Über die Schwierigkeit, nach Hause zu finden

Ich bin nicht immer mit mir einverstanden. Wenn ich zum Beispiel nach einem Bummel mich nach Hause wenden will, dann kann ich mich manchmal nicht dazu überreden, den direkten Weg zu nehmen. Zu oft bin ich die Straßen schon gegangen. Da grüßen mich sogar die Kaugummis vom Bürgersteig her. Darum muss ich große Umwege machen und drifte auf der Suche nach einer neuen Einfallschneise immer weiter zur Stadt hinaus. Die Füße werden mir schwer, die Schuhe drücken, und irgendwann bricht die Dunkelheit herein, so dass ich die Nacht in einer Pension am Stadtrand verbringen muss.

Am nächsten Morgen muss ich weiter hinaus ins Land. Die Unlust auf den langen Heimweg treibt mich voran. Bald finde ich mich unter Menschen, die in fremden Zungen reden. Erst dann gebe ich die Hoffnung auf, eine mir unbekannte Straße zu finden, die mich nach einer Weile völlig unerwartet vor meine Haustür trägt. Es nutzt mir auch nichts umzuziehen. Am Anfang bin ich voller Zuversicht, doch nach kurzer Zeit beginne ich wieder Umwege zu laufen, zuerst kleine, dann größere, und dann das gleiche Programm wie zuvor: Müde Füße, Pension, fremde Zungen. Anders gesagt: Es ist zu viel Redundanz in meiner Welt, und das liegt nicht an der Welt, sondern an der Wahrnehmung, und die ist beim Menschen geprägt durch die Organisation des Denkens. Damit mich meine Gedankengänge nicht anöden wie mein Heimweg, nehme ich gerne Umwege, denn glücklicher Weise findet man bei gedanklichen Umwegen beliebig nach Hause.

Einmal habe ich mich beim Radsport in der Voreifel verirrt, weil ich den direkten Weg nach Hause nicht fahren wollte. Das Dorf vor mir hieß Thum, und von Thum hatte ich noch nie etwas gehört. Schon die Schreibweise mit Th schien mir durchaus fremdländisch. Da trat einer mit seinem Rennrad aus dem Haus, um seine Trainingstour zu starten. Ich fragte ihn nach dem Weg, und er bot sich an, mich eine Weile zu begleiten und mir dabei eine schöne Strecke zu zeigen. Bald tauchte das Ortsschild des nächsten Dorfes auf. Da stand: Thuir. Da rief der Mann aus Thum fröhlich aus: Thum, Thuir, Tokio! Das war eine dreiste Zusammenstellung, alliterierte hübsch und zeigte exakt die Richtung an, denn nach meinem Gefühl fuhren wir nach Osten. Da war ich bereit zu glauben, dass sogleich hinter dem nächsten Anstieg die Skyline von Tokio auftauchen würde. So fuhren wir beschwingt nebeneinander, obwohl ich doch eigentlich gen Westen fahren musste. Doch „Thum, Thuir, Tokio“ beflügelt die Phantasie.

Die Füße werden mir schwer. Längst habe ich die Stadtgrenze hinter mir und hätte mich schon vor Stunden nach Osten wenden müssen, wenn ich heute noch nach Hause wollte. Dazu konnte ich mich leider nicht durchringen, und darum schicke ich diesen Text ins heimische Teestübchen aus einer finsteren Pension, deren unwirsche Wirtin eine mir fremde Zunge spricht, die klingt wie der Dialekt der Hölle.

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