Donald Trumps goldene Spiegel

Es muss schlecht um mich bestellt sein. Nachts drehe ich mich von einer Seite auf die andere, alle Knochen schmerzen, die Augen brennen und ich fühle mich schwach, so dass ich gestern nur mühsam aus dem Bett fand. Vermutlich bin ich Schauplatz einer verlustreichen Schlacht zwischen Mikroben und meinen Abwehrzellen. Wie ein durchziehendes Heer die Bauernhöfe ganzer Landstriche kahl frisst, ziehen sie von überall Ressourcen ab. Und ach, der Berührungsschmerz der Haut, – sogar in den Wurzeln meiner Brustbehaarung sind kleine böse Geister erwacht, um sich einzureihen in die Schar meiner Peiniger. Was soll das, untreues Pack? Es schickt sich nicht, den eigenen Wirt zu quälen. Ich habe den Haaren schon angedroht, sie vor die Tür zu setzen, sie zu rupfen oder auszureißen, wenn sie sich nicht benehmen. „Man kann auch einen Bären zanken!“, habe ich gesagt. Aber es schert sie nicht. Entweder haben sie meine trichotillomanische Drohung nicht verstanden oder sie haben mich nicht ernst genommen, weil ich einfach zu schwach und hinfällig wirke, unfähig, eine grobe Gewalttat zu vollbringen.

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Allgemeine und spezielle Bemerkungen über Zugreisen

Bevor die schreckliche Plage Hartmut Mehdorn mit unausgegorenen Börsenplänen über die Deutsche Bahn gekommen ist und sie kaputt gespart hat, gab es eine tägliche IC-Verbindung Aachen – Berlin. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Aachen aus, die statt über Hannover über Hildesheim umgeleitet wurde und ich wunderte mich, denn Hildesheim hatte ich irgendwo in Süddeutschland vermutet. Der Zug hatte enorme Verspätung. Ein grimmiger junger Mann mit verdächtigem Aktenkoffer beleidigte darum die Zugbegleiterin aufs Übelste und zeterte, er müsse unbedingt dann und dann in Berlin sein. Ich ergänzte seine wütend hervorgestoßene Tirade meinem Reisegefährten: „Er muss da nämlich pünktlich einen erschießen.“ Das Opfer hat überlebt – dank Deutsche Bahn.

Freitags gibt es eine direkte IC-Verbindung Hannover – Aachen. Drum stieg ich letzten Freitag um 8:56 Uhr frohgemut in den Zug und genoss die Aussicht, nicht in Köln umsteigen zu müssen, diesem Bahnhof, der stets so überlaufen ist, dass man denken könnte, die halbe Welt hat kein Zuhause. Das schlimmste ist jedoch der Lärm in der Bahnhofshalle. Zwischen dem Dröhnen wartender ICE, dem Getöse an- und abfahrender Züge ist immer mal wieder eine komplett unverständliche Durchsage zu hören, die vermutlich vom bahneigenen Lärmdirigenten nur eingestreut wird, um die infernalische Kakophonie durch die Obertöne heller Frauenstimmen anzureichern.

In Köln stiegen viele Reisende aus, aber kaum welche zu, denn Berufspendler dürfen den IC nicht nehmen. Offenbar hatte es aber einen Personalwechsel gegeben. Ein gutgelaunter Rheinländer begrüßte per Durchsage die Fahrgäste „im IC der Deutschen Bahn zur Weiterfahrt nach Aachen. Unser nächster Halt ist der Weltbahnhof Düren.“ Da mussten die verbliebenen Mitreisenden schon lachen. Düren kennen Eingeweihte als Kaff, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Dann eine erneute Durchsage: „Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, kommen Sie in Wagen fünf. Da sitze ich nämlich“, kurze Pause, „aber nur bei Problemen.“ Nachdem wir den Weltbahnhof hinter uns gelassen hatten, näherten wir uns Aachen, und der Zugbegleiter, der nach Meinung einer jungen Frau wohl einen Clown gefrühstückt hatte, sagte:

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Aachen Hauptbahnhof. Unser Zug endet dort. Bitte denken Sie daran, beim Verlassen des Zuges Gepäckstücke und Kinder mitzunehmen.“

Sagt die junge Frau zu ihrer Mutter: „Da bekommt man doch gleich gute Laune.“ Oja, schön ists im Rheinland. Vor Aachen saust der Zug noch durch den Nirmer Tunnel.
Ein Kollege erzählte am Abend, sein alter Lateinlehrer habe immer gesagt: „Hinter dem Nirmer Tunnel beginnt die eurasische Steppe“, also von Aachen aus gesehen. Ein anderer Kollege nannte mich „liebe Jong.“
„Das hat schon lange niemand zu mir gesagt.“
„Wenn du auch so selten nach Aachen kommst.“

„Liebe Jong“ wäre ich auch diesseits des Nirmer Tunnels. Für mich beginnt die eurasische Steppe auf der rechten Rheinseite, „op de schäl Sick“ wie der Kölner sagt. Sobald mein Zug von der schäl Sick über die Hohenzollernbrücke auf die linke Rheinseite rollt, fühle ich mich zu Hause. Und das, obwohl ich doch schon 12 Jahre in Hannover lebe. Die Rückfahrt ist dann immer ein wenig befremdlich. In den dreieinhalb Stunden von Köln bis Hannover muss ich ein anderer werden, was sich auch zeigt in der Namensänderung. In der eurasischen Steppe kennt mich kaum jemand mit meinem richtigen Namen, sondern nur mit dem, der ich auch im Internet bin. Schon seltsam. Dabei habe ich die Frau, deretwegen ich hergezogen bin, nicht mal geliebt. Bei der Rückfahrt stieg übrigens im Weltbahnhof Düren eine Horde junger Frauen zu. Zwei unterhielten sich über ihre deutlich älteren Männer. 13 Jahre älter war der Freund der einen. Sie sagte altklug: „Das Problem bei älteren Männern ist … du kannst sie nicht mehr erziehen.“ Ja, vielen Dank. Das ist genau der Fehler, Fräulein. Dass ich mich nicht erziehen lassen wollte, daran ist auch die Beziehung gescheitert, deretwegen ich in Hannover gestrandet bin. Kann es überhaupt ein vernünftiges Ziel sein, den oder die BeziehungspartnerIn erziehen zu wollen? Das klappt doch nicht mal in der Weltstadt Düren.