Ist es schon wieder soweit?

Einigermaßen entsetzt war ich, als ein Exlehrerkollege glaubte, der Tischrunde einen Judenwitz erzählen zu müssen. Zuerst kam der Witz, dann echauffierte er sich, dass eine junge Frau aus seiner Verwandtschaft nicht darüber habe lachen können, sondern pikiert reagierte, woraufhin er gesagt habe:
„Ja, zeigt der Witz dann nicht, dass die Juden in allen Lebenslagen ihre Interessen durchsetzen können?“, womit er sie nicht habe gnädig stimmen können. Wider meine Absicht sagte ich:
„Verständlich, denn die Bemerkung war wohl eindeutig rassistisch.“

„Willst du sagen, dass ich ein Rassist bin?“
„Das hat er nicht gesagt“, warf die neben mir sitzende Kollegin ein.
„Nein, ich habe nur gesagt, dass die Bemerkung rassistisch ist.“
„Ja, sind denn die Juden nicht das klügste Volk der Welt?“
„Kann ich nicht beurteilen. Hört sich für mich nach einem Vorurteil an.“
„Aber wir brauchen doch Vorurteile, um uns in der Welt zu orientieren.“
„Doch gerade ging es nicht darum, sich rasch zu orientieren, sondern du hast einen Judenwitz erzählt und eine rassistische Erklärung hinterher geschoben.“
„Verstehe ich nicht.“

Der Exkollege ist bereits über 80, hat auch in jüngeren Jahren nie ein Hehl aus seiner rechten Gesinnung gemacht. Er stammt irgendwie aus einer alten Adelsfamilie, wo derlei wohl vererbt wird. Während des Wortwechsels verfluchte ich, dass ich mich zu einer Bemerkung hatte hinreißen lassen, woraus sich ein Disput zu entwickeln drohte, obwohl wir doch eigentlich einen gemütlichen Abend verbringen wollten. Wenn dieser intelligente und gebildete Mann nicht sah, dass ein Witz überhaupt nichts beweist, vor allem nicht eine Charaktereigenschaft eines Volkes, dass er im Gegenteil konstruiert wurde, um ein Beispiel dieser dem Volk zugeordneten Charaktereigenschaft zu geben, woraus dann schlichte Gemüter wiederum Rückschlüsse ziehen, wobei „schlichtes Gemüt“ auf diesen ehemaligen Englisch-, Latein- und Sportlehrer gar nicht zutrifft, ja, ist es dann klug von mir gewesen, ihm zu widersprechen? Wer mit 81 Jahren noch nicht zur Einsicht gekommen ist, wird es jetzt auch nicht mehr.

Andererseits hätte ich vermutlich nicht reagiert, wenn jemand gesagt hätte: „Ein Rumäne geht hinter dir in die Drehtür und kommt vor dir wieder heraus“, was in etwa die Qualität seiner Bemerkung hat. Aber Judenwitze sind in Deutschland übel. Während meiner Kindheit in den 1950-er Jahren wurden noch Judenwitze erzählt. Der Onkel mütterlicherseits, der in der Waffen-SS gewesen war beispielsweise, tat es bedenkenlos. Seltsamer Weise habe ich die behalten, eine mir widerliche Erinnerung, die ich nicht los werde. Dass Judenwitze in Deutschland wieder gesellschaftsfähig werden würden, hätte ich jedoch nie gedacht.

14 Kommentare zu “Ist es schon wieder soweit?

    • Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber zu unserer aktiven Zeit gab es viele stramm rechte Kollegen. Das Kollegium zerfiel in zwei politische Lager. Weltanschauungen haben wenig mit Intelligenz und Bildung zu tun, weshalb es sicher falsch ist, die neuen Rechten als dumm hinzustellen.

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  1. Impuls, dir die Atmosphäre nicht versauen zu lassen, nachempfinden. Aber dann gehst du heim und weißt, dass du etwas sagen hättest können… das ist doch auch nicht mehr unbeschwert.
    Und den anderen “umkrempeln“ kann man mE nicht (bzw. nicht solange man auf ein individualistisch-freiheitliches Menschenbild pocht).
    Was bleibt: Widerstand zeigen, Zweifel säen, dritten einen alternative Standpunkt anbieten.
    Danke für deinen Beitrag und die Anregung! Und danke, dass du es schaffst dich zu positionieren ohne dabei Vorurteile zu reproduzieren.

