Anleitung zur Sorgsamkeit

Der nächtliche Regen hat auf dem Asphalt eine Pfütze hinterlassen. Mittendrin hockt eine Krähe und wässert einen Leckerbissen, nahebei steht ein Mann mit Kopfglatze auf dem Gehweg, trippelt mal vor und wieder zurück. Dabei schaut er angestrengt die Straße hinunter. In der Rechten hält er vermutlich einen Schlüssel, von dem ein langes Schlüsselband baumelt. Ein Pritschenwagen von der Stadtreinigung kommt heran und parkt hinter dem Mann auf dem Gehsteig. Der Fahrer in Arbeitskluft steigt aus und begibt sich auf den Spielplatz. Er geht wie einer, der sich krumm gesessen hat und dessen Glieder sich nur unwillig strecken mögen. Die Schultern und Hüften ganz aus dem Lot strebt er den Sitzbänken mit Tisch zu, richtet den Müllsack im Abfallkorb und geht dann zur Hecke, um sich zu erleichtern. Dabei steigt er vorsichtig über Abfallpapier am Boden, als wäre es eine vom Aussterben bedrohte Pflanze. Ich stehe hinterm Fenster und beobachte alles. In meinem Kopf ein Bild, das mich seit Tagen verfolgt: Auf einem laufenden Fließband unzählige Küken, flauschige gelbe Wesen, allesamt putzig. Das Fließband befördert sie vorwärts in den Schlund eines Schredders. Ein Küken macht einen ängstlichen Trippelschritt zurück, um dem drohenden Unheil zu entgehen. Schon fällt es kopfüber hinab.

Welch Glück, nicht in einem fremden Körper aufzuwachen und ein Küken beim Sturz zwischen die stoisch drehenden Walzen eines Schredders zu sein. Oder plötzlich ein Wurm zu sein, der von einem Krähenschnabel aufgespießt und zerteilt wird. Ein Glück auch, kein Mann von der Stadtreinigung mit Rückenschmerzen zu sein. Warum ist das so? Was gibt uns die Gewissheit der eigenen Identität? Allein die Erinnerung. Aber würdest du plötzlich wach in einem Körper, den Folterknechte aus seiner Zelle schleppen, dann wüsstest du, was dir droht, hättest du die Erinnerung an den Schmerz und wüsstest, wie und wie oft man dich schon gemartert hat, und wüsstest nicht, dass du gestern ein Mann mit Kopfglatze warst, der trippelnd die Straße hinunter geschaut hat. Das ist die Konsequenz der Idee, dass alles mit allem zusammenhängt.

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3 Kommentare zu “Anleitung zur Sorgsamkeit

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