Unter der Frühlingssonne müde

Auf dem Nachhauseweg nach Mittagessen und Einkauf biege ich ab in den Von-Alten-Garten, wo die Sonnenhungrigen schon auf der Wiese liegen. Ich fahre den kleinen seitlichen Weg hoch auf die lange breite Terrasse, um mich auf eine der Bänke zu setzen. Die plötzliche Wärme erschöpft mich. Ah, – ich bin schon ganz platt. Von zwei Seiten, von den nahen Kindergärten höre ich Kindergeschrei. Es ist zu allen Zeiten an allen Orten gleich, zumindest in unserem Kulturkreis. Egal, welches Paar sich vor Jahren gefunden und ein Kind gezeugt hat, egal wie sie heißen, Christine, Sandra, Tanja, Michael, Stefan, Markus, Thomas, Matthias oder deren Kinder Lisa, Julia, Sarah, Laura, Jennifer, Nadine, Daniel, Christian, Patrick, Tobias, Sebastian oder deren Kinder Sophia, Marie, Mia, Emma, Hannah, Alexander, Paul, Luca, Ben, Louis, Leon – alle schrien oder schreien immer den gleichen Klangteppich. Menschengeräusch.

Als Kind habe ich mich vor Kindergeschrei gefürchtet. Wenn wir im heißen Sommer über die Felder zum Freibad nach Grevenbroich radelten, war alles gut, bis wir in die Nähe des Freibads kamen, über dem schon diese Wolke aus Kindergeschrei hing und mir den Himmel verdüsterte. Mehr noch, es drückte das Herz mir ab und am liebsten wäre ich umgekehrt, zurück zwischen die flimmernden Felder über denen nur die Feldlerche ihr eintöniges Lied sang.

Einmal war ich mit Lisette in Hamburg. Wir bestiegen eine dieser flachen Barkassen für eine Hafenrundfahrt. Anfangs waren wir fast alleine, doch kurz vor dem Ablegen stieg eine Schar lärmender Kinder zu. Lisette sah mein Unbehagen und sagte mitfühlend: „Du Armer!“ Ich erinnere mich noch, weil ich mich über ihre Wahrnehmung wunderte, denn ich hatte kein Wort des Missvergnügens gesagt.

Über den Weg quer zur Terrasse kommt ein Paar. Der fette junge Mann ist bis in die äußersten Festwülste hinein ganz eins mit sich und seiner Leibesfülle, die kaum gebändigt unter einem zu engen T-Shirt schwabbelt. Er lügt ihr vor, dass er die Limonadenflasche mitführen muss, um immer wieder einen Schluck zu nehmen, ganz wie der Zentralverband der Zuckerindustrie empfohlen hat. Das habe ich, scheints, erfunden. In Wahrheit deutet er zu der wirklich umfangreichen Buche hin, einem Naturdenkmal, und erklärt was von dick zu dick.

Links von mir spannt sich von einem Bodenanker aus ein Drahtseil in die Krone der Buche, wo es sich verliert. Das Seil ist übermannshoch rot-weiß ummantelt, damit sich keiner daran versehentlich den Hals abschneidet. Einer meiner Schüler kam eines Tages mit einem roten Striemen quer über den Hals daher. Er war mit dem Moped über die Felder gebraust und hatte einen Draht übersehen, der quer über den Weg gespannt war. Zum Glück war der junge Mann Ringer und rang für den TUS Walheim in der Bundesliga. Seine starken Halsmuskeln hatten seine Enthauptung verhindert.

Geschwächt komme ich zu Hause an und verschlafe den halben Flèche Wallonne, obwohl ich mich darauf gefreut hatte, dieses Radrennen über meine alten Trainingsstrecken zu sehen. Anfangs war die Tonleitung zu den flämischen Kommentatoren gut 15 Minuten unterbrochen. Da war wohl einer gegen ein Kabel gelaufen. Und die Techniker des übertragenden wallonischen RTBF machten gerade Mittagspause. Jedenfalls dachte ich, das zeigt sich wieder der typische wallonische Schlendrian, das würde den Flamen vom VRT nicht passieren.

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14 Kommentare zu “Unter der Frühlingssonne müde

  1. Wer mit der Stille (die ja nicht still, aber eben nicht menschlich ist) aufwächst, dem ist das geballte Kindergeschrei eines Freibades sicher einfach zu viel. Habe ich die Wahl, dann kann ich auf diesen Klangteppich auch verzichten. Lieber noch aber auf den der brüllenden Eltern ;).

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    • Ich fahre kein Auto und bin, was diesen Zivilisationslärm betrifft, nur Leidtragender. Gerade Hannover hat wegen der Expo viele Schnellwege in Stadtnähe gebaut, so dass man Autolärm fast überall hört, auch in Parks, den Stadtgärten und im Stadtwald. Offenbar lässt sich aber unpersönlicher Lärm leichter verdrängen als menschliches Geschrei, denn es versetzt einen in den Alarmzustand.

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    • Weiß nicht. Spielende Kinder müssen ja nicht unbedingt schreien. Was mich immer sehr gestört hat, war Geschrei. Letztlich ist es wohl etwas tiefer Sitzendes. Wenn ein Baby schreit, ist man als Eltern sofort alarmiert, auch wenn es durch zwei Türen nur gedämpft zu hören ist. Und noch weiter zurück. Wenn eine Affenhorde in Geschrei ausbricht, ist jeder einzelne Affe gewarnt, dass Gefahr droht. Daher meine schon oben geäußerte Vermutung, dass meine Angst vor Geschrei wohl an eine anthropologische Konstante geknüpft ist. Man ist alarmiert, obwohl der Grund nicht Gefahr ist, sondern einfach zuviele Menschen auf engem Raum zusammen sind wie etwa im überfüllten Freibad.

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      • Das leuchtet mir ein. Anthropologische Konstanten und persönliche Prägung trennt aber vielleicht ein nur schmaler Grat. Sehr tiefe Frequenzen in hoher Intensität erzeugen bsw. ein Gefühl unmittelbarer Bedrohung. Regelmäßige Technoclubbesucher ziehen aber gerade daraus einen Großteil ihrer Freude an Musik und Bewegung. Die Schreie glücklich selbstvergessen spielender Kinder sind für mich absolut positiv konnotiert, es steigt sofort ein Gefühl von Sommer, draußen sein, Freiheit usw. in mir auf. Ein Freudenschrei klingt einem Entsetzensschrei natürlich sehr ähnlich, aber in einen Zusammenhang eingebettet ist der Unterschied doch gut wahrnehmbar. Ich jedenfalls hab im Sommer das Fenster zum Hof stets geöffnet, weil der (von Ferne!) an mein Ohr dringende Kinderlärm mich positiv stimmt.

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