Zauberspiegel, Aliens und graue Haare

Nach etwa meinem 40. Lebensjahr sichtete eine Nachbarin graue Haare bei mir. „Herr van der Ley, was sind Sie grau geworden“, sagte sie und machte mich unfroh, denn mir war das nicht aufgefallen. Jahre später im Aufzug eines Berliner Hotels mit Licht von oben sagte ein mitfahrender Hotelpage: „Es sieht schön aus, wie im Licht einige Ihrer Haare silbrig glänzen“, was ich irritierend fand, denn ich wusste nicht, dass es zu den Aufgaben eines Hotelpagen gehört, den Gästen Komplimente zu machen. Im selben Aufzug fuhr ich auch mal mit einer Japanerin. Obwohl ich höflich Abstand gehalten hatte, sagte sie beim Verlassen des Aufzugs etwas, das klang wie: „Fuck you!“

JvdL mit 47 im Hotel Berlin – Foto privat – größer: Klicken

Bald darauf hat mich eine schwierige Beziehung ziemlich rasch ergrauen lassen, was meine Spiegel zu Hause mir aber nicht zeigten. Im Spiegel sah ich braune Haare. Einmal saß ich beim Friseur und fragte erstaunt: „Was sind denn das für graue Löschen, die hier runter fallen?“ Der Friseur sagte mitleidlos: „Die sind von Ihnen.“ Die Haare wurden also erst grau, wenn sie nicht mehr auf meinem Kopf waren.


Jakob van Maerlants Angabe, der Spiegel zeige ihm klar sein altes Leben, seine grauen Haare, lässt sich einschätzen, wenn man bedenkt, dass Spiegel im 13. Jahrhundert etwas Besonderes waren. Der Blick in einen Spiegel war die Konfrontation mit einer neuen Technologie, die erstmals ermöglichte, sich selbst genau zu betrachten. Bis dahin konnte man sich nur im Wasser oder in glänzenden Gegenständen spiegeln. Ein echter Spiegel, wie wir ihn kennen, muss eine Sensation gewesen sein. Sich im Spiegel haargenau betrachten zu können, förderte gewiss die Individualisierung und mithin Entfremdung des Menschen von sich selbst. Um das Spiegelbild ranken sich seit der Antike allerlei abergläubische Vorstellungen. Bächtold-Stäubli schreibt im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens vom Spiegel als „numinosen Gegenstand‘, der teils ein dem Menschen verborgenes Wissen vermitteln kann (‚wissender Spiegel‘) teils durch das Spiegelbild als Doppelgänger oder in verschiedenen Formen des Analogiezaubers zu wirken vermag (‚wirkender Spiegel‘)“ Die Wahrsagung aus der Spiegelung im Wasser oder in Kristallen heißt Katoptromantie (griech.), bedeutet heute aber auch die Wahrsagung aus dem Spiegel.

Einmal saß ich in der Aachener Pontstraße vor dem Café Egmond und trank einen Milchkaffee. Ich hatte die Süddeutsche (SZ) lesen wollen, die im Café ausliegt. Die las einer am Nebentisch. Als ich hoch schaute, sah ich gegenüber im Fenster des T-Mobile-Ladens ein Spiegelbild, dachte mehrmals: „Oh, das bin ich!“ und erschrak, dass mein Spiegelbild den Arm nicht hob, wenn ich die Tasse zum Mund führte. Weil ich wusste, dass nicht ich, sondern er in die SZ guckte, sank ich erleichtert in den Korbsessel zurück, und dankte Gott, dass mein Spiegelbild mir nicht die Gefolgschaft verweigerte wie ein junger Hund.

Eine junge Frau hatte in einer fremden Stadt eine Weile möbliert wohnen müssen und war sehr froh, eine richtige Wohnung gefunden zu haben. Bei ihrem Umzug bedauerte sie nur eines, nämlich den großen prächtigen Spiegel über der Kommode nicht mitnehmen zu können, vor dem sie immer so gerne gesessen hatte. Sie beschloss, sich von den Mitbewohnern des Hauses zu verabschieden und klopfte bei ihrer Tour durchs Haus auch bei ihrem Türnachbarn, den sie noch nie gehört oder gesehen hatte. Auf ihr hartnäckiges Klopfen tat sich zuerst gar nichts. Als sie sich schon abwenden wollte, wurde die Tür von einem überaus gruseligen Mann geöffnet. Durch den Türspalt konnte sie in den halbdunklen Raum hinter ihm schauen. An der seitlichen Wand war ein großes Fenster. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, denn durch dieses Fenster sah sie – in ihr eigenes Zimmer.

Derlei Einwegspiegel heißen auch Venezianischer Spiegel, Spanischer Spiegel, Spionspiegel oder Polizeispiegel. Aber: „Den Venedigerspiegel kann nur gebrauchen, wer ihn verfertigt hat.“ (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens) Aus einem intergalaktischen Wurmloch irgendwo in meiner Wohnung kam kürzlich nicht nur ein außerirdisches Raumschiff in der Größe einer Fruchtfliege, sondern eine ganze Armada. Man konnte getrost von einer Invasion sprechen. Zuerst war es eine überaus lästige Angelegenheit, denn die Armada verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Offenbar hielten mich die Aliens für eine Art Übervater, weil ich das erste Lebewesen war, dem sie nach Verlassen des Wurmlochs begegnet waren. Vermutlich waren sie auch entsetzt über den immensen Größenunterschied zwischen ihrem Raumschiff und mir. Jedenfalls versammelte sich die gesamte Alien-Armada irgendwann auf meinem Garderobenspiegel und verweilte dort wie gebannt. Ich vermute, sie haben mit meinem Doppelgänger kommuniziert, diesem Kerl mit den braunen Haaren.

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17 Kommentare zu “Zauberspiegel, Aliens und graue Haare

  1. Lieber Jules, Japaner sehen direkten Augenkontakt als Anstarren an. Viele deutsche Männer machen das im Gegensatz zu amerikanischen bspw. Das fiel mir nach der Rückkehr sehr auf. Das könnte der Grund für den „netten“ Austausch gewesen sein.

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      • Interessant ist auch der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Oder anders: Habe ich, kann ich überhaupt eine begründete Selbstwahrnehmung meines Resthaares haben? Mein Spiegel belügt mich offensichtlich. Den Spiegelungen in Schaufenstern will ich nicht glauben und Fotos, ach, die sind doch längst alle manipuliert. Fake news. Also glaube ich einfach, dass ich noch immer der Jüngling im lockigen Haar bin.

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        • Du kennst also auch die Erfahrung, dass ein Spiegel einem kein getreues Abbild zeigt, sondern eher die Vorstellung, die man von sich selbst hat. Komischer Weise sind zufällige Spiegelungen wie beim von dir genannten Schaufenster brutal ehrlich – oder eben Fälschungen wie du sagst.

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  2. Immer noch besser graue/weiße Haare als gar keine.

    »Ein Mann mit weißen Haaren ist wie ein Haus mit Schnee auf dem Dach. Das be­weist aber noch lange nicht, dass im Herd kein Feuer brennt.«  sagte Maurice Chevalier.

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    • Das erinnert mich an einen Priester, den böse Zungen „Pater Schneegestöber“ getauft hatten. Wenn er nur den Kopf bewegte, rieselten aus seinem weißen Haarschopf ganz leis die Schuppen auf seine Soutane, so dass die Schultern immer ganz eingestäubt waren.

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