Kurzer Hosenbericht

Meine Aachener Radsport-Trainingsstrecke führte durch das belgische Grenzdorf Raeren. Nach einer Abfahrt an einem Bächlein entlang ging es scharf nach rechts und unvermittelt einen kurzen steilen Anstieg hoch, in dessen Kurve eine Bruchsteinmauer aufragte, in Radsportkreisen „Klagemauer“ genannt. Einmal fuhr ich an der Klagemauer hoch und zwei Jungen oberhalb der Mauer riefen mir zu: Schneller, schneller!“ und der eine ergänzte: „Du schaffst es, Junge!“ Ich schrieb in mein Tagebuch, „Junge!“ genannt zu werden, sei die Konsequenz, wenn ein Mann mit 44 in kurzen Hosen herumfährt.

Inzwischen habe ich den Radsport längst aufgegeben und lange Zeit nicht mal kurze Hosen besessen, musste mich aber zu Beginn der Hitzewelle 2018 ergeben und mir zwei kurze Hosen zulegen, die ich dann auch getragen habe, weil ich keinem Hitzschlag erliegen wollte. Bei solch extremen Wetterlagen müssen die Gesetze der Ästhetik und die Konventionen hinter der Daseinsvorsorge zurückstehen. Inzwischen bedauere ich fast, dass die Entschuldigung Hitzewelle nicht mehr gegeben ist. Ich hatte mich an die kurze Hose gewöhnt, aber die deutliche Abkühlung ist auch schön. Überdies schützen lange Hosen vor einem Malheur, von dem Samuel Pepys am 6. April 1661 berichtet:

„Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

18 Kommentare zu “Kurzer Hosenbericht

  1. Oh, kurze Hosen. Nein, ich sage meinen Töchtern immer nein, ein Mann zieht keine kurze Hosen an (außer natürlich beim Radeln), das machen nur kleine Jungs . Dann lästern alle über mich (einschließlich meiner Frau). Jetzt habe ich es dann dieses Jahr tatsächlich doch gewagt, eine dreiviertel Trekkinghose anzuziehen. Na ja, was soll ich sagen, schön luftig und die nackten Waden passen ganz gut zu den gleichfarbig nackten Füßen, die in den Zehentretern stecken…

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  2. Samuel Pepys, dessen Tagebuch ich letztes Jahr entdeckt und erworben habe, schreibt auch:
    “[N]iemand nimmt sich die Probleme des Landes zu Herzen, jeder denkt nur an seinen persönlichen Vorteil oder sein Vergnügen […] so treibt alles dem Untergang zu.“ (3.9. 1665)
    Das finde ich irgendwie beruhigend – in 300 Jahren wird vllt jemand unsere Aufzeichnungen so lesen und seine eigene Verzweiflung darin erkennen. Vielleicht liest in 300 Jahren aber auch niemand mehr irgendwas – und die Evolution fängt nochmal mit der Ursuppe an…

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    • Das ich das noch erleben durfte, du kennst das Tagebuch von Samuel Pepys, liebe Anna? Ich kenne sonst niemanden, der es gelesen hat, außer mir natürlich.
      Mich beruhigt seine Klage vom 3.9.1665 nicht. Klar, wir können daraus schließen, dass aller Befürchtungen zum Trotz die Welt nicht untergegangen ist oder wie der Kölner sagt: Et hätt noch emmer joot jejange. („Es ist noch immer gut gegangen.“) Dem entgegen steht die Erfahrung, dass stolze Weltreiche irgendwann einmal zugrunde gegangen sind, nichts ewig währt. Irgendwie charmant ist freilich deine Idee von der Wiederentstehung aus der Ursuppe.
      Gerne würde ich jedenfalls wissen, was in 300 Jahren ist. Meine kurze Vision: http://trithemius.de/2006/11/25/online_lesenacht1363752/
      Leider ist die dazu gehörende Tondatei nicht mehr verfügbar.

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  3. Jahrelang, eine ganze Kindheit hindurch, habe ich darauf gewartet, endlich lange Hosen tragen zu dürfen. Stimmt nicht ganz, in jedem Frühling habe ich darauf gewartet, endlich wieder kurze Hosen tragen zu dürfen. Altherrenbeine in kurzen Hosen gehören nicht zu den Hinguckern, aber da alte Herren ohnehin keine Hingucker sind, macht das auch nichts. Also her mit den kurzen Hosen.

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  4. Du weißt ja, was ich von kurzen Hosen und Altherrenbeinen halte, aber bitte, jeder muß selbst wissen, was ihm guttut. Es kommt natürlich auf die Beine an, aber überwiegend ist das wohl nicht attraktivitätsfördernd. Wenn man sich wie Manfred und Du hinsichtlich der Damenwelt eh schon aufgegeben hat und mitleidigen Blicken gleichgültig gegenübersteht, macht es auch nichts, wenn man mit beiden Beinen in ein Hosenbein steigt. Und wenn man dann noch versucht, seinen Kopf durch einen Hemdärmel zu drücken, ist das auch nicht schlimm, nur anstrengend.;-)

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    • Mitleidige Blicke sind mir nicht aufgefallen, und ich brauche sie nicht zu fürchten. Ich vermute, Manfred meint, dass man einfach unsichtbar wird, weshalb es egal ist, ob lange oder kurze Hose oder durch welches Hemdenloch man den Kopf gesteckt hat, weshalb wir es vorziehen müssen, mit inneren Werten zu glänzen.

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