Das turmhohe Butterbrot in der Wüste des Schmeckens

Die Erinnerung malt meist mit goldenem Pinsel, lautet eine chinesische Weisheit. Was ich zu schreiben gedenke, könnte man als die rückwärts gewandte Idealisierung „Früher-war-alles-besser“ abtun. Aber es ist der Versuch, mich zu erinnern an Geschmack. Natürlich sind die Begleitumstände beinah idyllisch. Da wende ich ein, dass der Zeitpunkt der Handlung der frühe Sonntagabend ist. Schon ab Mittag hatte die anstehende Fron der Arbeitswoche wie ein Schatten auf meiner Seele gelegen, so ein herbstlich wehes Gefühl. Das Wochenende musste ich ziehen lassen wie einen prächtigen Sommer.

Vorhang auf: Wir sehen die Küche der Lehrerwohnung, die wir seit einigen Jahren bewohnen, ein Luxus, der uns eigentlich nicht zusteht, denn meine verwitwete Mutter ist keine Lehrerin, sondern putzt nur die Klassenräume der Volksschule. Die Küche hat ein Fenster nach Westen. Die Abendsonne schaut noch gerade so über den fernen von Pappeln gekrönten Bahndamm und taucht die aufgeräumte Küche in ein goldenes Licht. Ich trete ein, bin etwa 18 Jahre alt, habe den Tag über fast nichts gegessen, nur Bier getrunken. Den Nachmittag habe ich in einer Diskothek verbracht. Ich habe Hunger, das Zungenbändchen tut mir weh, ist wohl ein bisschen eingerissen, denn das Mädchen, mit dem ich unterwegs war, ist eine wilde Küsserin, und ich habe ein schales Gefühl im Mund. Ich hole einen Teller aus dem Küchenschrank und eine Scheibe Graubrot aus dem Brotkasten. Es geht um das Brot, das ich mir gleich schmiere und das der krönende Abschluss des Wochenendes sein wird. Auf dem Teller die Scheibe Graubrot, bestrichen mit Butter, darauf eine Scheibe junger Gouda, ein hartgekochtes Ei in Scheiben, Tomaten- und Gewürzgurkenscheiben, Pfeffer und Salz, einige Tupfer Mayonnaise, obendrauf gezupfte Petersilie. Das Brot ist turmhoch. Ich werde es mit Messer und Gabel essen.

Was die Freiheit des versinkenden Wochenendes betrifft, ist das Brot die Henkersmahlzeit. Der Genuss muss sich also behaupten gegen das Endzeitgefühl, das mich schon auf dem Heimweg in den Würgegriff genommen hat. Da ist noch ein ungutes Gefühl in mir. Das Mädchen, mit dem ich derzeit unterwegs bin, hat einen eigenartigen Geruch, eigentlich beinah lecker, aber der Geruch behagt mir nicht, sobald sie nicht mehr in der Nähe ist. Dagegen muss der Geschmack meines Brotes ankommen. Das schafft es locker. Vorhang zu.

Inzwischen ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. In meine Küche scheint zuweilen ebenfalls die Abendsonne. Mehrmals habe ich mir dort so ein Brot gemacht, aber wo ist das Geschmackserleben hin? Man könnte sagen, es liege an mir. Damals sei ich jung gewesen. Das Leben habe noch unausformuliert vor mir gelegen. Daher ein besseres Lebensgefühl und mithin intensivere Geschmackserlebnisse. Aber damals war ich Arbeiter, arbeitete für wenig Geld in einer Druckerei, war täglich 12 Stunden unterwegs. Ich habe nicht ahnen können, dass mir der soziale Aufstieg durch Studium und Lehrerberuf gelingen würde. Mein Lebensgefühl heute ist anders, aber deutlich besser. Ich habe einiges erreicht, worauf ich mit Stolz zurückblicken kann. In meinen Handlungen bin ich weitgehend souverän, lebe im größten Luxus, den ein Mensch sich wünschen kann, denn niemand sagt mir, was ich zu tun habe. Unter diesen Bedingungen könnte mein Brot doch mindestens ebensogut schmecken wie in meiner Erinnerung. Tut es aber nicht. Vermutlich liegt es an den Zutaten, am Brot, am Käse, an den Eiern, den Tomaten, an der Petersilie. Sie schmecken fade, mithin kann ihre Summe auch nur fade schmecken.