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    • Danke für deine verständigen Kommentar. „Widerstand zeigen, Zweifel säen, dritten einen alternativen Standpunkt anbieten“, gefällt mir gut. Diese halbjährlichen Treffen ehemaliger Kolleginnen und Kollegen haben natürlich einen anderen Sinn. Trotzdem lässt sich manchmal nicht vermeiden, ernst zu werden.

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  2. Ich mag generell keine Witze, in denen bestimmten Nationalitäten bestimmte Verhaltensweisen angedichtet werden. Auch wenn es positive Bemerkungen sind. Nationalstaaten sind willkürliche Gebilde. Und die Idee, das ein Volk, was immer das sein soll, bestimmte Eigenschaften haben soll ist mir noch unangenehmer, auch wenn sich bestimmte Gruppen selber als Volk bezeichnen.

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    • Ich bin ganz deiner Ansicht. Diese Verallgemeinerungen sind von übel. Im konkreten Fall dient jede positive oder negative Zuschreibung letztlich dazu, Mitglieder sogenannter „Völker“ zu diskrimieren oder sogar zu verfolgen, wie es in Europa seit dem Mittelalter von Luther bis zum Nationalsozialismus schändliche Tradition war.

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  3. Man möchte sich auf die Zunge beißen, wenn ein solcher Disput beginnt und von keiner Seite erwünscht ist. Dennoch ist es gut, es sich eben nicht verkniffen zu haben. Spätestens wenn ein Judenwitz relativiert wird und der Erzähler nicht versteht warum es deplatziert ist diese zu erzählen, ist der Spaß vorbei und das Eis wird dünn. Auch wenn manch einer sich nichts dabei denkt….bei manchen Themen ist Gedankenlosigkeit nicht angebracht.
    Gerade wollte ich gute Reise wünschen und merke, ich bin schon wieder zu spät beim Nachlesen. Ich hoffe du warst erfolgreich, lieber Jules.

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    • Das Lehrerkollegium, dem ich einmal angehört habe, war über zehn Jahre in zwei politische Lager gespalten, die nicht miteinander redeten. Der Graben ließ sich nur überwinden, wenn wir konfliktbeladene Themen aussparten. Aber manchmal geht es einfach nicht. Wie du treffend sagst, liebe Mitzi, das Eis wurde dünn.
      Ich habe ja nur einen Kurztripp nach Aachen gemacht.

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  4. Ich schließe mich schreibenwärmt und socopuk an – bei sowas sollten sich möglichst viele Leute möglichst früh und möglichst deutlich dagegenstemmen. Auch wenn der 81-jährige nicht mehr zur Einsicht gebracht wird, sollte nicht der Eindruck enstehen, solche Äußerungen seien irgendwie akzeptabel. Ich will auch nicht nach dem nächsten nationalen Alptraum Teil der schweigenden Mehrheit gewesen sein, die das zwar eigentlich nicht gut fand aber den Mund nicht aufgekriegt hat.

    Der Anstand gebietet es, bei solchen Gelegenheiten Spielverderber zu sein, auch wenn es keinen Spaß macht. Das gilt nicht nur für Judenwitze, sondern für alle ähnlich gestrickten Zielgruppen. Die Sorte Witze über Roma und Sinti, Homosexuelle, Frauen, Schwarze, Asiaten, Türken usw. zu machen ist genauso daneben, weil die zugrundeliegende Denkart dieselbe ist und zu vergleichbaren Folgen führen kann.

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    • Ich bin froh, das zu lesen, denn ich hatte mir schon Vorwürfe gemacht. Gemeinhin ist es nicht meine Art, andere zu korrigieren, zumal wenn sie über 80 sind und zu einem geselligen Zusammensein gekommen sind. Ich hatte mich gefragt, wo der Witz herkommt. Der Kollege Studiendirektor spielt Golf. Dort in den einschlägigen Kreisen sind Judenwitze vermutlich wieder angesagt.

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      • Das Dilemma kenne ich auch. Ich mag auch in solchen Situationen keine Streitereien lostreten, aber es gibt Grenzen, da muss man anstandshalber dann doch ran. Da gilt dann allerdings: Der Aggressor ist nicht, wer in Notwehr handelt (oder anderen zur Hilfe kommt), der Aggressor ist derjenige, gegen den man sich wehren muss.

        Also ist nicht derjenige der Störenfried, der inakzeptablen Äußerungen notfalls auch vehement widerspricht und damit „Ärger macht“, sondern derjenige, der die Grenzen des Anstands überschreitet und etwa Judenwitze erzählt.

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