Die goldenen Schuhe des Banalen oder – eine Welt in Ausbaustufen

Eine Weile habe ich im Fach Kunst einen Schüler der 7. Klasse unterrichtet, der zutraulich, aber seltsam ängstlich war. Das Zutrauliche zeigte sich darin, dass er in kurzen Abständen zu mir ans Pult kam und mir das Bild zeigte, an dem er gerade malte. Wenn ich dann nur einatmete und bevor ich auch nur irgend etwas sagen konnte, haspelte er: „Ich weiß, ich muss alles noch verbessern, ich muss alles noch viel schöner machen!“ und eilte auf seinen Platz zurück. Woher er das mit dem Schöner machen hatte, weiß ich nicht, von mir jedenfalls nicht. Aber er war offenbar ein Visionär.

Alles noch viel schöner zu machen, ist der neuste Trend, der ganz heiße Scheiß. Derweil ich gestern meine Suppe löffelte, fiel mein Blick auf die Schuhe zweier Frauen, die sich einträchtig gegenüber saßen und angesagte Limo tranken. Die Turnschuh der einen waren nicht rot, was früher nur den Königen vorbehalten war, sie hatten sogar golden glänzendes Obermaterial. Und auch die Sandaletten der anderen hatten goldfarbene Riemchen.

Bei Computerspielen gibt es Ähnliches, beispielsweise in einem der beliebten Wimmelbild-Spiele, mit dem ich mir auf dem Tablet die Zeit vertreibe. Da kehrt der Spieler nach jeder erfolgreich gespielten Wimmelbild-Szene zu einer Basis zurück, die als Insel-Landschaft gestaltet ist. Auf dieser Insel kann man Gebäude errichten, die wiederum mehrere Ausbaustufen haben und dabei immer prächtiger werden, hier an drei verschiedenen Ausbaustufen eines Leuchtturms zu sehen. Bei der Kapelle kenne ich vorerst nur zwei, von schlicht zu prächtig, womit denn auch schon das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Wer jetzt noch nicht katholisch/evangelisch/Heiliger der letzten Tage oder sonstwas werden will, dem ist formal nicht zu helfen.

Die Welt in Ausbaustufen – Screenshots aus „June’s Journey“ – größer: Klicken

Bei der ARD lief letztens eine neue Folge der jahrelang auf den dritten Kanälen rauf und runter gesendeten Kriminalkomödien-Serie „Mord mit Aussicht.“ Auch hier das Stilelement „Alles schöner machen.“ Der Plot der Folge hatte eine ganze Reihe Rückblenden, bei denen je subjektive Erinnerungen der Protagonisten ins Bild gesetzt waren. Die Rückblenden der Erinnerung waren in knalligen Bonbonfarben überzeichnet. Das war ein Regie-Einfall ganz am Tatsächlichen vorbei, denn von Erinnerungen weiß jeder, dass sie selten so deutlich sind wie das augenblickliche Erleben, weshalb das übliche Stilmittel des Films ist, Rückblenden durch reduzierte Farbgebung zu kennzeichnen. Natürlich ist legitim auszuprobieren, ob es auch anders geht. Ich finde, es war schön aber disfunktional, bietet jedoch ein weiteres Beispiel für den formalen Trend.

Mord mit Aussicht – Ereignis (l) und Rückblende (r)- aus: ARD Mediathek – Screenshots: JvdL

