Über anlasslose Zuwendung und Abneigung

Manchmal schlägt mir anlasslose Freundlichkeit entgegen wie eben noch in der Bäckerei, als mich die junge Muslima mit Kopftuch bedient hat. Seltener schlägt mir das Gegenteil entgegen, wobei die Sache durchaus reziprok sein kann. Wie einst bei der Frau an der Aachener Tankstelle, die mir ab und zu Van Nelle verkauft hat, eine verlebte Kirmesschönheit in engen Jeans, deren Bauch nur mühsam von einem mit Silbernägeln besetzten Gürtel gebändigt wurde. Als ich sie zum ersten Mal sah, da muss sie mein unwillkürliches Urteil von meinem Gesicht abgelesen haben.

Ich hatte quasi zu laut gedacht, weshalb sie mich fortan nur mit Todesverachtung bediente. Aber manchmal begegnen mir Leute so, dass ich überhaupt keine Zeit habe, etwas Abfälliges wahrzunehmen und auch noch zu denken, außer meine Mimik ist schneller als meine Gedanken. Also diesen Leuten bin ich offenbar anlasslos mit meiner ganzen sichtbaren und unsichtbaren Existenz ein rotes Tuch.

Gelegentlich besuche ich eine Praxis, bei der man klingeln muss, um eintreten zu können. Man tritt auf die Stufe, presst die Schelle und muss eine Weile warten. Derweil schaut man erwartungsvoll durch das Türfenster ins Lokal. Eine Angestellte eilt dann heran und öffnet. Gestern hatte ich gerade geklingelt, als ein korpulenter Mann, etwas älter als ich, von innen auf die Tür zukam. Ich nahm an, dass er die anderweitig beschäftigte Angestellte entlasten wollte. Als er die Tür aufzieht, steige ich ganz in Gedanken die eine Stufe hoch ins Lokal, bin also gerade in der Tür, da quetscht er sich ebenfalls in die Tür und herrscht: „Darf ich erst mal rausgehen?!“ Ich bin völlig perplex und kann weder recht vor noch zurück, da er uns durch sein unvermitteltes Vordringen im Türrahmen eingeklemmt hat. Indem wir uns aneinander vorbei wurschteln, sagt er noch „Unverschämtheit!“

Der Treppenwitz ist eigentlich die passende Entgegnung, die einem nachher auf der Treppe einfällt. Hallo? Ich stand doch auf einer Treppenstufe, aber mir fiel nur ein: „Entschuldigung, ich wusste nicht …“, wobei ich nicht einmal wusste, wie der Satz hätte weitergehen sollen. „Ich wusste nicht … wie die Hauptstadt von Usbekistan heißt. Ich wusste nicht …, dass Sie der Oberförster sind?“ Alles Quatsch. Ich hätte sagen müssen: „Bergfahrt vor Talfahrt, Tünnes!“ Aber dazu musste ich erst lange nachdenken, um überhaupt zu verstehen, wie ich mit dem fetten Blödmann in die Klemme hatte geraten können. Ich hätte mich freiwillig nie an dem Unsympath vorbeigeschoben, hätte jeden Körperkontakt vermieden. Conclusio: Es handelte sich um anlasslose Unfreundlichkeit, ja Ablehnung, sogar um grundlosen Hass.
Anlasslose Freundlichkeit ist mir lieber.

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28 Kommentare zu “Über anlasslose Zuwendung und Abneigung

  1. diese woche war ich grantig und zornig und ließ es meine mitmenschen wissen, vorallem denjenigen die meinen zorn verursachten, sozusagen zusätzlich zu meinem inneren grant, ich war also ausnahmsweise sehr unfreundlich und rückhaltlos offensiv, wären der dicke stufenonkel und ich aufeinander getroffen, hätte es wohl ein entladung von wampe zu wampe gegeben. jetzt warte ich auf die entladung von himmel und erde, wie eigentlich schon seit dienstag. jetzt backe ich kuchen und vielleicht hilfts. backe backe backe:)

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    • Ich habe höchstens einmal im Jahr bodenlosen Grimm, den Grell sogar.Ist für keinen wirklich schön, muss aber wohl manchmal sein. Entladung von Wampe zu Wampe ist ein hübsches Bild, mein Lieber. Täglich warnt meine Wetterapp vor schweren Gewittern. Aber erst gestern hats mal zaghaft gedonnert und ein paar Tropfen geregnet. Kann schon sein, dass manche deshalb geladen sind. Hat dich das Kuchenbacken entspannt?

