Gekritzelt – Vom Verschlingen der Dinge

Traumgesichte

Ich liebe es aufzuwachen, und mein Blick fällt nach draußen, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Bäume spielen und ab und an den blauen Himmel durchblitzen lassen. Heute war es gleichzeitig erlösend, denn ich hatte zuvor ohne Unterlass von einer Bloggerin geträumt, die alles verschlungen hat, was genau mittags um 12 Uhr in ihrem Fokus lag und darüber schreiben wollte. Ich dachte mir, dass um den Fokus eine Art Grenze gelegt werden müsste, ähnlich einem Backförmchen, um zu verhindern, dass die Bloggerin zu große Gegenstände, etwa eine Schrankwand, verschlingen müsste. Die Schrankwand oder die martialische „Löwenbastion“ vom Nazi-Bildhauer Arno Breker an Hannovers Maschsee ließen sich auf diese Weise ausschließen, wobei ich nichts dagegen hätte, wenn die doofen Löwen zur Abwechslung auch mal verschlungen würden. Manche finden sogar, dass es keine Schrankwände zu geben bräuchte. Im Traum fand ich dieses Verschlingen ein gutes Konzept, dass ich wohlwollend drehte und wendete und dachte, dass es sich ausbauen ließe zu einer Textserie, die ich schreiben sollte. Jetzt kann ich erlösende Nachricht geben, dass ich das Projekt nicht verfolgen werde.

Akrobatik

Gegen Mittag bei sommerlichen Temperaturen am größten der Ricklinger Teiche gesessen und etwas ins Büchlein gekritzelt. Nach und nach bevölkerte sich die Liegewiese. Alle ankommenden Frauen zogen sich das Shirt über den Kopf, indem sie die Arme vor dem Bauch verschränkten. Wenn ich das machen wollte, würde ich mir vermutlich beide Arme brechen.

Schlappseilrolle

Hatte ich sowieso nicht vor – Foto: JvdL

Einseitige Kommunikation

Auf dem Spielplatz unten sitzt seit Wochen allmorgendlich ein Stadtstreicher in der Sonne und studiert unverdrossen die Zeitung. Interessiert sich für Nachrichten aus einer Welt, die sich nicht die Bohne für ihn interessiert.

Geliebte Janine

Vor Jahren mal im Café gehört. Am Nebentisch erzählte ein Mann von einem Buch, worin Gott eine Freundin namens Janine hat, und der verliebte Narr habe ihr die Welt geschenkt. Habe ich das geträumt oder kennt jemand diesen Roman?

Die Erschaffung der Welt in zwei Fassungen

Ein Gedicht in landkölscher Mundart vom Dürener Heimatdichter Josef Schregel, von mir vor gut 20 Jahren abgeschrieben aus der Kirchspieler Dorfchronik. Die Übertragung ins Hochdeutsche ist nicht wörtlich, denn ich musste manches verändern, um Versmaß und Endreim zu erhalten. (Verbesserungsvorschläge willkommen). Das Gedicht spiegelt die Weise, in der noch bis in die 1960-er Jahre den Kindern auf dem Land der Glaube beigebogen wurde, wie ich es selbst noch erlebt habe. Schulische Körperstrafen sind in der Bundesrepublik erst seit 1973 gesetzlich verboten.

Die Erschaffung der Welt

Zom Fritzsche sproch der Lihre:
– Dä Jong wor fürchbar domm-
„Wer hät de Welt erschaffe?
Flöck! … sprääch! ..,. No, beß de stomm?

Ich sehn, du fuule Bengel, häß wedde nex geliehrt!
Dä Hemmel mag et wesse, wat späder us dir wied!
Mir schenk, et beste Meddel, wat eenzig bei dir notz,
Eß, datt ich dir gehürig ens spanne jetz de Botz!“

Dä Lihre nohm dat Fritzsche,
Hä schlog sich en de Hetz:
„Wer hät de Welt erschaffe?
Na, Lömmel! Werd et jetz?!“
„Auwih! Auwih! Här Lire,
Hahlt en, hürt op met schlohn!
Ihr könnt et werklich glöve,
Ich han et net gedohn!“

Die Erschaffung der Welt (Hochdeutsch)

Zum Fritzchen sprach der Lehrer
– der Fritz war furchtbar dumm –
Wer hat die Welt erschaffen
Flugs! … sprich! … Nun, bist du stumm?

Ich seh, du fauler Bengel,
Du hast es nicht mit Lernen!
Was einmal aus dir werden soll,
Das steht noch in den Sternen!
Es gibt nur noch ein Mittel,
Dir etwas beizubringen:
Auf deinem Hosenboden
Den Zeigestock zu schwingen!

