Über die Angst vor Wörtern

„Aber gut, dass du dich für die Pflege und den Erhalt der Handschriftkultur einsetzt“, schrieb mir Lo in seinem Brief. Über die Wirksamkeit solcher Pflege mache ich mir keine Illusionen. Der Niedergang der Handschrift ist ein kultureller Trend. Er ist keine Mode, sondern hat Gründe. Einzelne können einen begründeten Trend nicht verändern. Der Einzelne kann sich einem Trend verweigern und Gegengründe hervorheben. Das tue ich. Ich zeige, was an den Rand gespült und zurückgelassen wird. Doch ich verstehe mich nicht als Handschriftpfleger.

Ich bin auch kein Sprachpfleger, erst gar nicht Sprachpurist, jedenfalls bemühe ich mich, keiner zu sein, wenn ich Abweichungen von der Sprachnorm beobachte, also höre oder lese. Beispielweise lese ich immer wieder die Pluralform „Worte“, wenn es eigentlich „Wörter“ heißen müsste. Die Mehrzahl des einzelnen Wortes ist Wörter. Als Schriftsetzerlehrling habe ich gelernt, wie sich die Anzahl der Wörter je Zeile ermitteln lässt: „Zähle die Wörter von drei Zeilen und teile die Summe durch drei.“ Wir kennen aber noch ein zweites Wort, beispielsweise „das Wort Gottes.“ Hier ist kein einzelnes Wort gemeint, sondern dieses Wort besteht aus ganzen Sätzen, ist sogar ein Text, nämlich die Bibel. Der Plural dieses Wortes ist „Worte.“ Wir lesen in einer Vereinszeitschrift die Worte des Vorsitzenden, nicht die Wörter des Vorsitzenden. Denn Wörter stehen im Lexikon und sind Gemeingut, können also nicht dem Vorsitzenden gehören. Eigentlich sind Wort [lexikalisch] = Wörter und Wort [sinnvolle Aussage] = Worte nicht schwer auseinander zu halten. Wie aber kommt es zur Verwechslung von Wörtern und Worten?

Mir scheint da eine Scheu vorzuliegen, den Stammvokal zu verändern. Worte klingt irgendwie feiner als Wörter. Man legt den sprachlichen Bratenrock an, linguistisch ausgedrückt, man betreibt Hyperkorrektion. Der Sprachwissenschaftler Hans Ramge hat Ähnliches im Spracherwerb bei seinem Sohn Peter beobachtet. Peter bildete den Plural von Rad mit Rade. Bei Rade erkennt freilich jeder Erwachsene, dass es die Form nicht gibt. Aber der Plural Worte existiert, warum ihn also nicht verwenden? Weils je nach gemeintem Inhalt falsch ist? Gibt es überhaupt ein Richtig und Falsch in der Sprache?

Der Duden Band 9 hieß früher „Richtiges und gutes Deutsch“ und im Untertitel „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle.“ Inzwischen haben Obertitel und Untertitel die Positionen getauscht, also nicht eigenmächtig, sondern auf menschlichen Beschluss, denn bei lebendigen Sprachen gibt es nur die Augenblicksaufnahme. Titel oder Untertitel, korrekt müsste er lauten: „Derzeit richtiges und gutes Deutsch“ Das würde dem beständigen Sprachwandel Rechnung tragen und ihn den Sprachbenutzern vor Augen führen. Es hülfe gegen Sprachpurismus. Denn wer Sprachwandel einer lebendigen Sprache verhindern will, pflegt sie nicht, sondern mordet sie. Der Sprachwandel zeigt sich am deutlichsten an den Zweifelsfällen.

Die Scheu vor den „Wörtern“ korrespondiert mit der Tatsache, dass der Vokalreichtum des Deutschen seit dem Wandel vom Althochdeutschen übers Mittelhochdeutsche zum Neuhochdeutschen zurückgeht. Das Deutsche tönt immer schwächer. Gegenwärtig lässt es sich am besten beobachten bei der Beugung der Verben. Dort geht die starke Beugung zurück. Nur alte Verben werden stark gebeugt, alle jüngeren schwach. Starke Beugung meint, dass Verben bei der Konjugation den Stammvokal verändern (Ablaut), beispielsweise schlafen, schlief, geschlafen. Der Prozess der Ablautvermeidung zeigt sich bei Formen wie bellen, bellte, gebellt. Die ablautende Form bellen, boll, gebollen ist veraltet und versunken. Ähnlich backen, backte, gebacken, veraltet, aber noch bekannt ist backen, buk, gebacken.

Diese Scheu vor der starken Beugung tritt besonders beim Konjunktiv auf. Der Satz: „Gewänne ich im Lotto, lüde ich all meine Freunde ein“ kommt den meisten nicht über die Lippen, nicht, weil es keinen vernünftigen Anlass gäbe, einen Lottogewinn in Erwägung zu ziehen, sondern weil die veralteten Formen gestelzt klängen. Sie sagen stattdessen: „Würde ich im Lotto gewinnen, würde ich all meine Freunde einladen.“ Durch die Kombination würde + Infinitiv wird der Ablaut vermieden.

