Forschungsreise zu den Franken (5) – Anna und ich

Genau acht Jahre sind vergangen, seit ich mit dem Fahrrad von Hannover zu meiner alten Heimatstadt Aachen gefahren bin. Eine Woche dauerte diese Lesereise quer durch halb Deutschland, fünf Wochen habe ich an der Reisedokumentation geschrieben. Ähnlich geht es zu im August 2018, unterwegs war ich gerade mal zwei Tage, aber heute schreibe ich die 5. Folge. Es wird noch eine 6. und eventuell 7. Folge geben, denn ich verzeichne wie damals in „Pataphysikalische Geheimpapiere“ die Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise (gibt es leider nur noch als E-Book. Die Druckversion ist vergriffen).

Das kann ich übrigens nur erzählend und indem ich meinen „assoziativen Eskapaden Raum“ gebe (socopuk) . Ich wohne ja in meinen Texten. Sie sind mir wie ein Haus, das ich errichte aus den Baustoffen, die die Welt mir gerade bietet und dem Passenden, das ich im Lager habe. Eine Weile lebe ich dann in diesem Haus, verbessere hier noch was, verschönere da und freue mich über Besuch. Bis ich mich sattgesehen habe an meinen vier Wänden, weiterziehen muss und ein neues Haus errichten.

Es ist 8:40 Uhr. Von der bequemen Sitzreihe in der Lobby des Hotels, die der Fensterfront zugewandt ist, habe ich die Straße im Blick. Anna socopuk wird um 9:00 Uhr kommen, um mich abzuholen, also ist noch Zeit genug. Ich habe bereits ausgecheckt, musste dazu nur die rote RFID-Karte abgeben. Meinen Koffer will ich noch dalassen, und ich frage nach dem Free-City-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, das man mir eigentlich schon bei der Anmeldung hätte geben müssen, da es im Zimmerpreis enthalten ist. Die junge Frau am Tresen schließt meinen Koffer weg und gibt mir einen schmalen Abschnitt, von dem ich glaube, dass er mein Ticket ist. Achtlos versenke ich den Streifen in der Brusttasche meines Shirts. Ich bin nicht bei der Sache. In der Nacht habe ich unruhig geschlafen, vermutlich vom Kellerbier. Weil ich mehrfach erwachte, bekam ich mit, dass man schon früh die Klimaanlage ausschaltete, wodurch es viel zu warm im Zimmer wurde. Man muss nicht Kachelmann heißen, um zu verstehen, dass ein Haus die tagsüber in den Außenwänden gespeicherte Hitze nachts an die Umgebung abgibt, auch nach innen in die zuvor klimatisierten Räume.

Doch am noch jungen Morgen ist die Temperatur angenehm. Draußen die Passanten finden das wohl auch. Ich halte Ausschau nach einer großgewachsenen jungen Frau mit rosafarbenem Shirt. „DAS rosa Shirt“, werde sie tragen, hatte Anna geschrieben, mehr weiß ich nicht. Wir kennen uns noch nicht lange und auch nicht besonders gut. Nachdem eine „socopuk“ ihr Like unter einige meiner Texte gesetzt hatte, habe ich mir ihr Blog angeschaut. Es zeichnet sich durch sparsame Formgebung aus. Es gibt weder Farbe noch Bilder. Mir gefällt das. Ich mag keinen Farbrausch, keine Flut schön geknipster Bilder, keine protzige oder geschmäcklerische Typografie, dass man denkt, hier wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Das Motto fiel mir auf: „Buchstaben in der richtigen Reihenfolge“ changiert zwischen Understatement, Anspruch und … stürzt mich jedenfalls in philosophische Abgründe bei der Frage, was denn die „richtige Reihenfolge“ ist.