Der Lehrer nahm sich Fritzchen,
Er schlug es mit Gewalt:
„Wer hat die Welt erschaffen?
Na, Lümmel! Wird es bald?!“
„Auweh, auweh, Herr Lehrer,
Ihr schlagt mich auf Verdacht!
Sie könnens wirklich glauben,
Ich hab es nicht gemacht.“

Buchstabenfraß (2) Übermut tut selten gut

Fast noch Nacht, gerade dämmerte ein prächtiger Maientag herauf, fügten sich Bilder zu Ideen, wurden Wörter, eine ganze Geschichte sogar, von einem Hotel Astor, das in zwei Zeitzonen sich befand, und einem unfassbar lahmen Hoteliersehepaar, von gstohlenen Bildern aus einer Akte, von im Mund zerfallendem Kaugummi, aber bevor ich aufstehen konnte, erneut Buchstabenkannibalism

Grafik und Animation: JvdL

Zwitschern, Zirpen, Flöten, Gurren, Buchstabieren – Der Merzkünstler Kurt Schwitters und sein Werk

Irgendwann in den 1950-er Jahren, ich war noch sehr klein und spielte in unserer Wohnküche, derweil das Radio lief. Plötzlich horchte ich auf, denn aus dem Radiolautsprecher kamen höchst merkwürdige Töne, menschliche Laute ohne Sinn, aber melodisch. Vermutlich war es die „Ursonate“, vorgetragen von Kurt Schwitters. Erst 20 Jahre später im Kunststudium bin ich dem phänomenalen Werk wieder begegnet. Die einzig existierende Originalaufnahme, von Schwitters selbst intoniert, wurde heute vor 86 Jahren, am 5. Mai 1932 in Stuttgart von der Reichsrundfunkgesellschaft aufgezeichnet. Der Hannoveraner Dadaist Kurt Schwitters ist seit Januar 70 Jahre tot, aber durch Kollegin Karfunkelfees Kommentar zu meinem Eintrag über Vogelgesang wurde ich wieder an ihn, seine Ursonate, die Stare und überhaupt an sein Werk erinnert.

Man weiß von Staren, dass einige das Zwitschern von Handys nachahmen. Ich habe bereits in den 1990-er Jahren von einem Dänen gelesen, der einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft hatte, weil der Vogel das Handyklingeln täuschend echt imitieren konnte. Stare sind gelehrige Vögel, und sollten sie zufällig auf der norwegischen Insel Hjertøya leben, dann intonieren sie vielleicht immer noch die Ursonate von Kurt Schwitters. Schwitters lebte dort von 1933 bis 1936 in einer Hütte im Exil, wo er an seinem zweiten Merzbau arbeitete. Sein Freund, der elsässische Dadaist Hans Arp, berichtete einmal, wie er Schwitters auf der Insel Föhr erlebt hatte. „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte.“

Möglicherweise hörten also die Stare von Hjertøya interessiert zu, wenn Schwitters so ganz für sich die Ursonate intonierte. Und eventuell gaben sie die neuen Laute von Generation zu Generation weiter. Jedenfalls staunte der Berliner Künstler Wolfgang Müller nicht schlecht, als er 2001 die Insel besuchte und von den Staren die Ursonate gezwitschert bekam. Er nahm sie auf Tonkassette auf und veröffentlichte später eine CD mit dem Titel: „Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters.“ Müller bekam damals Urheberrechtsprobleme mit den Rechteverwaltern der Schwitters-Erben. Sie sind ungefähr so freundlich wie die Disney-Erben, die ja auch jede kleine Schülerzeitung abmahnen, die einmal einen Donald abdruckt. Doch am Ende ließ man Müller gewähren, denn es war juristisch zweifelhaft, ob man den Staren verbieten kann, eine CD herauszubringen, worauf sie Schwitters imitieren. Müllers Aktion war jedenfalls durchaus verdienstvoll. Auf diese Weise geriet ja nicht nur er, sondern auch Kurt Schwitters wieder in die Presse. Denn gemeinhin kennt und schätzt man Schwitters im Ausland mehr als bei uns.

Vor nun zehn Jahren bin ich von Aachen nach Hannover gezogen, einer Beziehung wegen, aber es reizte mich auch, in der Stadt zu leben, in der Kurt Schwitters gelebt und gearbeitet hat. In den 1990-er Jahren, als ich noch Tagebuch schrieb, habe ich es gemacht wie Schwitters, wenn ich durch die Stadt bummelte, nur war ich dabei nicht so konsequent wie er. Schwitters hob ständig Papierobjekte von der Straße auf, sammelte so gut wie alles, was ihm in die Finger kam. Vieles davon verarbeitete er in seinen Collagen und Assemblagen. Größere Objekte fanden ihren Platz in seinem berühmten Merzbau.