Die kürzlich im Teestübchen angesprochenen modischen (!) Tätowierungen werden auch immer knalliger ausgeführt. Die Welt scheint vom Drang beseelt, alles beständig noch viel schöner zu machen. Je hohler sie wird unsere Welt, je mehr Surrogat sie für das Echte vortäuscht, desto prächtiger wird sie ausgeführt. Die Dörfer des Grafen Potemkin waren nichts gegen die knallbunte oder goldfarben strahlende Kulissenwelt, die um den staunenden Betrachter aufgebaut wird. Dazu passt die sprachliche Hochglanzpolitur der Grußfloskel „Guten Abend!“ Wo Sportmoderator Heribert Faßbender einst mit einem schlichten ’n Abend allerseits Kultstatus erlangte, heißt es jetzt im Fernsehen immer öfter: „Einen wunderschönen guten Abend!“ Schon lehnt sich der Stilist in mir auf und fragt: „Habt ihr es auch eine Nummer kleiner?“ Wieso reicht ein guter Abend nicht mehr? Ein schöner Abend wäre bereits ganz fein. Soll ich etwa tagein-tagaus so einen wunderschönen guten Abend haben, weil’s gutgelaunte Deppen im Fernsehen befehlen? Ich will euer Discounter-Wunderschön nicht! Täglich wunderschön macht blöd.

Mit Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts schießen oder wie Gottfried Benn sagt: „Nichts – und darüber Glasur.” Was dieser Trend zum medialen Overdress über unsere Gesellschaft sagt, wäre noch gedanklich zu durchdringen, will sagen auch diesen Text müssen wir noch verbessern und viel schöner machen.

24 Kommentare zu “Die goldenen Schuhe des Banalen oder – eine Welt in Ausbaustufen

  1. Mir fällt dabei ein, wie auf einem ganz anderen Gebiet alles ganz krass aufgehübscht wird. Während man früher hauptsächlich darauf achtete dass etwas 9,95 DM kostete, also weniger als 10 Mark, fangen die Preise heute direkt mit Null an. Handys kosten entweder nur 0 Euro oder höchstens 1 Euro. Bei anderen Artikeln wird angegeben, wieviel man spart, also zum Beispiel 40 %. Bei Eröffnung eines Bankkontos, muss man nichts bezahlen, sondern erhält im Gegenteil 50 € Startguthaben. Bei Autos wird entweder darauf hingewiesen dass sie nur 99 € kosten oder dass man bis zu 4000 € Umweltprämie erhält. Da ich werde bei meinem nächsten Autokauf also darauf achten dass man mir vielleicht mindestens 5.000 oder 6.000 € dazugibt, damit ich es überhaupt nehme.

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    • Ja, man kann steinreich werden durch Ansammlung des Ersparten. Beim Autokauf lohnt sich das wirklich. Leider habe ich schon Tausende an „Startguthaben“ verfallen lassen, ich Depp. Derzeit bewahre ich einen 5-Euro-Rabattgutschein auf, den ich bei uns im Hausflur gefunden habe. 5 EURO!

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  2. Außerdem ist kein Körper oder Gesicht oder Lebensmittel das wir auf Werbeplakaten, in Zeitschriften und auf Produktverpackungen sehen, ohne digitale Schönheits-OP. Die Differenz zur Realität ist zb bei Tiefkühlpizza frappierend deutlich.

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    • Ich würd’s machen mit dem Glitzer, wenn ich wüsste wie’s geht. Von Comic Sans las ich mal, das wäre die meistgehasste Schrift im Internet. Vermutlich hattest du diese Superlative im Sinn. Bunte Schrift bei Texten finde ich ganz furchtbar und mag sie gar nicht lesen, aus Angst vor Augenkrebs. „Das Schwarze sind die Buchstaben!“ fordert der Purist. Bunt geht meist auf Kosten der Lesbarkeit. Man darf es aber nicht sagen. Mir hat mal eine witzige Blogfreundin die Freundschaft aufgekündigt, weil ich diskret die disfunktionalen Farben angesprochen habe. Dabei hatte sie ausdrücklich danach gefragt, was an ihrem Blog stört. Formale Mittel beim Bloggen sind ein gutes, aber heikles Thema.

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  3. Du hast alle Superlative gefunden, die ich ausgestreut habe 🙂
    Beispielsweise Sonnenstrahlen in einem Tautropfen oder geschliffene Steine – das mag ich an echtem Glitzern: es wehrt sich gegen die technische Reproduktion.

