Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.

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11 Kommentare zu “Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

  1. Pingback: Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

  2. Du schreibst immer so schön abstrakt unter dem Vorbehalt der Wahrheiten. Der Vorbehalt lauert in den kleinen und großen Fakten, die Du in Deine Geschichte einbaust. Ich schluckte stellenweise schwer als ich darüber nachdachte, wie viele Fakten sich wohl zwischen all diesen Zeilen, dieser Beichte alles verbergen und bekam einen regelrechten Klops in den Hals, weil ich so dermaßen mit der armen Renate mitlitt…welcher nun ein Lehrstuhl an der Backe klebt wie ein studentischer Fliegenschmiss.

    Es ist so schwierig, Deine Texte zu kommentieren, weil ich immer nur ein kleines Detail beleuchten kann in dem bunten und asszoziationsreichen Geglimmere und Geglitzere dieser ganzen Geschichte, so insgesamt. Versuch ich, so wie jetzt, eine Vorbehalt am Kragen zu packen, will er gleich wieder weg und weiter in die nächste Fortsetzung.
    Unfachgemäßes Kommentieren sei mir daher verziehen, es beruht auf meine Unwissenheit und Unbelesenheit in pataphysischen Angelegenheiten.

    Sei herzlich in den Montag gegrüßt von der Fee

    Gefällt 1 Person

    • An dieser Szene, liebe Fee, gefällt mir der Gedanke, dass alles, was ist in unserer Gegenwart, das Gute wie das Schlechte auf der Fernwirkung des Nationalsozialismus beruht. Nicht nur erklärt sich die Existenz des Institutes für Pataphysik durch die ungeheuerliche Geschichte um Schneider/Schwerte, sondern auch meine Existenz. Wäre der Verlobte meiner Mutter nicht im Krieg gefallen und hätte meine Mutter nicht stattdessen meinen Vater geheiratet, gäbe es mich nicht, zumindest nicht, als der ich jetzt bin, und wir würden uns jetzt nicht schreiben.
      Es tut mir leid, dass meine Texte eher abschreckend sind, was das Kommentieren betrifft. Dabei ist jede Wortmeldung hilfreich. Auf der Plattform Blog.de habe ich vor fast neun Jahren meinen ersten Internetroman geschrieben. Schon bald wurde er wirklich interaktiv, weil viel kommentiert wurde, Marana ein Register der Verweise und Bezüge führte, der Blogger Einhard ein systematisches Lexikon zum Roman anlegte, Videbitis und Careca eigene Handlungsstränge entwickelt haben. Das alles war soziale Energie, die mich beflügelt hat. Leider ist das Gesamtkunstwerk durch die Abschaltung von Blog.de zerstört. Leise hatte ich gehofft, etwas Ähnliches würde sich entwickeln. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich verlor immer mehr Leserinnen und ZUspruch, was mich deprimierte. So liest sich vieles im Text wie eine Inhaltsangabe. Ich traute mich nicht, die Szenen zu entfalten, weil die Texte dann noch länger geworden wären.

      Lieben Gruß und dankeschön für deinen Kommentar,
      Jules

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules, noch nie hab mich einer Deiner Beiträge „abgeschreckt“ vom Kommentieren, höchstens mal verunsichert, weil mein Senf nicht immer sinnvoll ist…
        Weiter finde ich die Idee eines Internetromans wie auch das Projekt zwischen Euch Bloggern total spannend.

        Wie Du weißt, lese ich Deine Geschichten und Texte sehr gerne. Wenn sie auch mal länger sind. Wir leben in einer so kurzfristigen Zeit wie noch nie zuvor. Dein blog vermittelt insgesamt ein Bild, das rar geworden ist in unser schnelllebigen blogwelt, auch dem Sterben ganzer Plattformen wie blog.de. Dass mit dem Abschalten dieser Plattform auch Kunst verloren ging: Sozialkunst. Das Wort gibt es – oder noch nicht? Wenn nicht, sollte es einer erfinden und das habt Ihr getan. Das verbittert natürlich auch und insofern ist es lobenswert wie fleißig Du Deinen blog immer mit beitragen, Geschichten fütterst, uns Leser verwöhnst. Blogger sind Künstler. blogkunst. Wie aufwändig manche Deiner Beiträge gestaltet sind! Man kann die Arbeit und Zeit, die darein investiert wurden, herauslesen. Du belässt alles wie es ist und veränderst höchstens mal die Headerdame. Frau Nettesheim und Herr Leisetreter sind prominente Größen in Deinem Universum.
        Darum schade wenn Du Deine Texte beschneidest, damit sie den Leserschaften gefälliger im Gaumen munden.
        Zuspruch brauchst Du?
        Jo, den brauchen wir alle ab und zu. Ich wünschte, Probleme ließen sich samt und sonders mit so etwas scheinbar Simplem wie einem Zuspruch besser lösen. Doch Zuspruch ist komplex, so komplex wie Deine Geschichte über eine komplexe Wissenschaft.
        Das Kommentieren war/ist mir ein Vergnügen.
        Liebe Grüße 🙂

        Gefällt 1 Person

        • Liebe Fee,
          soziale Kunstprojekte sind leider so anfällig gegen Geschehen im Netz. Letztens wiegelte Kollege Dilettant ab, es gäbe Langzeitarchivierung, aber die kann unmöglich die digitalen Vernetzungen abbilden und wie der darin herumsausende Aufmerksamkeitsfunke da und dort neue Ideen entstehen lässt und wie das Netzwerk zu glühen anfängt wie auch bei Scans des Gehirns manche Bereiche erhöhte Aktivität zeigen.
          Der Blogroman Die Papiere des Pentagrion ist bei Wikipedia noch erwähnt https://de.wikipedia.org/wiki/Blogroman
          aber ich schäme mich fast drum, weil er ja nur noch aus gespeicheten Textfetzen besteht und Bild- und Tondateien sowie alle Verlinkungen fehlen.
          Daher will ich mit diesem Text lieber auf das klassische Buch ausweichen, wenn mich der Vortrieb nicht verlässt.

          Herzlichst!

          Gefällt 1 Person

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