Weltbetrachtung mit Facettenaugen

Schlichte Aussagen kann der Mensch sich am besten merken. Sie prägen sich ein, ohne dass es einen plausiblen Grund gibt. „Die Fliege hat Facettenaugen.“ Diese Information hat einst meinen Mitschüler Paul ungemein beeindruckt, so dass er sie nie mehr vergessen hat. Tatsächlich hat er aber nur das Wort Facettenaugen behalten, denn wenn er wiedergeben sollte, was Hauptlehrer Schmitz im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzten Pauls Facettenaugen. „Der Storch hat Facettenaugen“, sagte Paul, die Katze hatte auch welche, selbst der Hase verfügte darüber. Das ist nur gerecht. Nichts davon wurde je richtig gestellt, denn wenn Schmitz einen Schüler abhörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln jedoch hatte Zeichencharakter, denn solange Schmitz trommelte, musste man reden. Allein auf den flüssigen Vortrag kam es an. Der durfte auch nicht enden, bevor die Finger aufhörten zu trommeln, weshalb es ratsam war, nach dem Ende des Vortrags einfach wieder von vorne anzufangen, bis Schmitz zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb. „Facettenaugen, Facettenaugen, Facettenaugen“, wäre sicher eine Option gewesen, ein fettes Sehrgut einzuheimsen. Leider habe ich nicht daran gedacht, weshalb ich bei Schmitz nicht über Ausreichend hinaus kam.

Später hatte ich einen Kollegen, einen Mathematiklehrer und leidenschaftlichen Bananenesser, der gerne die botanische Weisheit von sich gab: „Die Banane ist keine Frucht, sondern eine Beere.“ Schwer vorstellbar, da wir sonst keine Beeren mit Schale kennen. Noch weiter ab vom Beobachtbaren ist diese Weisheit: „Die Erdbeere ist in botanischer Hinsicht eine Nuss.“ Na klar, dachte ich, als das im TV verkündet wurde, das wird jeder unmittelbar einsehen, harte Schale, braune Farbe, reif im Herbst, wächst auf Bäumen, und wenn mir Hauptlehrer Schmitz eine Kopfnuss verpasst hat, dann hat es sich angefühlt, als würde mir seine feuchte Zunge kalt am Hinterkopf lecken.

An der Hofmauer, an die ich immer mein Fahrrad anlehne, wachsen fünf Nussbäumchen, an deren Blättern und Blüten ich sofort Erdbeerpflanzen erkannt habe. Ich kann mir keinen ungünstigeren Ort denken, so im schattigen Mauerwinkel. Ob ein Eichhörnchen dort mal Erdbeeren vergraben hat? Vielleicht haben aber auch die Alien-Kellerasseln den Samen von einem verrufenen Nussplaneten aus einem hinteren schmutzigen Winkel des Universums eingeschleppt. Jedenfalls warte ich darauf, dass sich mal ordentliche Nüsse zeigen, damit ich sie pflücken und knacken kann. Aber vermutlich werde ich enttäuscht werden, weil nachts die Schnecken oder sonstige Tiere mit Facettenaugen sich drüber her machen, sobald die erste Nuss zaghaft ihren gelben Zipfel reckt.

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