In ihren Texten erkundet eine junge, sprachgewandte Frau ihre Befindlichkeit. Unter den meist kurzen Einträgen tauchen immer wieder die Tags: „Migräne, Depression, Herausforderung, Kunst, Zukunft“ auf. Spätestens bei der eigenwilligen Kategorisierung: „Gewellt, gestreift, gepunktet“ ahne ich, dass es sich bei dem Blog um ein fast hermetisches Selbstfindungsprojekt handelt, das ich hinsichtlich seiner metaphorischen und zuweilen poetischen Stärke auch als literarisches Kunstprojekt ansehen möchte. Bei der Kommentierung bemühe ich mich um Zurückhaltung. Es scheint sich da etwas Filigranes zu entwickeln, und ich will es keinesfalls durch ein unbedachtes Wort zerstören. Gelegentlich, eher selten kommentiert socopuk auch bei mir, beteiligt sich aber an Schreib- und Gestaltungsprojekten im Teestübchen mit immer mich überraschenden und erfreuenden Ergebnissen. So hat mich auch die Einladung zu ihrer Kunstausstellung „Ein Jahr“ überrascht.

Und jetzt sitze ich in der Hotel-Lobby und bin gespannt. Socopuks Texte haben mir kaum Hinweise auf ihr analoges Dasein gegeben. Viel mehr als ihre Schreibhand und ihre Handschrift kenne ich nicht. Dass sie Anna heißt, so alt ist wie mein jüngster Sohn und ich in der Ausstellung ihren Mann kennenlernen werde, weiß ich auch. Zwei Minuten vor 9 Uhr steht sie plötzlich auf der anderen Straßenseite und beobachtet den Hoteleingang. Ich hatte eine blonde Frau erwartet: Anna ist brünett, was ja auch viel besser zu ihrem Vornamen passt. Schon als ich mich erhebe und auf den Ausgang zugehe, ist sie mir vertraut. Offenbar hat der „seltsame Algorithmus“ (socopuk), der uns bei wordpress zusammengeführt hat, eine gute Wahl getroffen. Wir begrüßen uns, reden ein paar Worte und gehen zur U-Bahnstation.

Fortsetzung

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17 Kommentare zu “Forschungsreise zu den Franken (5) – Anna und ich

  1. Pingback: Forschungsreise zu den Franken (4) – Siesta im Hotel, Radiowellen und Biergarten

  2. Pingback: Jules und ich — eine Umschreibung – Dümmlers Blog

  3. Lieber Jules,
    Vom merz-Balkon nun endlich mein Senf 🙂
    Die Allegorie (!) mit dem “Text als Haus“ mag ich sehr.
    Danke für das saubere Zitieren meiner Wendungen. Ich selbst weiß leider oft nicht ob und wo ich was aufschnappt habe, oder ob mein Kopf sich das wirklich neu ausdenkt…
    Was die “ultimative Lobhudelei“ (Zimmer frei!, WDR) zu meinem Blog angeht: es freut mich dass mein Claim so tiefgründig anregt – das war der Plan und drum mag ich ihn selber auch 🙂
    Die Beschreibung als “hermetisch“ mochte ich schon bei deiner ersten Nennung, die leider in irgend einem deiner Kommentare unauffindbar verschüttet ist. Ich schreibe primär für mich und offensichtlich ist doch das eine oder andere verständlich genug. Dass du es als Kunstprojekt einschätzt schmeichelt mir, aber ich will es nicht als Maßstab annehmen.

    Insgesamt ist socopuk das, was es ist, so wie ich übe die zu sein, die ich bin. Vielleicht trifft es das am besten. Ich danke dir für deine feinfühlige Interaktion und deine stets mutmachenden Kommentare und Beiträge. Und jetzt wo ich weiß wie deine Texte entstehen schätze ich deine Arbeit umso mehr.
    Viva la bloggosphäre 🙂
    Ich freu mich auf die Fortsetzung!
    Lg, Anna

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Anna,
      “Ultimative Lobhudelei“ lag gar nicht in meiner Absicht. Jedenfalls habe ich nirgendwo zu dick aufgetragen. „Hermetisch“ war mir in der Tat vieles in deinem Blog. Aber ich begriff bald, dass der Leser nur Zaungast ist bei deinem Schreibprojekt und dass man sich mit Spekulationen zurückhalten muss, weil vieles mehrdeutig ist. Die Offenheit für Interpretation ist wiederum ein wesentliches Merkmal der Kunst. Gerade habe ich die 7. und letzte Folge meiner Nürnbergreise fertig. Puh!
      Ich genieße unsere bloggende Interaktion
      LG, Jules

      Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Mit’m Radl da | Schreibmans Kultbuch

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