Verschnitzt – Felherwoche im Teestübchen (2)

Die Dörfer im linksrheinischen Rheinland waren in meiner Kindheit überwiegend mündliche Kulturen. Man sprach eine Mundart, das Landkölsche, und Hochdeutsch, wie man die Wörter gehört hatte. Bei dieser Form der Sprachvermittlung vom Mund zum Ohr konnten sich bedingt durch Ungenauigkeiten der Artikulation und Verhören etwas falsch Verstandenes verfestigen. So kannte ich eine alte Dame, die über einen Jungen aus der Nachbarschaft sagte:
Ich brachte es nicht über mich, sie zu korrigieren, zumal dieses „verschnitzt“ bei mir die Vorstellung anregte, der kosmische Schnitzer hätte dem Jungen ein verstohlenes Grinsen ins Gesicht gehauen, was ja der ursprünglichen Wortbedeutung von „verschmitzt“ durchaus nahe kommt.

Irgendwo las ich einmal den Hinweis, dass man in einer rein mündlich vermittelten Sprache keinen Fehler machen könne. Ich weiß, dass „Irgendwo“ keine ordentliche Quellenangabe ist, also versuche ich mit eigenen Worten zu erläutern, warum der Sprecher/die Sprecherin in einer rein mündlichen Sprache keinen Fehler machen kann. Erstens ist das Gesagte flüchtig und entzieht sich einer nachträglichen Kontrolle und zweitens stellt jede Abweichung von der Norm eine differenzierende Erweiterung des Wortschatzes dar wie am Beispiel „verschmitzt/verschnitzt“ zu sehen und wird möglicherweise ein Element des Sprachwandels. Der dem Menschen eigene Hang zum Sprachspiel und Wortwitz fügt den Versprechern und Ungenauigkeiten der Artikulation und dem falsch Verstandenen absichtsvolle Veränderungen hinzu. In einer mündlichen Kultur zählen nur Sprechabsicht und Erfolg einer Äußerung. Demgemäß schieben Fehler den Sprachwandel an, und er vollzieht sich in einer rein mündlichen Kultur rasch. Man kann sich vorstellen, dass in einer Familie mit Schwerhörigen eine sehr eigenwillige Version der Sprache gesprochen wird, die natürlich auch zurückwirkt auf die Sprache des Umfelds. Es reichen schon Besonderheiten im Sprachgebrauch eines Einzelnen. Eine mündliche „lebendige Sprache“ ist kaum zu fassen, weil sie aus unzähligen sprachlichen Varianten besteht und sich in einem ständigen Veränderungsprozess befindet.

Erst wenn eine Sprache geschrieben wird, kommt die Idee des Fehlers auf. Dazu müssen ihr Wortschatz in Wortlisten bzw. in einem Wörterbuch verzeichnet sein und eine verbindliche Aussprache und Schreibweise vorliegen. Doch dieser Prozess vollzieht sich langsam und folgt eigenen Gesetzen. Er lässt sich in etwa beobachten, beim Übertritt der überwiegend mündlichen Kultur des Mittelalters in die schriftliche der Skriptorien. Schriftlichkeit beginnt in unserer Kultur mit Latein, also mit einer Fremdsprache, die überdies den Ruf hat, die Sprache der Engel zu sein. Sie aufzuschreiben ist kein profaner Akt, sondern hat immer etwas Magisches und ist, soweit es sich um religiöse Texte handelt, tatsächlicher Gottesdienst, für den himmlischer Lohn winkt. Hier wäre an das Beispiel zu erinnern, von dem der Paläograph Wilhelm Wattenbach berichtet:

„Dietrich, der erste Abt von St. Evroul (1050 – 1057) war selbst ein trefflicher Schreiber und versuchte seine Mönche auf alle erdenklichen Weisen, zum Schreiben anzuhalten. So pflegte er die Geschichte eines sehr leichtsinnigen und sündhaften Klosterbruders zu erzählen, der aber ein eifriger Schreiber war und einmal aus freien Stücken einen enormen Folianten geistlichen Inhalts geschrieben hatte. Als er starb, verklagten ihn die Teufel, die Engel aber brachten das große Buch hervor, von dem nun jeder Buchstabe eine Sünde aufwog, und siehe! Es war ein Buchstabe übrig. Da wurde seiner Seele verstattet zum Körper heimzukehren, damit er noch auf Erden Buße thun könne.“

Wenn jeder geschriebene Buchstabe eine Sünde aufwiegt, ist natürlich auch ein Schreibfehler geadelt. Möglicher Weise war sogar der Buchstabe, der den Mönch vor der Verdammnis rettete, ein völlig überflüssiger Doppelkonsonant, also nach unseren Begriffen ein Schreibfehler.

