Gekritzelt – Schreien und Nadeln im Sommerloch

Legendäre Mauer

In Berlin jibbet nüscht, wat es nich jibt. Am vergangenen Sonntag haben Spaziergänger ein 20 Meter langes unbekanntes Stück der Berliner Mauer gefunden. dpa zitiert einen Bezirksstadtrat von Berlin Mitte: „Ich war total überrascht, dass es noch Unentdecktes gibt.“ Hehe! Die Überraschung ist verständlich. Die komplette Bezirksverwaltung von Berlin Mitte ist ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und hatte natürlich keine genaue Vorstellung, wo sich die Mauer zu DDR-Zeiten befunden hat. „Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“ Eigentlich wusste in der Bezirksverwaltung niemand genau, ob es diese Mauer überhaupt gab oder ob es sich bei Berichten über die Mauer um urban legends handelt. Man hat das überraschend aufgetauchte Mauerstück natürlich sofort unter Denkmalschutz gestellt, damit es nicht wieder unsichtbar wird. In Berlin jibbet nüscht, wat es nich jibt. Wenn man ein Sommerloch hat, findet man eine 20 Meter lange Mauer, um sie davor zu stellen.

Vermutung aus dem Niederländischen

Das deutsche Wort „ich fürchte“ im übertragenen Sinne heißt im Niederländischen „ik vrees. Als das letztens ein flämischer Reporter sagte, erkannte ich die lautlich Nähe von nl für „es friert“ „het is bevriezen.“ VREES und der Wortstamm VRIES scheinen mir verwandt zu sein, was die Furcht in die Nähe von Frost rückt, ganz entsprechend der Wahrnehmung, dass der Mensch bei Furcht eine Gänsehaut bekommt, vergleichbar der Gänsehaut bei Kälte. Dass FROST einmal weiblich war, darauf verweist das Deutsche Wörterbuch. DIE FROST und DIE FURCHT – die Verwandtschaft ist unverkennbar.

Menschliche Kommunikation

In Niedersachsen sind die Ferien beendet. Ich hörte es, als ich zum Marktcafé fuhr. Vom Pausenhof der Grundschule erscholl das typische Geschrei. Wie kommt das zustande? In den Ferien hörte man fast nie Kindergeschrei. In häuslicher Umgebung schreien Kinder eher selten. Aber sobald man sie in großer Zahl irgendwo zusammenpfercht, kommunizieren sie durch Geschrei. Ob das die ursprüngliche Weise ist, sich miteinander auszutauschen? Dann hätte sich menschliche Sprache aus Geschrei entwickelt, quasi aus dem verbalen Urschrei. Nachdem der Mensch gelernt hatte, seinen Mitmenschen anzuschreien, gab er sich Regeln, um das Geschrei einzudämmen. Sie gelten noch heute:
– Nicht alle gleichzeitig reden,
– den anderen nicht an die Wand reden wollen,
– beim Thema bleiben,
– sich um Verstehen bemühen,
– kein neues Fass aufmachen und darauf beharren,
– freundlich und respektvoll sein,
– des anderen Leistung anerkennen und nicht herumkritteln
(Übertragen auf das Schriftliche auch für Kommentare gut zu gebrauchen.)

Weihnachtsbaumerzeuger warnen

Während der sommerlichen Dürre sah ich bei „Hallo Niedersachsen“ (NDR) einen Bericht über riesige Monokulturen vertrockneter Weihnachtsbäume. Besonders die kleinen Bäume waren betroffen. Weihnachtsbäume würden heuer deutlich teurer werden, warnte der „Verband der Weihnachtsbaumerzeuger“, über dessen Existenz ich mich wunderte und dachte, jetzt stopft der NDR schon Weihnachtsbaumerzeuger ins Sommerloch.

