Einiges über Bücher in Ketten

Nach einer Berechnung der Leipziger Universitäts-Buchdruckerei von 1947 kostete eine handgeschriebene Bibel auf Pergament im Jahr 1400 etwa 20.000 RM*, was zur Zeit der Berechnung dem Wert von zwei freistehenden Einfamilienhäusern entsprach (heute etwa 1 Million Euro). Ãltere Prachthandschriften waren schier unbezahlbar. Die berühmte Wenzelsbibel aus der Buchmalerwerkstatt Wenzels des IV. von Böhmen (1361-1419) war von drei Schreibern auf 607 Kalbshäuten geschrieben. Allein der Materialwert überstieg die finanziellen Möglichkeiten vieler Klöster und Bistümer. Wer ein handgeschriebenes Buch auch nur ausleihen wollte, musste gewaltige Pfänder hinterlegen, ganze Viehherden oder Ländereien. Entsprechend schwer wog der Diebstahl eines Buches. Viele Bücher tragen Nachschriften, in denen potentiellen Dieben Todesstrafe und Höllenqualen angedroht werden:

Wer das puch stelt,
desselben chel [Kehle]
mugge sich ertoben _
hoch an eim galgen oben.

Die Echternacher Riesenbibel (geschrieben zwischen 1051 und 1081) trägt die Nachschrift:

Si quis hunc librum sancto Müllibrordo illique serveintibus
abstulerit tradatur diabolo et omnibus infernalibus penis et
sit anathema! Fiat, fiat! Amen, amen, amen!

Wer dieses Buch, das dem hl. Willibrod und denjenigen, die ihm dienen, gehört, entwendet, möge dem Teufel und allen höllischen Strafen überantwortet werden. Er sei verflucht! So geschehe es, so geschehe es! Amen….“

zitiert aus: Wilhelm Wattenbach; Das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1871

In Kirchen lagen wertvolle Bücher an Ketten, um sie vor Diebstahl zu bewahren. Es gab ganze Kettenbibliotheken, die sich häufig auf Emporen über einem der Seitenschiffe befanden. Auch Martin Luther fand die Bibel in Erfurt noch angekettet wie einen Hofhund. Diese Praxis beförderte im Volksglauben die Vorstellung, gewisse Bücher müssten in Ketten liegen, damit sie im Volk keinen Schaden anrichten. Vermutet wurde, einige Bibelausgaben enthielten außer den fünf Büchern Mosis auch noch das geheime 6. und 7. Buch, denen magische Kräfte nachgesagt wurde. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens führt u.a. auf, in der Tübinger Universitätsbibliothek solle „eine uralte Bibel mit beiden Büchern und noch anderen an Ketten liegen; es ist verboten, sie zu drucken, und vier Professoren bewahren die Schlüssel zu den Schlössern, mit denen sie verschlossen sind.“

Der Mythos des in Ketten gelegten Buches, ist ein beliebtes Motiv in der Fantasy-Literatur. In den Scheibenwelt-Romanen des britischen Schriftstellers Sir Terence David John Pratchett gibt es eine ganze Reihe magischer Bücher, die so gefährlich sind, dass sie in der Universitätsbibliothek sogar an die Regale gekettet sind, ausdrücklich nicht als Schutz vor Diebstahl, sondern um zu verhindern, dass sie einen Besucher angreifen. (Standfoto aus der Verfilmung The Color Of Magic, zum Vergrößern klicken) Zu Zeiten der Telefonzellen waren Telefonbücher auf verschiedene Weisen angekettet. Ich erinnere mich noch gut an die Batterien aller Telefonbücher Deutschlands, die in den Hauptpostämtern in Reihe aufgehängt und mit Drehangeln befestigt waren, so dass man sie nur aufschlagen konnte, nicht aber entnehmen. Ich bedauere, diese alltägliche Einrichtung nicht beizeiten fotografiert zu haben, bevor sie allerorten verschwand. Es ging bei der Fesselung der Telefonbücher ausdrücklich um Diebstahlschutz. Dass jemand von einem Telefonbuch angegriffen worden wäre, wurde nie berichtet.

 

*) Die Kaufkraftäquivalent einer Reichsmark wird von der Deutschen Bundesbank wie folgt angegeben: 1 Reichsmark 1924 = € 3,90; 1 Reichsmark 1937 = € 4,10

Mehr zum Thema: Buchkultur im Abendrot

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18 Kommentare zu “Einiges über Bücher in Ketten

  1. An die drehbaren Telefonbücher erinnere ich mich auch sehr gut. Tatsächlich aber wurden damit nur die Einbände geschützt – ich erinnere ich nämlich ebenfalls, dass immer genau die Seiten herausgerissen waren, die man gerade benötigt hätte.

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  2. Die Bücher, die gefährlich waren oder zumindest für gefährlich gehalten wurden, wurden weggesperrt. Mindestens so effektiv wie das Anketten. Wie wohl zu erwarten war, sanken die Preise mit der verbesserten Technik. Und die heutige Technik sorgt dafür, dass die Nachfrage sinkt. Heute war im Volkskrant (glaube ich) ein Artikel, der sich der Frage widmete, warum man Bücher lesen sollte.

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