Aufgespießte Fehler und Geburt des Druckfehlerteufels – Fehlerwoche im Teestübchen (3)

Die mittelalterliche Duldsamkeit gegenüber Schreibfehlern war keine Gleichgültigkeit. Schon die antiken Bibliothekare der Bibliothek von Alexandria trachteten danach, möglich viele Exemplare einer Buchrolle zu bekommen, um die Fassungen miteinander zu vergleichen und eine um Fehler bereinigte Fassung zu rekonstruieren. Dazu hatten sie das Recht, jedes im Hafen anlandende Schiff nach Buchrollen zu durchsuchen und sie zu beschlagnahmen. Nachdem sie kopiert worden waren, händigte man den Besitzern die Kopien aus. Schätzungen zufolge beherbergte die Bibliothek 50.000-500.000 Schriftrollen, was auch bei der untersten Schätzung eine gewaltige Buchsammlung ist. Im Mittelalter galt bereits eine Sammlung von 250 Büchern als stattliche Bibliothek. Weil eine mittelalterlichen Bibliothek äußerst selten über mehrere Exemplare eines Buches verfügte, war eine textkritische Arbeit wie in Alexandria schon technisch unmöglich.

Das Bedürfnis nach Kontrolle war jedoch vorhanden und traf das gedruckte Buch. Laut Wilhelm Wattenbach (Das Schriftwesen im Mittelalter) wurden in Freising fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten. Bischof Heinrich von Ahlsberg schreibt im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten.

Da bei gedruckten Büchern sich auch die Fehler vervielfachen, ist natürlich ein solcher Vergleich keine Gewährleistung. Für fehlerfreien Satz zu sorgen, lag in der Hand des Buchdruckers. Denn er hatte die Möglichkeit vor Augen, einen Fehler in der fertigen Buchseite spurlos zu korrigieren, indem er die fraglichen Buchstaben einfach austauschte, möglichst vor dem Druck der ersten Auflage. Deshalb wurde von allen Drucksachen zuerst ein Korrekturabzug gemacht. Der wurde beispielsweise von den Pariser Druckern des Universitätsviertels nach draußen gehängt, und vorbeikommende Studenten lasen Korrektur. Wer einen Fehler entdeckte, spießte ihn im Aushängebogen* mit der Ahle auf. Wenn trotzdem ein Fehler übersehen worden war, schrieb man das dem Teufel zu. Das lag nahe, weil schon der Buchdruck in den Augen vieler mit unerlaubten Mitteln arbeitete, also Teufelswerk war. Wie der Druckfehlerteufel zu seinem Namen kam, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Der britische Kalligraph Donald Jackson gibt in seinem lesenswerten Buch, Die Geschichte vom Schreiben, folgenden Hinweis:

„Ein Buch von 172 Seiten, das in einer Klosterdruckerei 1561 hergestellt wurde, enthielt nach dem Befund des Korrektors so viele Fehler, dass die Liste der Korrekturen ganze 15 Seiten umfasste. Der Herausgeber schrieb die Fehler den Einwirkungen des Teufels zu: Das Manuskript scheine irgendwie in einem Hundestall durchtränkt worden zu sein, ehe es den Drucker erreichte, der es dann auf Armeslänge zu lesen hatte, als er die Buchstaben setzte, was so zu den zahllosen Fehlern führte.“

*) Ich habe derlei Aushängebögen übrigens noch in den 1990-er Jahren auf dem Redaktionsflur der FAZ gesehen, als fertige Seiten aus dem Computerdrucker.

Nächstens: (4) Cartoon Austreibung des Druckfehlerteufels, (5) Erziehung zum Beckmesser

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18 Kommentare zu “Aufgespießte Fehler und Geburt des Druckfehlerteufels – Fehlerwoche im Teestübchen (3)

