Mein kaputtes Bullerbü

An meine Kindheit und Jugend auf dem Dorf denke ich gern zurück, obwohl mein Vater früh gestorben ist und wir in der Folge arme Leute waren. Das Dorf zeigte sich in der Beschaulichkeit des schwedischen Bullerbü, wie man es aus den Spielfilmen nach Astrid Lindgren kennt. Über das Schreckliche der Nazizeit wurde nicht oder nur ungern gesprochen. Heute denke ich, dass es um Verdrängung eigener Schuld ging, aber dass man uns Nachgeborenen auch davor bewahren wollte zu erfahren, was da Grauenvolles passiert war.

Zu allen Zeiten versuchen Eltern zu kontrollieren und zu filtern, welche Informationen zu den eigenen Kindern durchdringen. Ich wusste, dass ein Onkel mütterlicherseits bei der Waffen-SS gewesen war. Als die US-Armee anrückte, soll er Uniform, Orden und dergleichen im Garten vergraben haben, offenbar tief genug, dass hinfort Kartoffeln und Möhren darüber wachsen konnten. Wie dieser vergrabene Plunder waren auch die Erinnerungen vergraben. Der Onkel war der Lustigste von allen, nach dem Tod meines Vaters immer hilfsbereit und wie fast alle im Dorf glühender CDU-Wähler, wie es vor den Wahlen sogar von der Kanzel empfohlen wurde.

Am Samstagabend vor dem Schützenfest hielt der Bürgermeister jährlich eine Rede am Denkmal. Da wurde der Gefallenen zweier Weltkriege gedacht, doch nie erinnerte er daran, dass im Dorf jüdische Mitbürger gelebt hatten, die man in Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportiert hatte. Meine Mutter hörte ich einmal sagen, dass es nicht richtig gewesen wäre, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. In meiner Kindheit stand noch die ausgebrannte Ruine der Synagoge mit ihren gruselig finsteren Fensterhöhlen wie ein Mahnmal, aber die Erwachsenen gaben keine Auskunft darüber. Dass es einen Judenfriedhof an der Dorfgrenze gab, erfuhr ich erst in den 1990-er Jahren:

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir von einem Acker, den unser Großvater da beim Judenfriedhof besessen habe. Als Kind habe er den Opa oft dahin begleitet. Ich fragte entgeistert: „Wo ist denn der Judenfriedhof?“ Wir waren mit dem Auto unterwegs, und mein Bruder lenkte es dorthin. Den kleinen Friedhof umschloss eine Mauer. Das schmiedeeiserne Tor war zugeschweißt. Zwischen hohem Gras und Gestrüpp sah ich einige umgestürzte Grabsteine. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich nie zuvor etwas von diesem Judenfriedhof gehört hatte. Offenbar hatte über allem einvernehmliches Schweigen gelegen. Ein Eingeständnis der Mitschuld.

Von dieser Mitschuld sollte ich erst kürzlich lesen. Als hätte eine höhere Macht befunden, ich wäre jetzt alt genug, die schreckliche Wahrheit über mein kindliches Bullerbü zu erfahren: Letztens googelte ich nach der Ziegelei im Nachbardorf Anstel und stieß auf einen Zeitungsartikel der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 28. August 2007. Es geht um die Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters durch die Staatspolizei. Weil er eine Liebesbeziehung zu einem 18-jährigen deutschen Mädchen hatte, wurde er öffentlich erhängt:

(aus Neuß-Grevenbroicher Zeitung – größer bitte klicken)

Ich meinte mich sogar zu erinnern, dass der am Verbrechen beteiligte dicke Dorfpolizist noch Jahre stolz zu Ross beim Schützenzug mitritt. Wenn er es war, kannte er keine Reue. Aber die anderen waren zumindest beschämt. Mein Waffen-SS-Onkel war kein schlechter Mensch, jedenfalls nicht zu der Zeit, als ich ihn kannte. Ich verdanke ihm einiges, meine Schriftsetzerlehre und die Halda-Schreibmaschine. Auch dem Bürgermeister, der kein Wort für die deportierten und ermordeten Mitbürger fand, verdankte ich was. Wenn er erfuhr, dass mein Schwager meine Mutter zu mir nach Aachen fahren werde, lud er ihm einen Sack Kartoffeln in den Kofferraum, damit ich armer Student etwas zu essen hatte. Man befolgte moralische Grundsätze im Dorf, und doch hatte man im 3. Reich himmelschreiende Barbarei zugelassen. Wer sich alles schuldig gemacht hat, weiß ich nicht. Nur von einem Gärtner wurde erzählt, er habe seine polnischen Zwangsarbeiter so brutal geschunden, dass die US-Soldaten ihn mit einer Scheinhinrichtung bestraft hätten. Sie zwangen ihn im Feld, sein eigenes Grab auszuheben. Das wurde in meiner Familie nicht ohne Genugtuung berichtet.