Was ist der Grund für diesen Sprachtrend? Tönt unsere Sprache immer weniger, weil wir die Gefühle zunehmend verdrängen und immer nüchterner werden? Irgendwann werden die Wörter jedenfalls verschwunden sein und es gibt nur noch Worte. Schade eigentlich, denn da verschwindet eine feine Unterscheidung.

44 Kommentare zu “Über die Angst vor Wörtern

  1. Mein Bruder und ich haben als Kinder das Sesamstraßenlied „Im Garten eines Kraken“ geliebt – wegen der singenden Muschel, klar („Dubidubidubidubiduuuuu!“) aber besonders auch wegen einer Textstelle: „… all meine Freunde lüd ich ein…“
    Zu schön.

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    • Hach… unsere Kinder haben das auch immer wieder gesungen.
      Zu den Konjunktivbeispielen fiel mir sofort ein Spruch aus meiner ersten Schulfibel ein.
      TÄTE ICH EINE TUTE HABEN,
      TÄTE ICH MIT DER TUTE SO LANGE TUTEN,
      BIS DIE TUTE NICHT MEHR TUTEN TÄTE.

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      • Wir Sesamstraßengucker unter uns 😉 Könnte sein, dass beim Spruch in deiner Fibel möglichst oft das T verwendet werden sollte, aber nur ein kleiner Wortschatz zur Verfügung steht. Ich erinnere mich an die Fibel meiner Tochter, worin F und U anfänglich geübt wurden mit Sätzen wie “ Fu ruft!“ und „Fu ruft Fara.“

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  2. Interessante Ausführungen. Aber ich finde es ja eher eine gewagte Theorie, dass die Tendenz dahin geht, den Ablaut zu vermeiden. Es gibt da durchaus Gegenbeispiele: Wo man früher noch „er lauft, bratet und haltet“ sagen konnte, sagt man heute „er läuft, brät und hält“. Und die häufig verwendeten starken Verben zeigen doch eher keine Tendenz zur Verweichlichung, sind doch die Formen mit Ablaut oft kürzer als es die „regelmäßigen“ wären. Ich kann jedenfalls keine Tendenz sehen, „ich rief, lief, ging, sah“ durch „ich rufte, laufte, gehte, sehte“ zu ersetzen.

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  3. Tolles Input, lieber Jules. Übrigens verwende ich die ‚veraltete‘ Form des Verbes ‚backen‘ und ich liebe diese Deklinationen wie ‚lüde, schliefe, flöge…‘ sogar sehr, eben weil das ‚würde‘ wie Knöterich und Traubenkirsche unter den Deklinationen geradezu wütet.
    Das mit den Wörtern und Worten ist auch hochinteressant und Dank! Denn ich wusste es nicht. Viele wissen auch nicht wann sie erschrocken sind oder sich erschreckt haben oder erschraken. Der Plusquamperfekt ‚war gewesen‘ ist auch selten zu lesen und überhaupt auf alles Wissenswerte im Beitrag einzugehen, geriete hier und an dieser Stelle zu lang. Die Scheu vor der Würde der Worte kommt mir in den Sinn um den nachdenklichen Kommentar zu schließen. Liebe Montagsgrüße ✨

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    • Freut mich, liebe Fee. Es ist ja seit langem sprachlicher Standard, dass würde+Infinitiv erlaubt ist bei als veraltet empfundenen Formen wie büke, lüde, mölke. Du erinnerst dich vielleicht noch an meine schauerliche Moritat: „Der Tod des Melkers https://trittenheim.wordpress.com/2016/09/30/darum-musste-der-melker-sterben-eine-schauerliche-moritat-im-konjunktiv-ii/
      Ich liebe dies alten Formen auch noch und nutze sie möglichst oft wie auch im obigen Text.
      Erstaunlicherweise beherrschen selbst Journalisten das Plusquamperfekt nicht mehr, wie ich oft festgestellt habe, weil die zeitliche Abfolge von Ereignissen mir unklar geblieben ist. Aber das ist ein anderes Thema.
      Lieben Gruß und guten Start in die Woche!

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      • Die schauerliche Moritat war sowohl optisch vorherragend als auch inhaltlich. Ich fühlte mich ganz hauchfein an Loriot erinnert- Du entsinnst Dich bestimmt der Methode der Förstersfrau, sich ihres trauten Gatten in heimeliger Nikolausvorfreude häppchenweise zu entledigen. Ich will jetzt aber nicht mehr so viele Wörter hier schreiben. Der Worte sei jetzt hier genug. Jawohl, jetzt werde ich pötisch und sage: Ha, die hehren Worte. Diese schlimme Sprache Deutsch. Das muss sein falsches Baustelle hier. Ich geh jetzt Wörter fischen, auch Dir und allen anderen fleißigen Wortakrobaten wünsche ich fette Fänge. Überkandidelt gehört übrigens zu meinen Tuttelwörtern und ich mag es, wenn Leute einfallsreiche neue Wörter erfinden. Eine Sprache ist lebendig…
        Na ja. Dies nur noch ergänzend und allseits in die Runde sonnig frühlingsgrüßend. ✨

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        • Ja, an das bitterböse Gedicht erinnere ich mich. Doch nun: „Der Worte sind genug gewechselt“, das ist nicht von der Donald-Duck-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, wie ich immer dachte, sondern tatsächlich von Goethe. 😉 Lieben Gruß!

