Ein Vogel flog über den Plattenbau – Typografie vom Schuster und PS-starke Dummheit

Letztens schrieb ich über die voranschreitende Verblödung des Menschen. In einem Kommentar machte mich Christian Dümmler (CD) auf den SF-Film Idiocracy aufmerksam, eine Dystopie über eine total verblödete Menschheit. Den Film habe ich jetzt im TV gesehen. Er lief auf einem privaten Kanal. Eigentlich meide ich das Privatfernsehen, wegen der Werbung – und um nichts Ungutes durch meine Aufmerksamkeit aufzuwerten. Doch CD hatte mich neugierig auf den Film gemacht. Jedenfalls habe ich bei den obligatorischen Werbeeinblendungen gedacht, angenommen, die Welt wie sie in den Werbespots präsentiert wird, wäre eine korrekte Darstellung unserer Lebenswirklichkeit, dann sind wir bezüglich Blödheit gar nicht so weit weg von der Debilität im Film. Die Handlung ist im Jahre 2505 angesiedelt, aber wir haben keinesfalls den Sicherheitsabstand von einem halben Jahrtausend.

Wenn beispielsweise in einer Werbung für den Ford Mustang ein mittelaltes Paar sinnlos durch eine menschenleere Gebirgslandschaft brettert und die halbwüchsige Tochter auf dem Mobiltelefon anruft, sagt Frau: „Hundert pro ruft sie wegen der Wäsche an.“ Mann selbstgefällig griemelnd, während er das Gaspedal tritt und die Räder im Schotter durchdrehen: „Hundert pro.“ Man möchte dazwischenrufen: “ Es heißt ‚Hundert Prozent‘, du Honk!“ Nach einer Weile sie: „Jetzt müsste die Wäsche eigentlich durch sein. Er wieder: „Hundert pro.“

Wir sehen ein Paar aus dem Debilenmuseum. Die präemanzipatorische Frau auf dem Beifahrersitz, (wo sonst?) genießt es, dass ihr Mann wie ein Depp durch die Landschaft heizt. Passend zum geistig armen Vergnügen hat er nur einen winzigen Wortschatz: „Hundert pro.“ Die Tochter weiß schon, dass Wäsche Frauensache ist („Mama, machst du heute noch die Wäsche?!“) Jetzt muss sie nur noch lernen, sich selbst drum zu kümmern. Zur Belohnung winkt ihr ein Leben mit einem PS-Idioten.

Typografie vom Schuster

Da ich kein Fußballfan bin, habe ich erst kürzlich die aktuellen Trikots der Nationalmannschaft gesehen mit den rückwärtig aufgedruckten Namen. Ich dachte: „Bah! Was ist das für eine potthässliche Schrift?! – und suchte im Netz nach den Verursachern dieser visuellen Umweltverschmutzung. Hersteller der WM-Trikots ist Adidas, hat folglich auch die Schrift verbrochen. Bei Sport1.de wird Adidas-Sprecher Oliver Brüggen zitiert: „Inspiration für die Typografie waren kubistische Häuserblöcke, gesehen aus der Vogelperspektive.“

Yep, Plattenbauten sind sehr sehr inspirierend, besonders aus der Vogelperspektive. Das muss reizvoll sein für Leute, die als Schuhhersteller vornehmlich die Froschperspektive kennen und rechtfertigt natürlich, Spielernamen in einer schwer lesbare Schrift ohne Fernwirkung auf Trikots drucken zu lassen. Nach dem Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft kann man sagen, die hässliche Schrift ziert historische Verlierertrikots. Das kam so: Passend zur disfunktionalen Plattenbau-Typografie hatte Adidas die deutsche Nationalmannschaft mit Klompen aus Beton ausgerüstet. In der 2. Halbzeit ließ man die Spieler auf Stöckelschuhen einlaufen, mit 25 Zentimeter hohen Stilettos. Es war also Sabotage, ist aber jetzt eh egal.

