Über menschliche Spuren und spurloses Verschwinden

Die Davenstedter Straße ist eine der Hauptausfallstraßen von Hannover-Linden und führt ziemlich genau nach West-Südwest Richtung Lindener Hafen. Am jungen Sonntagmorgen gleißt die noch tiefstehende Sonne auf den Schienen der Straßenbahnlinie 9. Dieses silbrig- glänzendende Band folgt exakt dem Straßenverlauf. Dabei zeigt sich, dass er eben nicht wie mit dem Lineal gezogen ist, sondern ganz kleine unmotivierte Windungen macht. Welche Gründe liegen hier vor? Sie müssen älter sein als die dichte Bebauung links und rechts, die sich ja ebenfalls am Straßenverlauf ausrichtet und seine sanften Windungen durch die Ausrichtung der Hausfronten nachzeichnet. Mir scheint, dass hier Spuren eines alten Wegs aufscheinen, der in ferner Vergangenheit vielleicht als Trampelpfad begonnen hat, der großen Pfützen und kleinen Bodenwellen auswich und eben nicht schnurgerade verlief, wie halt tierische und menschliche Trampelpfade sind, dass man dann diesen Fußweg verbreiterte für Eselskarren. Später wurde er für Pferdefuhrwerke eventuell etwas begradigt und vielleicht mit Pflastersteinen befestigt, und in jüngerer Vergangenheit hat man die so entstandene Straße für den Autoverkehr asphaltiert und Straßenbahngleise verlegt. Auf dem Weg zur Bäckerei gefällt mir der Gedanke, dass sich im Straßenverlauf eine spezielle Geschichtsschreibung zeigt.

Die junge muslimische Bäckereifachverkäuferin ist aus dem Urlaub zurück und hat vermutlich geheiratet, wie ich einem Wortfetzen entnahm zwischen ihr und einem Mann am Tisch, der dort seinen Kaffee trank. Er gratulierte ihr jedenfalls. Dann brachte ihre ältere Kollegin die Rede auf zahllose WhatsApp-Nachrichten, die wohl eingegangen waren, und die Muslima bestätigte, es seien so viele gewesen, dass sie die gar nicht alle beantworten konnte. Ich hatte eine Braut vor Augen, die bei einem hübsch mit Blumen geschmückten Tischlein sitzt und einen Stapel Glückwunschkarten in Umschlägen vor sich hat. Alle zu sichten und die Absender zu registrieren, würde eine Zeit in Anspruch nehmen. Dann gilt es, allen zu danken. Als Schriftsetzerlehrling habe ich noch viele solcher Danksagungen gesetzt, die dann 50 mal auf Büttenpapier gedruckt wurden, um vom beglückwünschten Brautpaar couvertiert, adressiert und per Post verschickt zu werden.

Es steckt im WhatsApp-Glückwunsch ja noch die Sitte aus der Zeit der analogen Kommunikation. Irgendwann wird man es nicht mehr anders kennen, nur noch Glückwünsche per WhatsApp versenden und erhalten, aber es führt so gut wie keine Spur mehr zurück zum Ursprung dieser Tradition. Das Digitale ist geschichts- und spurlos.

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11 Kommentare zu “Über menschliche Spuren und spurloses Verschwinden

  1. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zu meiner Kommunion jeder beschenkenden Person und jedem Glückwunschschreiben eine Dankeskarte zu schreiben hatte. Sollte ich jetzt zynisch sagen „das war mal ein echt guter Stundenlohn, dreistellig“ … oder lieber religiös frömmelnd ein gehauchtes „Vergelt’s Gott“ denken ….

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    • Ich war überrscht, dass man heutzutage per WhatsApp gratuliert. Doch zum Tode McCains hatte Trump sogar per Twitter konduliert. Schriftliche Glückwunsch- wie Dankschreiben und Beileidsbekundungen gehören bald der Vergangenheit an. Es ist sicher für ein Kommunionskind erleichternd, keine Dankeskarte mehr schreiben zu müssen, doch kulturell ein Verlust.

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      • Ja, da hast du Recht. Ein Verlust. Es wird dann das Geschenkte auch nicht mehr reflektiert.

        Lass mich zur Einordnung von Trump seinem Tweet noch etwas schreiben:

        John McCain: „My deepest sympathies and respect go out to the family of Senator John McCain. Our hearts and prayers are with you!“ (Trump am 26. Aug. via Twitter)
        Aretha Franklin: „The Queen of Soul, Aretha Franklin, is dead. She was a great woman, with a wonderful gift from God, her voice. She will be missed!“ (Trump am 16. Aug. via Twitter)

        Der John-McCain-Tweet enthält nur ein Adjektiv, welches im Superlativ inhaltlich nach unten deutet: „deepest“. Der Rest sind 08-15-Trauerflokeln in den USA, wie es sie auch in Deutschland gibt, würde ein MdB sterben.

        Der Aretha-Franklin-Tweet enthält einen populären inoffiziellen Titel „Queen of Soul“, zwei typisch positive (und einfach gehaltene) Trump-Adjektive („great“, „wonderful“) und die Richtung nach oben („from God“) plus einer Zukunftsaussicht ohne Details („She will be missed!“).