Woran es im Einzelnen liegt, vermag ich nicht genau zu sagen. Oder doch? Geschmack kann wegen neuer Hygieneverordnungen verloren gehen. Betrachten wir Brot, Tomaten, Käse und Eier. Der britische Ethnologe Burke berichtet von einem Fall des 19. Jahrhunderts, dass eine für ihr köstlich duftendes Brot berühmte Bäckerei in Paris aufgefallen war, weil man entdeckte, dass das Wasser für den Brotteig aus dem Abwasserkanal kam. Der Bottich hatte eine direkte Zuleitung zur Kloake. Nachdem die auf behördliche Anordnung unterbrochen worden, schmeckte das Brot nur noch halb so gut. Den Tomaten ist der Geschmack quasi versehentlich weggezüchtet worden, weil man Wert auf Lagerfähigkeit und Aussehen gelegt hat. Was noch da ist an Geschmack geht bei der Kühlung verloren. Als 17-Jähriger übernachtete ich mal im Sommer nahe Amsterdam in einem leeren Kuhstall. Die Kühe blieben den Sommer über auf der Wiese. Obwohl der Stall sauber geschrubbt und gefegt war, hing ein kräftiger Geruch nach Kuh und Dung in der Luft. Rund um die Wände des Stalls waren Regalbretter angebracht, auf denen Käseräder unterschiedlicher Größe zur Reifung lagerten. Etwas davon könnte auf den Käse übergegangen sein. Ich erinnere mich gut daran, wie die Bauern aus der Nachbarschaft an Eier kamen. Ihre Hühner streunten überall herum und bauten auch die Nester wo sie wollten. Wer Eier wollte, musste in der Scheune auf die Suche gehen. Hühner wurden auch nicht mit Fischmehl oder dergleichen Abfällen gefüttert, sondern mit Getreide. Ab und zu zogen sie einen Regenwurm aus der Erde. Ist also der Geschmack verschwunden, weil die Produktionsbedingungen unserer Nahrungsmittel sich radikal verändert haben? Ist nicht überhaupt meine Klage obszön, angesichts des Hungers auf der Welt?

6 Kommentare zu “Das turmhohe Butterbrot in der Wüste des Schmeckens

  1. Wenn ich als Kind von der Schule kam, alle vier Kinder trudelten zu unterschiedlichen Zeiten ein, stand mein Mittagessen in einer Tupperdose auf der Heizung. Den köstlichen Geschmack der dort für mich geparkten Kohlroulade habe ich in 25 Jahren kochen nicht nachmachen können.

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  2. kenn ich! als alter kulinariker kam ich schon so manchen erinnerungsgeschmäckern auf die schliche und tomaten sind so eine sache. es gibt z.b. genau eine situation in der ein münchner löwenbräu aus der dose großartig schmeckt, sowie es eine situation für die besten „spaghetti aglio e olio“ ever gibt. die erinnerung ist schon ein toller weichzeichner, aber in ähnlichen situationen schmeckts oft auch so ähnlich.
    das mit den tomaten, möchte man meinen sei ein trauerspiel, weit gefehlt. der sich in meiner nähe befindliche edeka hat bald wieder eine auslage mit fränkischen tomaten, die wie alle anderen tomaten des deutschen einzelhandels aus dem gewächshaus kommen – eine gartentomate wäre eine bessere lösung –, aber durch die wärme vor dem laden und zu hause, entwickelt sich doch ein anständiger geschmack. bei eiern empfehle ich das klauen, vorzugsweise aus nachbars hühnerstall. die sind vom aroma her die allerbesten. dem aroma aus hygienischen gründen dienlich, sind u.a. schmutzige hände, wie zum beispiel ölige hände vom reparieren eines fahrrades oder von gartenarbeit erdgeschwärzte bratzen, da schmeckt glaube ich das graubrot wesentlich aromatischer!
    unser brotnachschub wird durch mehrere biobäcker gesichert (zum thema bratzen). nachdem ich langezeit gar kein brot aß, ist es mir seit kurzem ein großes vergnügen die unterschiedlichsten getreide und körnchen zu schmecken, einfach bisschen butter drauf… ich schwoff ab.
    ich hoffe jedenfalls meinem nachwuchs gute erinnerungsgeschmäcker zu liefern. mal sehen, ob es ihnen gelingt, dem auf die schliche zu kommen. jetzt freu ich mich auf die tomatenzeit!

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    • Du hast Recht, Geschmack ist auch von Situationen abhängig, und ich stimme dir zu, dass Geklautes immer noch am besten schmeckt. Aber euer Edeka in Nürnberg ? ist keine Option für mich und meine Nachbarn haben keinen Hühnerstall. Jedoch das Brot beim Biobäcker zu kaufen, ist eine gute Anregung.

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      • stimmt, ist ein bisschen weit, der edeka und auch eigentlich nur wegen der tomaten zu gebrauchen. im übrigen habe ich einen kanapee- und sandwichfetisch. da esse ich auch gerne mal ein studentisches meleg-sandwich. das erste mal aß ich ein melegsandwich – es heisst eigentlich nur „warmes“ sandwich – in budapest im café bambi. das war anfang der 2000er und budapest war ziemlich im umbruch. das bambi war so ein ort an dem die zeit still zu stehen schien. alte männer spielen schach und die bedienung trägt gesundheitsschuhe.
        das meleg sandwich bestand aus einer scheibe standardweissbrot, einem schmierer gyulàs-creme und einem nicht identifizierbaren, billigen käse. ein herrliches katerfrühstuck, so wie es sich für einen studenten gehört. manchmal bereite ich mir eines zu, wenn ich mich ein wenig nach meiner jugend sehne.
        essen und wehmut oder essen und wermuth.

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