sie würden eventuell wissen, was man tun muss, um ihn wach zu kriegen. Ich konnte die rettende Telefonnummer nicht finden, zumal ich dauernd Eimer ausgießen musste. Derweil der Sturzbach in einen zweiten Eimer pladderte, lief ich wieder hoch, und auf mein Klopfen öffnete nicht der grunzende Sohn, sondern sein Freund und Türnachbar nebenan. Er reichte mir sein Telefon mit der gewählten Nummer und holte eine Wanne, derweil ich Frau Hausbesitzerin alarmierte. Sie war nicht wirklich erfreut, versprach bald zu kommen und sagte, ich solle den Haupthahn schließen.
„Ja, wo ist denn der?“
„Sie haben einen in der Wohnung!“
„Ach, ich kann mit meinem Haupthahn das Wasser von oben stoppen?“
Das ist ja nicht völlig absurd, denn mit dem Haupthahn im Keller kann man sogar das Wasser der Dachetage abdrehen. Sie beschrieb mir, wo ich diesen Oberhaupthahn finden könnte, und er ließ sich auch tatsächlich schließen, was meinen Sturzbach allerdings nicht kümmerte. Es triefte und pladderte noch eine halbe Stunde weiter.

Von der 1. Etage dieses Hauses wurde ich durch einen versoffenen Studenten und seinen Eimer vertrieben – Foto: JvdL

Die Hausbesitzerin trat ein und beguckte sich die nasse Zimmerdecke. Sie holte eine Trittleiter und riss die nassen Rauhfaserbahnen herunter, was mir das Zimmer schön dekorierte, denn die Placken abgeplatzter Farbe schwammen hübsch über die Dielen. Draußen stand der verkaterte Sohn und guckte zu. Er bewegte sich erst, als ich provozierend sagte: „Und Mama macht den Dreck weg.“ Da zischte sie ihm etwas zu, worauf er sich bequemte und zu wischen begann. Später fragte ich ihn, was passiert sei, und er sagte, dass er im Rausch einen Eimer in die laufende Dusche gestellt habe. Am Nachmittag rollten Hausbesitzers zwei Raumentfeuchter in Kühlschrankgröße in meine Wohnung, deren Lärm mir in erster Linie die Energie absaugte. Mir war klar, dass ich die nächsten Wochen nicht in der Wohnung würde leben können.

Zu jener Zeit pendelte ich schon ein halbes Jahr zu einer Liebschaft in Hannover. Also fuhr ich jetzt für zwei Wochen hin, derweil Hausbesitzers meine Wohnung renovieren wollten. Die Frau organisierte für das nächste Wochenende acht Besichtigungstermine. Und bald darauf war mein Umzug nach Hannover perfekt. Rückblickend ist der Eimer, der mich aus Aachen vertrieb, übrigens klein und blassrosa.

Man könnte sagen, dass ich vor nun zehn Jahren meine Heimat leichtfertig verlassen habe – von den freundlichen Rheinländern zu den stieseligen Niedersachsen. Das ist wahr, allerdings reizte mich das Abenteuer, eine neue Stadt kennen zu lernen, die Stadt, in der Kurt Schwitters gelebt hatte. Außerdem war ich die Pendelei leid und konnte, wenn ich zu Gast in Hannover war, nicht schreiben. Selbst nach meiner Heimkehr dauerte es gut drei Tage, bis es wieder ging. Zudem war die Aachener Innenstadt voller schmerzlicher Erinnerungen für mich, und die hoffte ich, hinter mir zu lassen.

25 Kommentare zu “Schuld war nur der Plastikeimer – Wie es mich von Aachen nach Hannover verschlug

  1. Als Du neulich schriebst, Du seist nach Hannover gezogen wegen einer Frau, die Du gar nicht geliebst hast, wunderte ich mich, aber ich dachte mir, das ist vielleicht zu intim, das geht mich nichts an, deswegen habe ich nicht nachgefragt – Abenteuerlust wird vielleicht auch dabei gewesen sein, war mein Gedanke. Jetzt verstehe ich. Zwischendurch hattest Du mal den Plan, zurückzuziehen nach Aachen, wenn ich mich recht erinnere, hast Du das wieder aufgegeben?

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    • Hauptsächlich war es vermutlich Abenteuerlust. Da ich soviel in Aachens Umgebung herumgefahren war, hatte ich alles ausgelesen wie ein Buch. Im ersten Jahr in Hannover war ich begeistert unterwegs und habe gefilmt, wie in Schmocks Videotagebüchern zu sehen. Inzwischen bin ich zehn Jahre älter, habe zwei gesundheitliche Einschnitte erlebt. Derweil ich einige Jahre mit meiner Wiederherstellung beschäftigt war, habe ich den Zeitpunkt zurückzugehen verpasst. Kaum merklich habe ich hier auch Wurzeln geschlagen. Und wie es heißt: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“

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    • Beispiel: Wo ich meine Suppe löffle, ist es manchmal sehr voll, so dass man sich zu jemandem an den Tisch setzen muss. mindestens dreimal saß ich mit einem Man am Tisch, wobei natürlich ein paar Worte gewechselt wurden. Trotzdem tut der Kerl so, als hätte er mich noch nie gesehen, und ich stimme dir zu: „So stieselig sind die Niedersachsen gar nicht. Erst recht nicht die Hannoveraner“, höchstens dieser eine – und der andere – und dieser da auch usw. 😉

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