        Frage:
        Für den Tod welches Menschen legt DT mehr Empathie statt nur Formalismus in seinen Tweet rein? Derjenige, der DT über die Presse zu dessen Beerdigung ausgeladen hat, zählt dem DT nur recht wenig.

        Weiteres zu bemerken:
        Nach dem Aretha-Franklin-Tweet twittert er ein Foto seiner tollen Kabinettssitzung mit ihm.

        Der John-McCain-Tweet ist eingebettet zwischen den Selbstbeweihräucherungen wegen den Erfolgen von DTs Wirtschaftsergebnissen. Insbesondere der Nachfolge-Tweet vom John-McCain-Tweet schließt mittels drei Pünktchen an einen älteren Tweet an und degradiert durch fünf hervorragende Adjektive den 1-Adjektiv-McCain-Tweet.

        DT interessiert nur John-McCain-Senatorsitz, welcher in den November-Wahlen durch einen DT-konformeren Senatorkandidaten der Republikaner neu besetzt werden wird …

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        • Ach ja, nur zum Vergleich der Tweet der Frau von DT zum Tode von Jphn McCain:
          „Our thoughts, prayers and deepest sympathy to the McCain Family. Thank you Senator McCain for your service to the nation.“
          Flotus contra Potus. Eigentlich wäre der Flotus-Tweet vom Potus erwartbar. Stattdessen nur eine DT-Ansprache an dessen Hinterbliebenen …

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  2. Am Freitagabend hatte ich mit meinem Mann im Rahmen der Gartenakademie einen Vortrag über verschwundene Gärten besucht, die sich z. B. noch in alten Stichen, Texten oder auch in seltsamen Straßenführungen erhalten haben. Gerade das Anlegen eines Gartens ist doch eine kulturell sehr aufgeladene Angelegenheit. Das gilt auch für solche Karten, die – das glaube ich ganz fest – nicht völlig im digitalen Wurmloch verschwinden werden.

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    • „Verschwundene Gärten“ scheint mir ein interessantes Thema zu sein. Doch kann man junge Menschen dafür begeistern. Der Rückzug des Analogen geschieht in breiter Front. Irgendwann sind schriftliche Karten ganz vergessen, wie wir auch vergessen haben, dass man früher mit Visitenkarten durch Umknicken der Ecken, Botschaften hinterlassen konnte, wenn ein Besuch vergeblich war. (Ich suche es raus.)

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  3. Wenn ein Phänomen verschwindet, das ich sowieso für blöd halte – Hochzeitsglückwunschkarten und in der Folge Danksagungskarten – finde ich das ganz okay. Aber das Phänomen verschwindet ja gar nicht, nur die Spur davon, wie Du ja schon schreibst. Kann man nicht sogar sagen: Das Digitale vernichtet Geschichte? Wenn das, was jetzt an Alltäglichem passiert, in der Zukunft nicht mehr nachweisbar ist, dann ist es so, als wäre es nie passiert. Irgendwann wird in einer Fußnote in den Geschichtsbüchern stehen: „Zur Anfangszeit der Digitalisierung gab es etwas, das nannte man Blog. Es war vermutlich ein Kommunikationsinstrument. Leider gibt es keinen Nachweis mehr.“

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    • „Das Digitale vernichtet Geschichte“ klingt nach Absicht, aber es ist viel Richtiges daran. Wir erleben es im Blog. Ständig wird im Hintergrund an der Software gebastelt. Mal ergeben sich Verbesserungen, mal misslingt etwas. Aber egal wie, da niemand es dokumentiert, geraten die Vorversionen in Vergessenheit. Ich hatte doch kürzlich im Header diese Kochlöffelfrau. Wenig später entschied ich mich zu der Aldi-informiert-Montage. Kollegin Karfunkelfee hatte aber just zur Kochlöffelfrau kommentiert. Damit der Kommentar auch nachträglich verständlich war, habe ich die alte Headerfassung in meine Antwort platziert. Die digitale Geschichte zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern. Deine Blog-Fiktion wirkt plausibel.

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      • Ganz so pessimistisch würde ich es nicht sehen. Es gibt Blogs, die in Langzeitarchiven aufbewahrt werden. Und die Technik und Logistik der Langzeitarchivierung ist zwar komplex, aber sie wird angegangen. Umgekehrt halten wir die Vergangenheit für die Summe dessen, was auf uns Heutige überkommen ist. Das ist sie aber mitnichten. Das Allermeiste ist weg und futsch für immer, machen wir uns nichts vor 😦

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        • Du hast Recht, die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des Vergessens. Sprache funktioniert über das Vergessen ursprünglicher Wortbedeutungen. Der Sprachphilosoph Fritz Mautner sagt, dass alle unsere Wörter versunkene Metaphern seien. Den Unterschied zum digitalen Vergessen machen die Dokumente aus, in alten Dokumenten können wir ehemalige Bedeutungen finden, was der Gegenstand der Etymologie ist.
          Über die Sicherheit digitaler Speicherung mache ich mir keine Illusionen. Das sicherste Speichermedium ist weiterhin die Tonscherbe.

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