Donald Trumps goldene Spiegel

Es muss schlecht um mich bestellt sein. Nachts drehe ich mich von einer Seite auf die andere, alle Knochen schmerzen, die Augen brennen und ich fühle mich schwach, so dass ich gestern nur mühsam aus dem Bett fand. Vermutlich bin ich Schauplatz einer verlustreichen Schlacht zwischen Mikroben und meinen Abwehrzellen. Wie ein durchziehendes Heer die Bauernhöfe ganzer Landstriche kahl frisst, ziehen sie von überall Ressourcen ab. Und ach, der Berührungsschmerz der Haut, – sogar in den Wurzeln meiner Brustbehaarung sind kleine böse Geister erwacht, um sich einzureihen in die Schar meiner Peiniger. Was soll das, untreues Pack? Es schickt sich nicht, den eigenen Wirt zu quälen. Ich habe den Haaren schon angedroht, sie vor die Tür zu setzen, sie zu rupfen oder auszureißen, wenn sie sich nicht benehmen. „Man kann auch einen Bären zanken!“, habe ich gesagt. Aber es schert sie nicht. Entweder haben sie meine trichotillomanische Drohung nicht verstanden oder sie haben mich nicht ernst genommen, weil ich einfach zu schwach und hinfällig wirke, unfähig, eine grobe Gewalttat zu vollbringen.

Wie beim Schüttelfrost die Eiseskälte in Gluthitze übergeht, das ist recht unterhaltsam. Schon immer haben mich Unwetter fasziniert. Die unbändige Kraft der Natur lässt einen erbeben. Es gibt wie im Auge des Orkans auch hier einen Ort der Ruhe, einen Augenblick des Behagens, wenn man sich nämlich gerade warm gezittert hat, wenn das Zähneklappern langsam verebbt. Doch dann wird von irgendwo „Zugabe!“ gerufen und „Heizt den Kessel kräftig ein!“ „Bitte keine Verschwendung der Ressourcen!“, will ich noch einwenden, doch ich bin einfach zu schwach, die durchgeknallten Heizer aufzuhalten. Der Holzstapel hinterm Haus hätte für einen ganzen langen Frostwinter gereicht, jetzt jagen sie ihn in einer Nacht durch den Kamin.

Wenn das Ofenrohr brennt, wenn die Silberbronze leise knisternd Blasen treibt, um Plättchen für Plättchen abzuplatzen, dann geht es in meinem Kopf ziemlich drollig zu. So glaubte ich einmal, meine Adern und Venen, mein gesamter Kreislauf wäre das Hannoversche U-Bahn-Netz. Schon stand ich an einem Bahnsteig, wollte meinen Besitz inspizieren und mich vom ordnungsgemäßen Ablauf des U-Bahnverkehrs überzeugen. Die Bahn rollte heran und war zu meinem Erstaunen völlig überfüllt. Man ließ mich freilich bereitwillig ein, die im Gang Stehenden rückten geflissentlich zur Seite und machten ein Gasse auf. Alle Blicke wandten sich dem hinteren Ende zu. Im hellen Licht saß da beim Fenster eine attraktive Frau, und neben ihr war ein Platz für mich reserviert. Stumm komplimentierte man mich hin, und wie ich näher komme, ist’s die ehemalige Bischöfin Käßmann. Sie legte mir, sobald ich saß, sogleich ihre kühlende Hand auf die Stirn. Da sagte ich: „Danke, Frau Käßmann, jetzt können wir endlich in die Sonne fahren.“ Das war natürlich Unsinn, denn wenn man mit einer U-Bahn durch das System meiner Adern und Venen fährt, sieht man von der Sonne so gut wie gar nichts.

Heute gegen Morgen träumte ich einen Traum, der auf einer Endlosschleife durch meinen Kopf zog. Es begann damit, dass ich dem dubiosen Besitzer einer Bar ein Set goldener Spiegel andrehen wollte, das angeblich aus dem Besitz von Donald Trump stammte. Der Barbesitzer, ein gefährlicher Ganove, verlangte ein Echtheitszertifikat und ich konnte ein Foto aus dem Weißen Haus herzeigen, auf dem Trump vor den goldenen Spiegeln saß. Solche Fieberphantasien sind, genau besehen, nicht weit entfernt von den realen Abläufen in der Welt, sollten sie denn wirklich so sein, wie sie die Medien spiegeln. Würden meine Fieberfantasien über Nacht mit dem Mediengeschehen vertauscht, keiner tät’s merken.

Ist gibt wohl eine Verbindung zwischen den geschilderten inneren Abläufen und der äußeren Welt. Seit gestern habe ich kein warmes Wasser mehr und der Thermenflüsterer, der mir für heute Vormittag angekündigt war, kommt nicht. Er ist, na was wohl? Krank.

15 Kommentare zu “Donald Trumps goldene Spiegel

    • Trichotillomanie = Die zwanghafte Sucht, sich Haare auszureißen. Das Eigenschaftswort gibt es vermutlich nicht. Ja, haben sich dier Thermen allesamt gegen die Menschen verschworen? Man hält es für normal, den Hahn aufzudrehen und warmes Wasser zu haben. Jetzt zeigt sich, nichts ist normal.

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      • Ich sehe das Thermenproblem als eines der wichtigsten der Zukunft „Gas Wasser Scheiße“ will ja heute keiner mehr lernen. Statt dessen programmieren alle Apps. Zum Glück gibt es ja den Klimawandel. Nur an das kalte Duschen werde ich mich gewöhnen müssen ;-(

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  1. Ich war so gebannt von deinem Text, das ich meinen Bus verpasst hab heut Mittag – ich hab ihn nicht mal vorbei fahren hören!
    Ich wünsche _dir_ vorbehaltlos gute Besserung, auch wenn ich _mir_ noch mehr solche Fiebertraumdramen wünsche… 😉 ganz liebe Grüße, Anna

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    • Gleich einer Lichtgestalt im goldenen Harnisch hast du dich mit deinem Kommentar auf meine Seite geschlagen, liebe Anna. Mir gings gleich ein wenig besser. Doch ich fürchte die Nacht. Als ich noch in meiner Familie lebte, hat meine liebe Frau mal die Kinder an mein Krankenbett gerufen, damit sie hörten, welchen Unsinn ich im Fieberwahn erzählte. Und da war ich wach. An diesen Spaß für die ganze Familie erinnern sich alle gut.

      Ich hoffe, den Bus zu verpassen, hatte keine üblen Folgen für dich.
      Herzlich,
      Jules
      (nach Diktat zu Bett)

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  2. P.s.: Haare ausreißen (“epillieren“) tut auch weh und wenn sie nachwachsen und einwachsen und sich entzünden dann auch – ein langwieriger Spaß… Überleg es dir gut und rede vorher noch mit ein paar Frauen und/oder metrosexuellen Männern. Und teile deine Erlebnisse bitte mit uns, sich wenn du jetzt keine Frauenzeitschrift für Männer mehr hast.

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