Von Zeitdieben und Bewohnern virtueller Dörfer

Lang ist es her, da saß ich täglich am Schreibtisch und zeichnete. Wenn ich hoch blickte zum Fenster hinaus sah ich eine junge Frau aus dem Haus gegenüber. Sie war kürzlich mit Mann und Kind dort eingezogen, und sie gefiel mir gut. Einmal dachte ich: Nie werde ich ihren Namen erfahren, nie werde ich mit ihr reden. Es gab keinen Grund es zu tun, denn sie hatte Familie, ich hatte Familie. Sie hätte ebenso gut auf dem Mond wohnen können, so fern war sie mir, obwohl sie mehrmals täglich vor meinen Augen durch die Haustür ging. So ist das in der Stadt. Man ist sich fremd, selbst mit den Nachbarn.

Kurz vor sechs im Supermarkt. Lange Warteschlangen vor den Kassen. Jeder steht da, ohne die Miene zu verziehen. Man gibt sich verschlossen und unnahbar. Die Wartenden in der Schlange sind nicht die Mitmenschen, sondern Zeitdiebe. An den Supermarktkassen steht eine temporäre Zwangsgemeinschaft aus Zeitdieben. Ein jeder stiehlt dem anderen die Zeit. Ärger keimt in dir auf, wenn da jemand voran in der Schlange den Einkaufswagen randvoll hat und dann seinen kilometerlangen Einkauf aufs Band legt. Und immer wieder die Unruhe um einen herum, weil da jemand herumschwirrt, der sich vordrängen will, indem er sagt: „Ich hab nur ein Teil!“. Hassenswert die Kartenzahler, von denen man glaubt, dass sie langsamer sind als Barzahler. Und wenn dann auch noch die Karte nicht funktioniert, ach, wie ist man genervt von den mehrmaligen Versuchen unter den Augen der fatalistisch guckenden Kassiererin. So ein Aufwand, solch ein Zeitdiebstahl, damit 5,96 Euro abgebucht werden können! Nervig auch der selbstverliebte junge Mann, der nach dem Bezahlen seinen Einkauf nicht abräumt, sondern in aller Ruhe einen Handyanruf beantwortet.

Warum ist das so? Warum sind die in den Warteschlangen nicht Mitmenschen, sondern Zeitdiebe? Warum redet man nicht untereinander, um sich die Wartezeit zu versüßen? Warum stiehlt man sich gegenseitig die Zeit, statt sie einander zu geben? Welchen Sinn haben die verschlossenen Mienen?

Bewohner fremder Dörfer – Foto: JvdL – (größer: Klicken)


Die Städter sind sich räumlich nah, doch innerlich fern. So fern ist man einander, wie ich und die junge Frau vom Mond uns fern waren. Der Grund ist einfach darzulegen. Es geht um Abstand von jenen, die man sich nicht ausgesucht hat. Man will zwar ein Gesellschaftswesen sein, doch die Gesellschaft wählt man sich aus und bildet Netzwerke in den Städten. So ist der Städter eigentlich ein Dorfbewohner. Allerdings ist sein Dorf virtuell. Es besteht aus diesem imaginären Netzwerk von ausgesuchter Gesellschaft, eventuell ergänzt um die Verwandtschaft. Mancher ist mit seinem Netzwerk nicht zufrieden. Die Menschen im eigenen Umfeld sind sich oft zu ähnlich. Da wäre ein exotischer Vogel nicht schlecht. Noch besser wäre natürlich eine berühmte Persönlichkeit. Leider verhält es sich meistens so wie bei Briefmarkensammlungen: Die wirklich Seltenen haben immer die anderen.

Eine Blogplattform bietet die Möglichkeit, andere Menschen ins eigene Netzwerk aufzunehmen. Das digitale Netzwerk ist eine Ergänzung der imaginären Netzwerke des Alltags. Seltsam, dass es leichter ist, mit fernen Menschen Kontakt aufzunehmen als mit den eigenen Nachbarn. Irgendwann in der Zukunft wird man über solche Verhaltensweisen lachen. Wir werden es leider nicht mehr erleben, denn bevor der von nebenan unser Mitmensch wird, muss noch viel Wasser den Rhein hinunter laufen.

