Teestübchen Wissen – Die Arbeit der Paläographen (1)

Kollege Der Emil hat in seinem Blog über mittelalterliche Kopisten geschrieben und die Frage aufgeworfen, wie lange sie wohl an einem Buch geschrieben haben. Die Wissenschaft, die unter anderem solche Frage beantwortet, heißt Paläografie (Handschriftenkunde). Ihr verdanken wir auch eine Vorstellung von der Entwicklung unserer Schrift, wie ich sie rechts exklusiv fürs Teestübchen in einem Stammbaum aufgezeigt habe (größer: Klicken), beginnend bei der römischen Antike, der Capitalis Monumentalis, einer gemeißelten Schrift aus dem 2. Jahrhundert. Paläographen wie Wilhelm Wattenbach oder Bernhard Bischoff haben durch Sichtung alter Dokumente und Bücher die wesentlichen Formmerkmale unserer Schrift festgehalten und kategorisiert. Das machte möglich, Schriftstücke zeitlich und räumlich zuzuordnen, was unerlässliche Hilfe war bei der Überprüfung alter Urkunden. Als nur wenige des Schreibens mächtig waren, konnte man Urkunden leicht fälschen. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Die Wissenschaft der Paläographie verdankt ihr Entstehen den unzähligen gefälschten Urkunden. Als man erkannt hatte, dass Rechtstitel und Privilegien in großer Zahl auf Fälschungen zurückgingen, wuchs der Wunsch nach Beurteilungskriterien, nach denen Fälschungen erkannt werden konnten. Die „Konstantinische Schenkung“, die dem Bischof von Rom auf ewig die päpstliche Vormachtstellung über die katholische Kirche einräumt, ist eine solche Fälschung. Sie wurde Mitte des 15. Jahrhunderts schon entdeckt. An ihr ist auch zu sehen, dass derlei Fälschungen Fakten schaffen, die nicht mehr zurückgenommen werden können und sich deshalb vom Postfaktischen zum Faktischen wandeln. Von der Paläographie wissen wir auch einiges über das Wirken mittelalterlicher Schreiber, so von Othlo einem St. Emmeramer Mönch des 11. Jahrhunderts. Er hatte sich als Schulknabe in Tegernsee zuerst ohne Lehrer im Schreiben versucht und berichtet:
Darum geschah es mir, dass ich mich daran gewöhnte, die Feder beim Schreiben in unrichtigem Gebrauch festzuhalten, und auch später konnte ich von keinem Lehrenden darin berichtigt werden. Denn ein allzu großer Gebrauch hinderte mich, es zu verbessern. Viele Leute, die das sahen, glaubten, dass ich niemals würde gut schreiben können.)

Die Leute täuschten sich jedoch, indem Othlo bald großen Ruhm als Schönschreiber gewann. (abgeschrieben von mir, übersetzt von Freund Wolfgang B., einem Kollegen Lateinlehrer). Preisfrage: Welche Schrift wird Othlo geschrieben haben?
Auch über das Schreibtempo ist einiges bekannt. Da ich mir vorgenommen habe, wieder mehr Handschrift zu üben, habe ich etwas dazu abgeschrieben (Zwischen dem Dokument oben und diesem liegen 25 Jahre. Jetzt zeigt sich für mich dramatisch die mangelnde Übung, wenn auch Schrift und Schreibwerkzeug anders sind. (Oben kursiv nach Alfred Fairbank, mit der Wechselzugfeder geschrieben, rechts Füller mit Gleichzugfeder und freie Groteskschrift).
(Zum Vergrößern klicken)

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7 Kommentare zu “Teestübchen Wissen – Die Arbeit der Paläographen (1)

  1. Lieber Schriftgelehrter Jules,
    was man von Dir so alles lernen kann!
    Schreiben zu können ist für uns heute so selbstverständlich, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie es wohl wäre, wenn wir andere bitten und dafür bezahlen müssten, uns etwas vorzulesen oder aufzuschreiben. Traurigerweise gibt es auch hierzulande noch Analphabetismus, arme Menschen, die sich verschämt sehr verstellen (müssen?), um damit nicht aufzufallen.
    Zu Deiner Preisfrage: gothisch, Deinem Stammbaum zufolge.
    Liebe Grüße!
    Lo

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    • Lieber Lo,
      dankeschön für die Blumen. Für unser Kommunikationswerkzeug Schrift habe ich mich seit meinem 10.Lebensjahr schon interessiert und begeistert, seit mein Onkel mich mit in seine Druckerei genommen hat. Dass etwa drei Millonen in Deutschland gar nicht oder nur eingeschränkt lesen und schreiben können, finde ich tragisch, denn es verhindert eine ordentliche gesellschaftliche Teilhabe. Wir Bloggerinnen und Blogger nutzen ganz selbstverständlich Schrift. Das Wissen hierüber zu erweitern, wenig Bekanntes zu vermitteln, versinkendes Wissen wiederzubeleben, versunkenes Wissen zu heben, sind einige meiner Ziele.
      Lieben Gruß,
      Jules

      Gefällt 2 Personen

  2. Deine Fairbanks-Schrift macht mich richtig ein klein wenig neidisch…da sitzt jeder Buchstabe wie ein Musterschüler in der ersten Bank während meine Buchstaben aus der Kreativgruppe immerfort nur Kaugummi kauen und gegen Zucht und Ordnung aufmüpfen, …doch es ist ja noch keine Fee vom Himmel gefallen…und aller Hoffnung Anfang ist noch nicht aller Fragen Abend. Liebe Grüße von der Fee

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    • Dankeschön für dein Lob, liebe Fee! So hübsch die Bilder auch sind, unsere Varianten von Fairbank betreffend, finde ich, dass der Eindruck täuscht. Bei näherer Betrachtung finden sich durchaus Verschleifungen und Abweichungen. Allerdings ein bisschen neidisch bin ich auch, weil ich die Schrift mal geläufig geschrieben habe, jetzt aber nicht mehr kann. 😦 Alles braucht eben Übung.
      Lieben Gruß,
      Jules

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  3. Zeit der Fälschungen? Wir sind jetzt in einer Zeit angekommen, in der es den Unterschied zwischen Original und Kopie kaum noch gibt, praktisch jeder kann fälschen und viele nutzen die technischen Hilfsmittel, um ihren Lebenslauf und ihre Zeugnisse zu überarbeiten. Aber was ist das alles schon im Vergleich mit der Konstantinischen Schenkung? Stümperei!

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    • Die mittelalterliche Gesellschaft war weitgehend analphabetisch, und viele glaubten noch an eine göttliche Herkunft der Schrift. An der Glaubwürdigkeit von Urkunden, die ja meistens von klösterlichen Schreibern gefertigt waren, zweifelte man so schnell nicht. Du hast Recht: heute wird viel mehr und perfekter gefälscht, aber wir sind auch nicht mehr so gutgläubig. Ich muss nur immer schmunzeln über das Gerede von „postfaktisch“ als neue Erscheinung. Menschliche Gesellschaften sind nie etwas anderes gewesen. Wer die Macht und die Mittel hat, sie durchzusetzen, bestimmt die Fakten.

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