  1. In meiner Ausbildung habe ich noch gelernt, die Bibliothek von Alexandria sei verbrannt, eben habe ich bei Wikipedia gelesen, daß das gar nicht soo sicher ist, es kann auch sein, daß sie über die Jahrhunderte den Herrschern einfach zu teuer wurde, wei unter anderem die Schriftrollen zerfielen und ständig aufwändig kopiert werden mußten. Das Problem taucht heute im digitalen Zeitalter wieder auf: Eigentlich müßten die Bibliotheken ihren digitalen Bestand ständig umkopieren, zum einen, weil es für veraltete Datenträger keine Lesegeräte mehr gibt (wer hat z.B. noch einen Floppy-Disk-Leser), zum anderen, weil nicht sicher ist, wie lange die Daten auf den Datenträgern bestehen bleiben und fehlerfrei wiedergegeben werden können. Das Umkopieren wird aber nach meiner Enschätzung nicht oder nur unzureichend gemacht, weil es personalintensiv ist und zusätzliche Kosten erzeugt. Schon jetzt wird gemutmaßt, daß unser Zeit eines Tages als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet wird, wel man der dauerhaften digitalen Speicherung von Daten zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat.

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    • Die Quellenlage zur Bibliothek von Alexandria ist ja leider sehr dünn. Deshalb gibt es immer wieder Neubewertungen. Gut, dass du an das Problem des Buchverfalls erinnerst. Es wird weitgehend unterschätzt. Nachdem Mitte des 19.Jahrhunderts der Holländer erfunden worden war und Holzschliff für die Papierherstellung verwandt wurde, ist die Haltbarkeit von Papier stark gesunken. Weißt du, ob Bücher aus Holzschliff immer noch in FCKW gebadet werden, um die chemischen Prozesse im Papier zu stoppen?
      Zur digitalen Speicherung eine Übersicht:

      Quelle: https://www.pc-magazin.de/ratgeber/speichermedien-lebensdauer-dvd-festplatte-usb-stick-floppy-disk-1485976.html
      Das „dunkle Zeitalter“ ist also näher als wir denken.

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      • Bibliotheken können die Entsäuerung von Papier immer noch in Auftrag geben, wenn sie Geld dafür bekommen. Sowas wurde immer in Projekten durchgeführt, d.h., die Landesregierungen mußten extra Projektgelder dafür locker machen, die Biblioheken haben dann die wichtigste Literatur in ihrem Besitz ausgesucht. Das letzte Mal, das ich sowas erlebt habe, ist über 20 Jahre her. Ich vermute, daß Tonnen von Literatur in den Universitätsbibliotheken vor sich hin bröseln, Projektgelder gibt es allenfalls für Digitalisierungen, und die Haushalte werden im Verhältnis gerade zu den steigenden Preisen auf dem Zeitschriftenmarkt immer kleiner. Die Entsäuerung ist aber auch wirklich aufwändig: Wenn das Papier entsäuert ist, muß jede einzelne Seite von beiden Seiten mit einer Art transparentem Papier beklebt werden, das fühlt sich dann an wie ganz dünne Pappe.
        Was bedeutet denn „Holländer“ in diesem Zusammenhang?

        Übel. „Max. Lebensdauer“, das bedeutet: Verlassen sollte man sich darauf nicht. Und Cloud-Speicher mögen theoretisch unbegrenzt speichern können, aber wer übernimmt die Garantie? Das sind schließlich auch nur Festplatten, die in irgendwelchen Lagerräumen stehen.

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          • Ah – danke! Ich habe mich mal ein bißchen auf der Seite umgesehen: Wörter wie „finanzielle Anreize“ und „Modellprojektförderung“ und die lächerliche Fördersumme von insgesamt 1 Mio. Euro/Jahr deuten darauf hin, daß die Bibliotheken einen nicht geringen Eigenanteil zahlen müssen. Damit ist die Koordinierungsstelle für viele Bibliotheken faktisch ohne jede Bedeutung.

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        • @ Videbitis
          Wie unsicher Cloudspeicher sind, haben wir beide doch beim Abschalten der Blog.de-Server erlebt. Bei Twoday droht Ähnliches. Zu den bröselnden Bibliotheken. Ich habe im kleinen Dorf Spiel (im Blog „Kirchspiel“ genannt) in einer aufgegebenen Bücherei im Pfarrhaus übernachten dürfen. Die Bücher waren seit 1970 nicht mehr ausgeliehen worden und wiesen im brüchigen Papier kleine kristalline Einschlüsse auf. Sehr seltsam. Danke für die Erläuterung.
          Gemeint ist der Papierholländer
          https://de.wikipedia.org/wiki/Papierholl%C3%A4nder

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