10 Kommentare zu “Von Zeitdieben und Bewohnern virtueller Dörfer

  1. Zwei Sachen. Zum einen kam es zur Kontaktaufnahme mit dir auf diesem elektronischen Weg irgendwie von ganz alleine. Und tatsächlich freue ich mich über einen Post von dir deutlich mehr als über den Anblick meiner Nachbarin. Die meinen Anblick im übrigen auch nicht so schätzt. Zum zweiten. Dieses Phänomen der schweigenden Warteschlangen und mürrischen Gesichter kenne ich gut. Umso überraschender, dass wir in England stets mit einem Lächeln begrüßt wurden. Meine Mutter war ob der Nettigkeit völlig aus dem Häuschen. Ich fand es ungewohnt. Ist auch erleichternd, wenn man nicht immer freundlich sein muss….

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    • Seltsamer Bug, wenn ich hier gefällt mir klicke, verschwindet das Like von Lo, nehme ich meins zurück, ist seins wieder da. Danke für das hübsche Kompliment! Hinsichtlich der Nachbarn im Haus würde es mir leid tun, das zu sagen. Reale Begegnungen sind etwas anderes. Sie sind nur selten von der Vertraulichkeit begleitet, die wir im Blog haben. Ich kann übrigens auch kaum nachvollziehen, wie ein Blogkontakt zustande kam, freue mich aber über jeden, der inspirierend und freundlich ist. Danke für deinen Bericht über Verhalten in England. In den Niederlanden ist mir das auch aufgefallen. Im Linienbus nach Maastricht beispielsweise wurde sich unterhalten, was erst aufhörte, als der Betreiber Veolia das Fahrgastfernsehen einführte. Dann starrten die meisten auf den BIldschirm.

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  2. Es ist so viel einfacher sich im virtuellen Leben gut zu verstehen. Die Ausdrucksmöglichkeiten sind einfach auf 26 kleine, knochentrockene Buchstaben beschränkt, während die Real-Life-Stolperfallen wie Mundgeruch, Übergewicht und die Tatsache, dass man nur mit einem Samuraischwert einkaufen geht, durch Phantasie ersetzt werden müssen – und unsere Phantasie scheint es gut mit uns zu meinen. Ich habe noch NIE von jemandem gedacht, verdammt, der schreibt, als hätte er Mundgeruch.

    Ich treffe mich gleich mit jemandem, den ich nur aus dem Blogleben kenne. Manchmal geht das gut und man hat sofort einen Draht zueinander. Ich habe aber auch schon das Gegenteil erlebt. Sicherheitshalber putze ich jetzt aber mal meine Zähne besonders gründlich!

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    • Witzig, mir geht das manchmal bei Schauspielern so, dass ich denke, der ist der personifizierte Mundgeruch. Ich nenne lieber keine Namen, man wird die Vorstellung kaum noch los. 😉
      Viel Glück für dein Treffen mit der Blogbekanntschaft. Geht doch fast immer gut.

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      • Schauspieler sieht man ja auch. Da wüsste ich auch einige Mundgeruch- (oder Käsefuß-)Kandidaten. Aber ich gucke so gut wie nie Fernsehen, das schützt einen auch ganz gut vor eingebildetem Mundgeruch!

        Liken

    • Als ich eben mit demn Fahrrad nach Hause kam, traf mein Türnachbar mit mir ein, hielt mir die Haustür und die zum Hof auf und stellte verwundert fest, dass wir uns schon so lange nicht gesehen hätten. „Schon merkwürdig“, sagte er. Das distanzierte Verhältnis in unserem Mietshaus ist tatsächlich merkwürdig. Schon oft habe ich dich um die rege Hauskommunikation beneidet, liebe Mitzi. Darum wundert mich deine Aussage glatt etwas, obwohls mich auch freut. Ich kann erst recht sagen, dass meine digitalen Kommunikationspartner mir näher sind als mein Türnachbar.

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      • Die Anonymität eines Mietshauses kenne ich. Ich schreibe über Vorder- und Rückhaus und vier Stockwerken…es sind so viele die ich überhaupt nicht kenne. Und (aber nicht weiter sagen) manches dichte ich meinen Nachbarn ja an. Trotzdem hast du recht – wir haben sehr viel Kommunikation und kennen uns alle sehr gut. Dennoch sind viele der Gespräche vom Alltag beeinflusst und man öffnet sich im Treppenhaus weniger als auf einem Blog.

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