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  4. Lieber Jules
    Ich mache jetzt einen unsympathischen Kommentar zu diesem interessanten Artikel: ich finde, dass der Unterschied zwischen „Worte“ und „Wörter“ schon zum Repertoire eines gebildeten Menschen gehören sollte.
    Ganz unsympathisch bin ich heute und schreibe auch, dass ich frug und buk und Ähnliches ziemlich überkandidelt finde, ganz zu schweigen von selbst erfundenen „vornehmen Formen“ .
    Und der Gipfelpunkt des unsympathischen Kommentars ist, dass ich wirklich nicht nachvollziehen kann, dass es in Bloghausen haufenweise Menschen gibt, die „seid“ und „seit“ nicht unterscheiden können ….
    mit ganz freundlichen Grüßen 😉

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    • Liebe Myriade
      Mit dem Homophon seid – seit hat sich zur NRW-Landtagswahl die SPD in einer Zeitungsanzeige in der Mülheimer Zeitung blamiert, worin der Hinweis stand: „7200 Lehrer mehr seid 2010!“ Es wäre Aufgabe der Zeitung gewesen, sorgfältig Korrektur zu lesen, aber da man in den Redaktionen die Korrektoren eingespart hat, müssen wir damit leben, dass derlei Fehler sich verbreiten, denn, so entschuldigte sich der verantwortliche Redakteur via Twitter „Kommt vor im Eifer des Gefechts.“ Im Internet äußern sich nicht nur solche „Profis“, sondern Menschen, die es einfach (noch) nicht besser wissen. Ich will aber eine Lanze für sie brechen, denn es ist besser, sich schreibend zu äußern als stumpf am TV-Gerät zu sitzen.
      Das gebe ich ebenso freundlich grüßend zu bedenken.

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      • HIHI, vielleicht haben sie den Beistrich nach „mehr“ vergessen und gemeint war, dass sich die Lehrer gefälligst auf 2010 Personen reduzieren sollen 🙂
        .
        „denn es ist besser, sich schreibend zu äußern als stumpf am TV-Gerät zu sitzen.“ Ja, eh 🙂

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  5. Und Du meinst, das Wörterbuch heißt irgendwann nur noch Wortebuch? – Ich hoffe nicht. Übrigens ist das Wörterbuch eine gute Eselsbrücke, wenn jemand verunsichert ist, ob es an einer Stelle Worte oder Wörter heißen muss. Mit anderen Worten: Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn sie sich in unserem Leben nicht mehr erfüllt, denn die Talsohle ist noch nicht erreicht.

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    • Oder es bleibt das letzte Reservat für Wörter. „20 Worte jeden Tag“, lautete doch ein schönes Blogprojekt, bei dem du auch gelegentlich kommentiert hast, und ich brachte es nicht übers Herz, hier die korrekte Form anzumahnen, weil die Einträge dazu mir gefielen, wunderte mich aber, dass es über zwei Jahre niemand getan hatte. Genau in diesem Fall habe ich mich streng ermahnt, kein Beckmesser zu sein.

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      • Ja, das mit den „20 Worten“ war mir aufgefallen, aber, wie Du schon sagst, man will nicht korrigieren, und gerade wenn eine Sache lange unbeanstandet läuft, kommt man sich ja vor wie ein Spielverderber. Ich bin auch nicht einmal sicher, ob ich nicht auch hin und wieder – einfach, weil mir der Klang besser erschien – Worte mit Wörtern und umgekehrt vertauscht habe. – Was mich aber mehr stört, ist die kritiklose Verehrung so mancher Worte (und ich meine Worte) aus berühmter Feder. Wenn es nur geschmeidig klingt und ein anerkannter Name drunter steht, wird zitiert, zitiert, zitiert, … egal wie fragwürdig, egal wie hohl und egal wie missverständlich, wenn aus dem Zusammenhang gerissen.

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        • Beispielsweise finde ich, dass man ruhig öfter einen Indie-Autoren wie mich zitieren sollte 😉
          Aber was du über unsinnige Zitate sagst, das hat schon Platon in seiner Kritik an der Schrift formuliert, und ich hoffe, du nimmst, dass ich ihn zitiere, nicht als Bestätigung deiner Aussage: Also ein Manko der Schrift laut Platon: „Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. “ (Phaidros)

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  6. Ich glaub‘ die Tendenz zu den „Worten“ ist der Drang zur „erhabenen“ Sprache. Dem Gesagten mehr Bedeutung verleihen wollen. Wusste schon Goethe: „Der Worte sind genug gewechselt,
    Laßt mich auch endlich Taten sehn!“

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  7. Pingback: „Rüei“ „Bitte was?“ „Rührei!“

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