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  4. Ich erinnere mich an den Tagesschausprecher in meiner Kindheit. Er begrüsste jeden Abend toternst die Zuschauer mit „Guten Abend, meine Damen und Herren.“ ….Daraus wurde Jahre später in anderen Formaten “ Einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren…..und nun halt wunderschön…..ich frage mich nur, was die Steigerung davon ist. Vielleicht…..Ihnen ganz persönlich einen wunderschönen Abend.;-)

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    • Ja, so nutzten Wörter sich ab und verlangen nach einer Steigerung und Ersetzung. Grundsätzlich ist nicht mal gegen dieses Phänomen des Sprachwandels was zu sagen. Aber man muss in den Medien sorgfältiger im Sprachgebrauch sein, denn man ist Multiplikator und sollte nicht siinnlos aus aussagekräftigen Wörtern Worthülsen machen.

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  5. Ja, über diesen affigen Manierismus, dem Publikum anstelle einer gehörigen Begrüßung die Modefloskel vom “Wunderschönen guten Morgen/Tag/Abend/ad lib.“ vorzujodeln, ärgere ich mich ebenfalls. Einmal schrieb ich einen Text, den ich leider nimmer auffinde, über “Männer, die wie Tunten grüßen“: über einen “Koch mit! Oliver“, der sich im Frühstücksfernsehen unter seinem Vornamen-plus-Rufzeichen-davor anbiedert und mir ungebeten einen “Wunderschönen guten Morgen“ entgegenkräht, um mir dann frühmorgens auf nüchternen Magen mit Rezepten für solche Scheußlichkeiten wie geröstete Leber usw. den Morgen zu verhageln.
    (Im Österreichischen gibts für Gottfried Benns “Nichts – und darüber Glasur“ den trefflichen Ausdruck “Schas mit Quasteln“, was etwa bedeutet “Furz mit Verzierung“.)

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    • Ich freue mich erneut über unseren Kontakt über die Grenze hinweg, wodurch ich von den Spielarten der Pänomene erfahre, die bei gleicher Hochsprache soviele Unterschiede aufweisen. (Man könnte das besser sagen, aber ich kanns im Augenblick nicht. Vielen Dank für Ihre Beispiele!)

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  6. Der Gebrauch von Sprache gibt Aufschluss über die dahinter stehende Haltung und Einstellungen und zeigt die Arroganz, mit der wir Adressaten verarscht werden (sollen).

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    • Ich ahne, was du meinst, doch so stark verallgemeinert kann ich das nicht unterschreiben.Sprachgebrauch ist nun mal die menschliche Weise, sich zu verständigen, ob Arroganz und die Absicht zu „verarschen“ vorliegen, hängt immer von konkreten Kommunikationspartnern und den vermittelten Inhalten ab.

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  7. – dem stimme ich zu: die aktuelle Situation ist entscheidend. Danke für die Konkretisierung (ist’s die erneute Hitze, die meine Überlegungen schlapp werden lässt?)

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  8. Alles immer noch besser, hübscher oder ansprechender zu machen, ruft bei mir Misstrauen hervor. Wenn mir jemand sagt, dass es ausgesprochen schön ist, mich zu sehen, dann frage ich mich, ob er mich veräppeln möchte. Auch beruflich. Da ist es seit einiger Zeit in Mode alles „gerne“ zu machen. „Schicke ich Ihnen gerne zu.“ Ne, nicht gerne, sondern weil es sein/ihr Job ist…. ;).

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  9. … oder beim Schuster: Sie können mir gerne ihre Schuhe geben …
    … Sie können gerne im Wartezimmer Platz nehmen…
    … Sie können gerne hier im Zahnarztstuhl solange ausharren, bis der Doktor gerne kommt …
    Das ist alles zum Gernhaben

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