Anfangs hieß die Skulptur „Kathedrale des erotischen Elends.“ Da stand sie noch auf einem Sockel. Schwitters war verheiratet, und man kann sich denken, warum die Skulptur so hieß. Wer bei Schwitters zu Besuch war, musste irgend etwas von sich dalassen. Schwitters richtete beleuchtete Kammern für die Objekte ein. Es befand sich auch ein Fläschchen Urin darunter. Von wem diese Körperausscheidung stammte, weiß ich leider nicht mehr. Die Kathedrale wuchs, und irgendwann ließ Schwitters die Decke durchbrechen, damit sein Merzbau weiter wachsen konnte. Dann wuchs der Bau auch in einen Nebenraum. Später ließ Schwitters den gesamten Merzbau kubistisch verkleiden und weiß anstreichen. Teile davon waren begehbar. Leider existieren nur wenige Fotografien davon, denn der Merzbau ist bei einem Bombenangriff verbrannt. Im hannoverschen Sprengelmuseum gibt es einen Nachbau, auf der Grundlage von wenigen Fotografien. Man kann den Merzbau betreten. Er wird in Intervallen unterschiedlich beleuchtet. Das ist auf jeden Fall beeindruckend, obwohl der Bau kein Innenleben hat wie der echte. (Gif-Animation: JvdL)

Wenn eine Sprache in Wörterbüchern verzeichnet ist, sterben manche Wörter nicht völlig aus, sondern sind nur eine Weile scheintot. In den 50er Jahren galt das Wort Kommerz als ausgestorben. Der Duden verzeichnete es nicht mehr, denn es war nicht mehr im Gebrauch. Ende der 60er tauchte Kommerz wieder auf, und zwar in der Verbindung Kunst & Kommerz. Die deutsche Commerzbank trägt das Wort in ihrem Namen. Kurt Schwitters hat den Schriftzug der Commerzbank genommen, zerschnippelt und „merz“ in eine seiner Collagen eingebaut. So bekam seine Kunst ihren Namen. Er wirkt freundlich wie Schwitters selbst. Die Assoziation zu dem Wort März ist durchaus gewollt. Denn es steckt etwas von Frühling und Aufbruch in der Merzkunst. Es passt, dass Stare die Ursonate trällern.

Merz ist von der Anlage her keine Antikunst wie der Dadaismus. Schwitters hatte etwas anderes im Sinn: „Im übrigen wissen wir, daß wir den Begriff Kunst erst los werden müssen, um zur Kunst zu gelangen.“ Ihm ging es also um eine neue Form der Kunst. Das Material für die Merzkunst stammt aus dem Alltag. Da ist kein vorgefundener Fetzen zu gering. Er wird in Form gebracht und fügt sich ein in die Bildkomposition. Diese Collagetechnik wendet Schwitters auch auf die Laute an. Die Laute der menschlichen Sprache werden bei ihm zu Klangelementen ohne inhaltliche Bedeutung. Bei Youtube fand ich die Originalaufnahme der Ursonate, die Schwitters am heutigen 5. Mai vor 86 Jahren aufnahm.

Tretet dAdA rein!

Teestübchen Wissen – Was ist ein Linienspender?

Was ist ein Linienspender? Er sei umgefallen, hieß es im Text „Die Frau auf der Treppe.“ Tags zuvor hatte ich das Teil in meiner Schublade mit grafischen Utensilien und Gerätschaften gefunden. Es hatte dort wohl seit 1980 gelegen, also 38 Jahre. Ich kenne Leute, die jünger sind. Wie das Teil hieß, versuchte ich zu recherchieren. Weil ich nicht fündig wurde, nannte ich es Linienspender. Die Firma Letraset, die einst neben Anreibschriften solche Linien von der Rolle vertrieben hat, existiert nicht mehr als eigenständiges Unternehmen. Mit Letraset begann in Deutschland in den 1970-er Jahren die Demokratisierung der Druckschriften. Bis dahin waren sie Eigentum der Bleigießereien gewesen und standen nur den Druckereien zur Verfügung. Die Idee, sie allgemein zugänglich zu machen, stammt vom US-Grafik-Designer Herb Lubalin, über den ich bereits hier geschrieben habe.

Leider besitze ich auch keinen Letrasetkatalog aus der Blütezeit der Letrasetschriften mehr. Da ich mein Studium mit grafischen und typografischen Arbeiten finanziert habe, war ich bestrebt, jährlich den neuen Letrasetkatalog zu bekommen, weil ich immer auf der Suche nach neuen Schriften und typografischen Gestaltungsideen war. Die Google-Bildersuche eröffnet einen Überblick über die längst versunkene Technologie. (Alle Bilder im Text lassen sich durch Klicken vergrößern.)

