Teestübchen Wissen – Was ist ein Linienspender?

Was ist ein Linienspender? Er sei umgefallen, hieß es im Text „Die Frau auf der Treppe.“ Tags zuvor hatte ich das Teil in meiner Schublade mit grafischen Utensilien und Gerätschaften gefunden. Es hatte dort wohl seit 1980 gelegen, also 38 Jahre. Ich kenne Leute, die jünger sind. Wie das Teil hieß, versuchte ich zu recherchieren. Weil ich nicht fündig wurde, nannte ich es Linienspender. Die Firma Letraset, die einst neben Anreibschriften solche Linien von der Rolle vertrieben hat, existiert nicht mehr als eigenständiges Unternehmen. Mit Letraset begann in Deutschland in den 1970-er Jahren die Demokratisierung der Druckschriften. Bis dahin waren sie Eigentum der Bleigießereien gewesen und standen nur den Druckereien zur Verfügung. Die Idee, sie allgemein zugänglich zu machen, stammt vom US-Grafik-Designer Herb Lubalin, über den ich bereits hier geschrieben habe.

Leider besitze ich auch keinen Letrasetkatalog aus der Blütezeit der Letrasetschriften mehr. Da ich mein Studium mit grafischen und typografischen Arbeiten finanziert habe, war ich bestrebt, jährlich den neuen Letrasetkatalog zu bekommen, weil ich immer auf der Suche nach neuen Schriften und typografischen Gestaltungsideen war. Die Google-Bildersuche eröffnet einen Überblick über die längst versunkene Technologie. (Alle Bilder im Text lassen sich durch Klicken vergrößern.)

Ich weiß noch genau, wo ich diese gewellte Linie damals verwendet habe, nämlich in der niederländischsprachigen Märzausgabe der belgischen Monatszeitschrift „Disc-Jockey“, mit dem mir peinlichen Schreibfehler „mar“ statt „maar“ auf der von mir gezeichneten und gestalteten Titelseite. Man sieht, dass die Anschlüsse an den Ecken des Kastens ein bisschen schwierig waren. Das ganze war noch echtes Handwerk, weil die Druckseiten auf Papier montiert wurden. Etwa zehn Jahre später war auch diese Technologie der Satzherstellung vom Desktop-Publishing per Computer abgelöst. Ich habe also zweimal erlebt, dass meine Kenntnisse und Fertigkeiten überflüssig wurden, einmal beim Bleisatz und einmal bei der Papiermontage.

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