In handschriftlichen Büchern des Mittelalters sind Fehler geduldet. Eine kalligrafische Handschrift ist schwer zu korrigieren, weshalb die Idee von orthografischer Richtigkeit gar nicht aufkommt. Wer ein Buch abschrieb, verfasste ein neues Original, er vervielfältigte also das Buch nicht. Und eine nachträgliche Kontrolle war schwer durchzuführen, wenn die Originalvorlage selten oder befristet ausgeliehen worden und nachher unzugänglich war.

Im Philobiblon, dem berühmten Buch von der Bücherliebe, des Richard de Bury, klagen die Bücher die Zustände in den Skriptorien und die Unsitten der Kopisten an, so dass der Eindruck von wenig Sorgfalt entsteht. De Bury, der Bischof von Durham, führt allerlei Barbarei auf, aber von Fehlern spricht er nicht, wenn er Ehrfurcht vor den Büchern anmahnt. Die Idee des Fehlers im heutigen Sinne, wo sogar ein Schreibfehler im Bewerbungsschreiben zum Scheitern der Bewerbung führt, eine solche Unerbittlichkeit gegenüber dem Schreibfehler kannte man im Mittelalter noch nicht. Es hat sogar analphabetische Kopisten gegeben, die den gesamten Text der Bücher abmalten, ohne Sinn und Verstand, wodurch sich viele Schreibfehler erklären. Und wenn eine Buchseite gar komplett in Holz geschnitten worden war wie bei den mittelalterlichen Blockbüchern, blieb eine Korrektur ohnehin aus. Erst der Buchdrucker entwickelte den handwerklichen Ehrgeiz nach Korrektheit der Schriften.

Nächstens (3): Die Geburt des Druckfehlerteufels

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8 Kommentare zu “Verschnitzt – Felherwoche im Teestübchen (2)

  1. Letztendlich existiert Sprache, weil man auf einer gemeinsamen Basis kommunizieren möchte. Da sind Fehler höchstens Grundlage bzw. Ursache von Missverständnissen.
    Da leider diese Fehler in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert haben, fühlen sich Legastheniker oft ausgegrenzt.

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    • Diese Ansicht ist in den 1970-er Jahren auch in die Deutschdidaktik eingedrungen, hat zu einer Aufwertung der mündlichen Leistung geführt und ergab folgerichtig in der ersten Hälfte der 1980-er Jahre einen geringeren Einfluss der Orthographieleistung auf die Aufsatznote. Ich erinnere mich noch gut an diesbezügliche Diskussionen mit älteren Fachkollegen Deutsch. Die ständige Klage aus dem Arbeitgeberlager über schlechte Rechtsschreibkenntnisse der Schulabgänger hat die Entwicklung wieder zurückgedreht.

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      • Das ist ja auch eine faszinierende Entwickung in der Bloglandschaft. Ich bin auf einige Blogs gestossen, die jede Menge Fehler aufweisen, da die Autoren Legastheniker sind.

        Aber wenn man ehrlich ist, soll fehlerfreies Schreiben in unserer Gesellschaft auch eine gewisse Bildung und Intellektualität widerspiegeln.

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  2. Der Bericht Wattenbachs gefällt mir. Eine hübsche Erzählung. Dein Artikel zeigt mir, dass die reine Suche nach Fehlern in einem Text, Buch oder Bericht ein dummes Unterfangen ist. Freilich sollte man sich Mühe geben und bei Werken für die Geld verlangt wird, darf man auch erwarten, dass sie weitgehend fehlerfrei sind. Aber die diebische Freude einen Tippfehler gefunden zu haben….ob die den fehlenden Genuss beim Lesen aufwiegt? Ich glaube kaum.
    Bestimmt habe ich es schon einmal erzählt. Bis in meine Zwanziger hinein war ich überzeugt, Verwandte in der Ostsonne zu haben. Ein gängiger Begriff für die DDR. Ostzone….ich war enttäuscht, als man mich korrigierte. Die Ostsonne ist doch ein viel hübscheres Wort.

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    • „Ostsonne“ ist so herrlich, liebe Mitzi. Schade, dass du korrigiert wurdest. Es heißt schließlich passend: Ex oriente Lux.
      Bei den Projekten „Zeitung in der Schule“ war die Suche nach Druckfehlern sowie deren Dokumentation stets ein beliebtes Facharbeitsthema. Fehler gab es ja genug zu finden und somit Grund genug zur „diebischen Freude“, seitdem die Zeitungen den Beruf des Korrektors abgeschafft haben. Ich habe übrigens sogar im Duden einen Fehler gefunden. Im Regelteil einer Auflage aus den 1990-er Jahren stand statt Ausrufezeichen „Aufrufezeichen.“ Darüber war man beim Duden gar nicht amüsiert und hat sich recht schmallippig bedankt bei mir.

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  3. eine prima reihe zum thema fehler! erstaunlich wie jung und eigentlich seltsam der wunsch nach makellosigkeit doch ist, als alter fehlerkumpel zitiere ich mal einen alten fernsehkumpel: „when too perfect, lieber gott böse“, nam yun paik.

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