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16 Kommentare zu “Ein Vogel flog über den Plattenbau – Typografie vom Schuster und PS-starke Dummheit

  1. Den Film sah ich auch, und wie Ihnen fiel auch mir auf, dass heutzutage reale Werbespots (»Soo!! muss Technik!«) den fiktiven im Film an Blödsinnigkeit häufig nicht nachstehen. Oder: ein aufgeplusterter Gimpel, ein egomanischer Freak als US-Präsident – Science-Fiction im Film, aktuelle Tatsache in der Realität.
    Insbesondere Autowerbung*, in der blödsinnig durch die Gegend geheizt wird, soll zielgruppenorientiert eine Käuferklientel ansprechen, die eben blödsinnig durch die Gegend zu heizen pflegt. (»Verdummung« der Autofahrer nennt es der Polizist in diesem Video (39:13) euphemistisch, und meint freilich: Verblödung.)
    Aber weil Verblödung, wie wir letzthin festgestellt haben, für die menschliche Spezies gegenwärtig ja kein Fortpflanzungshemmnis mehr bedeutet, erscheint die im Film dargestellte Dystopie zukünftig gar nicht allzu realitätsfern.

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    • Vielen Dank für die passenden Verlinkungen! Ich habe mich übrigens gefragt, ob die Unternehmen bzw. Agenturen, die im Film Werbung geschaltet haben, sich der unfreiwilligen Komik ihrer Spots bewusst waren, weil sie sich so nahtlos in den Film einfügten.

      Die Fordwerbung war, wie Sie wissen, nicht dabei. Die habe ich während der Giro-Übertragung sattsam bei Eurosport gesehen.

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  2. es klingelte mir in den ohren und schau an! idiokratie, dumme werbung und adidas. alles meine lieblingsthemen. mein frau und ich sahen besagten film schon vor ein paar jahren und fanden ihn nicht lustig, eher gruselig. der blick in die zukunft, wie die autowerbung so schön zeigt, ist der gegenwart schon zu nahe.
    super lettering. vor gut 15jahren beschloss ich, trotz anständiger bezahlung nicht für den trickothersteller, weil es damals schon ziemlich dumm beim design zu ging. qualitäten und grundansprüche von grafik und design wurden mit füßen getreten, so wie die freien, die angestellten und lieferanten letztlich auch. als konsument meide ich daher große sportartikelhersteller, das ist letztlich für alle besser und ich muss nicht allzu bald meine pflanzen mit gatorade giessen.

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    • Es war eine glückliche Fügung, dass der Film prompt, nachdem du mich darauf aufmerksam gemacht hattest, im TV gezeigt wurde. Er ist bei aller Komik wirklich gruselig, vor allem, weil die Nähe zu aktuellen Phänomenen überall durchscheint. Deine negativen Erfahrungen mit Adidas wundern mich nicht. Das bestätigt, dass Schuster bei ihren Leisten bleiben sollten.
      Gatorade – wegen der Elektrolyte, hihi. Was mir alerdings rätselhaft war, wie ein alles beherrschender Getränke-Konzern in einer Welt ohne Pflanzenwuchs noch produzieren und in einer derat desolaten Welt noch 50 Prozent der Bevölkerung beschäftigen kann,.

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  3. “ In der 2. Halbzeit ließ man die Spieler auf Stöckelschuhen einlaufen, mit 25 Zentimeter hohen Stilettos.“
    Wenn wir schon nicht gewinnen können, dann treten wir denen wenigstens den Rasen kaputt! Hundert pro.

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  4. Ich sehe, es ist kein großer Verlust, dass ich so gut wie keinen Werbespot kenne. Die Nacherzählung von dir, lieber Jules, klingt platt, dämlich und nicht mehr zeitgemäß. Ich habe es dabei belassen und mir gar nicht erst angesehen.
    Die Schrift auf den Trikots finde ich eigentlich gar nicht einmal hässlich. Die Erklärung allerdings wundert mich. Wer will Wohnblöcke von oben mit Fußball in Verbindung bringen. Warum man die gewählt hat ist rätselhaft. Ob es interessiert, dass sie nicht gut lesbar ist? Kaum. Function follows design. Leider.

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