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      • Ein Satz nur für mich… wie schön…

        Ich bin schlagfertig, wenn ich es drauf anlege. Bei mir an der Kasse gackern die Kunden alle paar Minuten los. Ob ich in dem Moment allerdings schlagfertig reagiert hätte, weiß ich nicht. An der Kasse rechne ich damit, mit so einer Reaktion wie der von dem Mann hätte ich nicht gerechnet (Du ja auch nicht, sonst wärst Du da nicht reingegangen). Dann kommt die „coole“ Reaktion natürlich ein paar Sekunden bis Minuten zu spät. Oder blöderweise erst nachts im Bett, wenn man den Tag nochmal Revue passieren lässt…

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      • Lieber Jules, ich Klinke mich ein wenig zwischen: ich bin auch nicht schlagfertig. Sympathie und Antipathie brauchen keine Anlässe, das erscheint mir sehr oft eher wie eine Chemie. Jemanden gut riechen zu können, bedeutet nicht zwangsläufig, ihn auch zum Fressen gern zu haben. Jemanden nicht ausstehen zu können, ist ebensolche Sache und nicht immer rational begründbar.
        Liebe Grüße von der Fee

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  2. Tja, verständlich. Da ist er nu mal korpulent, richtig querschlank, und dann wird diese Korpulenz einfach mal so ignoriert. Und zudem hast du ihm noch nicht mal nen roten Teppich ausgerollt und ihn mit „Meine Exzellenz, darf ich Ihnen die Tür aufhalten“ angesprochen. Und …. und …. und …. . Völlig verständlich, dass anlasslose Freundlichkeit in dessen Gedanken nicht vorkommt. Die einzige Möglichkeit dem Manne ein wenig Freude zu bereiten, wäre eine sofortige, demütige Entgegnung wie „Entschuldigen Sie, dass ich geboren wurde“. Menschen gibt’s, die sollte man ignorieren. Nur dann muss man sich an solche wieder in einer Tür durchquetschen. Man entgeht solchen Gestalten nie wirklich …

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  3. Ich gebe zu bedenken, auch wenn ich heute eine ähnlich aufwühlende Szene erlebt habe:
    Es gibt sicher einen Anlass oder Grund warum ein Mensch so grob und abschätzig ist, auch wenn dieser einem selbst und vielleicht sogar dem Gegenüber unbekannt ist. Das rechtfertigt das Verhalten nicht, aber es tröstet vielleicht ein bisschen.
    Die eigene Perplexität und Aufgebrachtheit dagegen ist doch ein gutes Zeichen, dass man noch nicht abgestumpft ist und wachen Verstandes und mit Werten des Respekts und der Menschlichkeit herumläuft.
    In diesem Sinne: verwirren wir die Menschen mit (nicht ganz grundloser) überschäumenden Freundlichkeit 🙂

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    • Ja, meine Liebe, der Mann hatte sicher guten Grund, so aggressiv zu sein. Offenbar fehlte ihm die Einsicht, dass er aus meiner Sicht zur Tür kam, um sie für mich zu öffnen, wie das eben immer nach den Klingeln geschieht.Aber er wollte freie Bahn und sah in mir ein lästiges Hindernis. Wie war denn deine „aufwühlende Szene?“

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      • Vielleicht hat er auch am Morgen erfahren dass er doch nicht befördert wird, seine Frau ihn betrügt oder er auf die falschen Aktien gesetzt hat… jedenfalls musst du es sicher nicht persönlich nehmen, das wäre jedem anderen auch passiert. Du darfst dich natürlich persönlich verletzt und missachtet fühlen. Aber lass ihm da nicht zu viel Macht über deinen Gemütszustand!
        Beitrag ist in Vorbereitung… 🙂

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  4. Hättest du es nur gesagt, lieber Jules. Auf diese erzählte Episode hätte ich mich gefreut. 🙂
    Aber so ist es mit den Treppenwitzen. Immer zu spät.
    Diese urplötzliche Abneigung kennt wohl jeder. Trotzdem ist sie unschön und lästig. Dir zugetan Grüße Mitzi

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  5. Inzwischen habe ich mich ein wenig damit abgefunden: Es gibt Leute, die sind immer gemein, fies und unhöflich, als sei das ihre Natur. Wenn man Opfer einer solchen Person wird und nicht gleich parieren kann – dann spricht das eigentlich für einen. Denn eine gepfefferte Anwort, die der Grobian auch versteht, müßte sich ungefähr auf dessen Niveau bewegen. Und da will man ja nun wirklich nicht sein. Ich freue mich, wenn ich es schaffe, das Wort „Arschloch!“ zu denken und die ganze Sache mit einem Schulterzucken zu vergessen. Aber das klappt auch nicht immer.

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    • So gesehen ist’s also nicht falsch, dass ich dem unfreundlichen Mensch nicht schlagfertig begegnen konnte. Gerade wird mir klar, dass auch „schlagfertig“ ausdrückt, was du andeutetst. Man muss jederzeit bereit sein, anderen aggressiv zu begegnen. Und das will ich gar nicht. Danke.

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      • Ja, genau, sehr gut, diese Bedeutung von schlagfertig war mir noch nicht aufgefallen.
        Mir ist noch eine Geschichte dazu eingefallen, die ich vor langer Zeit mal gelesen habe (alles drumherum habe ich vergessen, vielleicht war es irgendein Vorsokratiker), das Ende lautete ungefähr so: Wenn ein Esel auf dem Marktplatz zur Mittagszeit mit seinem Geschrei die Mittagsruhe stört – wer will dagegen schreien? Doch nur ein anderer Esel.

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