Ich weiß noch genau, wo ich diese gewellte Linie damals verwendet habe, nämlich in der niederländischsprachigen Märzausgabe der belgischen Monatszeitschrift „Disc-Jockey“, mit dem mir peinlichen Schreibfehler „mar“ statt „maar“ auf der von mir gezeichneten und gestalteten Titelseite. Man sieht, dass die Anschlüsse an den Ecken des Kastens ein bisschen schwierig waren. Das ganze war noch echtes Handwerk, weil die Druckseiten auf Papier montiert wurden. Etwa zehn Jahre später war auch diese Technologie der Satzherstellung vom Desktop-Publishing per Computer abgelöst. Ich habe also zweimal erlebt, dass meine Kenntnisse und Fertigkeiten überflüssig wurden, einmal beim Bleisatz und einmal bei der Papiermontage.

Die Frau auf der Treppe

Ich schlafe auf dem Rücken, aber vor dem Einschlafen muss ich einmal für kurze Zeit auf der rechten Seite gelegen haben. Dann wende ich der Fensterfront den Rücken zu. Gestern Nacht, ich habe mich gerade auf die rechte Seite gedreht, höre ich von den Fenstern her ein leises Knistern, viel weiter weg, als dass es im Schlafzimmer hätte sein können. Da sehe ich hinter mir eine herrschaftliche Eichentreppe. Auf dem Absatz oben steht eine Frau im waldgrünen Dirndl, auf dessen Brustpartie ein großes rotes Herz platziert ist. Sie sagt: „Es stürmt und stürmt, und jetzt ist auch noch der Linienspender umgefallen.“

„Ein Moment, bitte. Wo Sie stehen, gnädige Frau, dürfte überhaupt keine Treppe sein. Was haben Sie mit der Fensterfront meines Schlafzimmers gemacht? Das ist doch zunächst zu klären, bevor ich mich geistig mit Ihrem umgefallenen Linienspender beschäftige.“

„Ebensogut könnte ich fragen, wieso Sie Ihr Bett auf meinem Treppenabsatz aufstellen. Soll ich etwa hindurch steigen, wenn ich hinunter in die Halle will?“

„Unterstehen Sie sich!“

„Was bleibt mir anderes übrig, wenn ganz offenbar die allgemeine Ordnung zerfällt? Übrigens ist mein Linienspender nicht umgefallen. Er wurde umgeblasen. Hören Sie nicht, wie der Wind das Haus umtost? Das geht schon den ganzen Tag so und jetzt in der Nacht hat er noch zugenommen.“

„Ich höre nichts.“

„Sein anhaltendes Dröhnen ist zu stark, als dass ich noch ein An- oder Abschwellen hätte wahrnehmen können. Wenn man fragt, woher das Unerbittliche in manchen Menschen stammt, hier ist das Vorbild in der Natur. Wie der Wind durch alle Ecken dieses Hauses pfeift, sogar den Linienspender umwirft und draußen stattliche Bäume entwurzeln und auf Hausdächer schleudern kann oder wie eine Flut unentwegt steigt und steigt und Mensch und Tier ersäuft oder bitterster Frost durch Mark und Bein geht und das Blut erstarren lässt, wie zuweilen die Erde bebt und Häuser zum Einsturz bringt, dass alles lebendig begraben wird – all diese furchtbaren Dinge hat die menschliche Natur in sich aufgenommen, und darum kann der Mensch so schrecklich sein, ohne seine eigene Bosheit wahrzunehmen. Er schwimmt ja wie selbstverständlich darin, sie ist sein Innen und sein Außen.“

„Du liebe Güte! Gehen Sie lieber zu Bett“, murmele ich, indem ich mich auf den Rücken drehe, „ich bin schon ganz woanders.“
Und was ist überhaupt ein Linienspender?

Das turmhohe Butterbrot in der Wüste des Schmeckens

Die Erinnerung malt meist mit goldenem Pinsel, lautet eine chinesische Weisheit. Was ich zu schreiben gedenke, könnte man als die rückwärts gewandte Idealisierung „Früher-war-alles-besser“ abtun. Aber es ist der Versuch, mich zu erinnern an Geschmack. Natürlich sind die Begleitumstände beinah idyllisch. Da wende ich ein, dass der Zeitpunkt der Handlung der frühe Sonntagabend ist. Schon ab Mittag hatte die anstehende Fron der Arbeitswoche wie ein Schatten auf meiner Seele gelegen, so ein herbstlich wehes Gefühl. Das Wochenende musste ich ziehen lassen wie einen prächtigen Sommer. Weiterlesen