Werbeanzeigen

20 Kommentare zu “Gekritzelt – Schreien und Nadeln im Sommerloch

  1. Hätten die Kinder den ganzen Morgen nur Sportstunden, wäre es etwas stiller in den Pausen, aber nur etwas, denn Kinder haben unermessliche Energien, die zuerst ge- und dann kurz entfesselt werden…
    Schöne Sommerlochnotizereien!

    Gefällt 2 Personen

  2. Aber wenn der Staatsratsvorsitzende doch gesagt hat, dass niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen, dann wurde auch keine gebaut. Und wenn keine Mauer gebaut wurde, dann gab es auch keine. Die Partei, die Partei, die hat immer recht. Und zwar immer.

    Gefällt 2 Personen

  3. Mehr als die Mauer beschäftigt sich der Verband der Weihnachtsbaumerzeuger, da für meinen Alltag relevanter. Mein Mann ärgert sich schon seit Jahren über die unverschämten Preise. Deswegen haben wir eine familiäre Challenge, die verlangt, einen schönen Baum für höchstens 15 Okken zu organisieren. Den Vogel abgeschossen hat vor einigen Jahren unsere Tochter, die vom Hausmeister die wunderschönen Bäume des Schul – Weihnachtsballs für lau bekam. Hört sich so an, als bekäme man für 15 Euro in diesem Jahr höchstens noch einen Zweig…

    Gefällt 1 Person

    • Mich hat der Anblick riesiger Monokulturen von Weihnachtsbäumen schockiert. Dass die Weihnachtsbaumaufzucht industriell betrieben wir, wusste ich noch nicht. Wenn stimmt, dass Monokulturen den Klimawandell mitverursachen, beklagt der „Verband der Weihnachtsbaumerzeuger“, was seine eigenen Mitglieder quasi befeuern. Da hält sich mein Mitgefühl in Grenzen.

      Liken

  4. Ich denke, dass die Schreierei der Kinder an fehlenden Regeln liegt, bzw. dass sie meinen, sie gelten nicht mehr.
    Und willst Du uns mit diesem Beitrag sagen, dass Dich die Art bzw Inhalt mancher Kommentare stören?

    Gefällt 1 Person

    • Oder sie müssen sich noch in Regeln einüben. Ich weiß von Grundschullehrern, wie mühsam das zu vermitteln ist. Viele haben es noch nicht gelernt, wenn sie nach der 4. Klasse zum Gymnasium kommen.
      Manche Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass der heranwachsende Mensch die verschiedenen kulturellen Entwicklungsstufen der Menschheit nachvollzieht. Dieser Gedanke ist unter „Menschliche Kommunikation“ angerissen. Vielleicht beobachten wir im Geschrei der Pausenhöfe eine frühe Entwicklungsstufe. Um diesen Aspekt geht es.
      Ein anderes Fass will ich hier nicht aufmachen, wenngleich man in der Liste eine Andeutung sehen könnte. Vielleicht schreibe ich einmal einen Beitrag dazu.

      Gefällt 1 Person

    • Sehe ich auch so. Doch als meine Kinder noch klein waren, gehörte der Baum zum Weihnachtsfest. Wie wertvoll aber riesige Monokulturen von Weihnachtsbäumen sind, vermag ich nicht zu sagen, vermutlich nur für den “ Verband der Weihnachtbaumerzeuger“ und seine Mitglieder.

      Gefällt 1 Person

  5. Über die Schlagzeile mit der Mauer wunderte ich mich auch kurz. Dann wurde ich vermutlich abgelenkt und habe nicht mehr darüber nachgedacht. Ich denke viel mehr, wie herrlich die Stille hier ohne Kinder ist. Die mag ich zwar, aber wenn sie mal in den Ferien sind, dann ist das auch fein. Hier in Bayern haben wir ja noch fast einen Monat Sommerferien. Als Kind gefiel mir das – noch frei zu haben, wenn alle andern schon wieder ran müssen.
    Ein schönes Wochenende, lieber Jules.

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: „O Tannenbaum“ und die schnöde Wahrheit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.