Als Reporterin des Eichmannprozesses hat die Soziologin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ geschrieben. Arendt charakterisierte den millionenfachen Mörder Eichmann als normalen Menschen. Es ist das Erschreckende, dass „normale Menschen“ bei einer Pegida-Demonstration „Absaufen! Absaufen!“ rufen, wenn der Redner von Bootflüchtlingen auf dem Mittelmeer spricht. Normale Menschen wählen sich „christlich“ nennende Politiker, die mit einem gnadenlose Zynismus von Schutzsuchenden sprechen, weil sie ihre Macht erhalten wollen. Das Inhumane, das abgrundtief Böse kann so harmlos daherkommen. Normale Menschen können Schreckliches tun. Um mit Matthias Egersdörfer zu sprechen: „Überlegen Sie sich das einmal!“

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24 Kommentare zu “Mein kaputtes Bullerbü

  1. Danke für diese Gedankenteilung, Jules. Das regt wirklich zum Denken an.
    Ich habe mal ein Buch über Lebenseinstellung gelesen, dass mit folgen Worten begann: „Life is hard and cruel. But as soon as you accept that fact, it becomes easier!“
    So ist das auch mit Menschen. Menaschen sind grausam. In dem Moment, wo wir das akzektieren, können wir damit besser umgehen.
    Was uns verwirrt ist die Tatsache, dass jeder Mensch die Grausamkeit, wie auch die Barmherzigkeit in sich hat, nicht aber die Kontrolle daüber.
    Jules, Du hast mir gerade Stoff für einen neuen Post gegeben… 🙂

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  2. Ich habe oft mit meinem Opa über die Zeit gesprochen. Dank Internet weiss ich, dass man durch Familie nicht aufarbeiten kann. Und da gibt es auch ausländische Quellen.
    Wirkliche Betroffenheit habe ich erlebt, als das Grauen ein Gesicht bekommen hat. Eine nette ältere Nachbarin erzählte mir, dass sie als Kleinkind in D aufgewachsen war und ihre Eltern sie zu Verwandten in die USA geschickt haben. Alle Geschwister, Eltern, Verwandte sind im KZ getötet worden.

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  3. Mir erscheint unser damaliger unbedarfter Umgang mit den damals ja noch nicht weit zurückliegenden ungeheuerlichen Ereignissen in unserem Heimatdorf rückblickend um so erstaunlicher, als wir ja zu Dritt, manchmal waren es auch noch mehr Jugendliche, viele Stunden und Abende zusammengehockt haben und Themen für unsere Dorfpostille „VOLKSBLATT“(?) gesucht haben. Das Thema „Jüdische Bürger/Zwangsarbeiter/Dorf im Krieg o. Ä.“ ist uns meines Erinnerns nie in den Sinn gekommen – und keiner unserer erwachsenen Unterstützer hat uns drauf gebracht. Dass dieser Verdrängungsmechanismus auch bei uns, die wir uns damals so ein wenig wie die wagemutige, kritische und besserwissende Dorfintelligenz fühlten, funktionieren konnte, dafür reichen mir auch heute noch die Erklärungen Mitscherlichs, Arendt etc. nicht hin.

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    • Du sagst es. Diesen Aspekt konnte ich nicht mehr unterbringen im Text, denn er war sowieso schon sehr lang. Das dörfliche Schweigekartell hat uns Mitglieder der VOLKSPOST-Redaktion erfolgreich von allem ferngehalten, was die Vergangenheit im Nationalsozialismus betraf. Warum wir nicht nachgefragt haben? Wir waren zu unbedarft, fürchte ich auch, und wollten nicht dran rühren. Es reichte, sich lustig zu machen über die Redekünste von J. J. am Kriegerdenkmal. Aber wenn nach und nach alles auf den Tisch gekommen wäre, als die Akteure noch im Dorf aktiv waren wie etwa der Ortsbauernführer Leufgen, hätte es vermutlich Hauen und Stechen im Dorf gegeben. Davor hatten wohl alle Angst. Der in der NGZ genannte Heimatforscher Kleinebudde ist übrigens der Halbbruder meiner Schwägerin. Aus der zeitlichen Distanz lassen sich Verbrechen wie an Georg Zielinkski recherchieren, ohne dass es zu Problemen kommt, weil die Akteure glücklich tot sind.

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      • Übrigens spart der promovierte Historiker Dr. Josef Schmitz, Sohn des Hauptlehrers Schmitz, in seinem Buch „Leben am Gillbach – Nettesheim-Butzheim 1800-1974“ das alles aus. Er verzeichnet genauestens, welche Familien im 19. Jh. nach Amerika ausgewandert sind, aber über den Nationalsozialismus am Gillbach weiß er rein gar nichts. Die schäbige Schlamperei des Historikers muss ja auch gute Gründe gehabt haben.

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        • Der promovierte Historiker weiß (wie wir auch) weshalb. Interessant wäre zu wissen, wo er die bei seinen akribischen Recherchen sicherlich abgefallenen diesbezüglichen Erkenntnisse / Dokumente gelassen hat. Übrigens sind die hier jetzt natürlich auch vermehrt gegründeten Geschichtszirkel fast ausschließlich mit unverfänglichen Themen beschäftigt. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel…
          VolksPOST (habe noch irgendwo ‘nen Karton mit Redaktionsunterlagen gefunden)!

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          • Vor dem Hintergrund, dass Geschichtsvereine vornehmlich unverfängliche Themen recherchieren, ist es erstaunlich, dass die biedere NGZ das Thema Georg Zielinski aufgegriffen hat.
            Dachte mir übrigens, dass du noch Volkspost-Material haben müsstest, lieber Innocenz. Die Redaktionsstube war schließlich in deinem Studierzimmer.

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