Über frühlingshaften Aufbruch, dank an die Vorsehung und innerliche Sockenverweigerung

Wie ich am Fenster stehend verächtlich auf das Wetter draußen schaute, bedauernd sah, dass die Krokusse platt am Boden lagen, dachte ich, es gibt trotzdem untrügerische Anzeichen des nahenden Frühlings. Es geschehen neue Dinge. Damit meine ich nicht, dass gleichgültige Nachbarn offenbar eine neue Matratze erstanden und ihre alte Matratze einfach zusammengerollt zu den gelben Säcken gelegt haben, wo sie in ihrer ganzen nikotingelben Hässlichkeit schon seit Tagen liegt. Dieser Matratze wegen war es heute morgen unter meiner Dusche nicht schön, meine lieben Damen und Herren.

Ich musste nämlich unter der Dusche die ganze Zeit über ein sterbendes Milbenuniversum nachdenken und wie es da wohl zugehen mag, wenn die Milbenpopulation den drohenden Untergang spürt. Milben werden orientierungslos umherirren und mit kältestarren Gliedern zu vermeintlich besseren Orten flüchten. Die Befindlichkeitsliteratur wird anschwellen, denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten. Über der Weltuntergangs-Logorrhoe werden alle dem Wahnsinn verfallen, und man muss sich eine wahnwitzige Milbe einmal vorstellen, die ja im Wesentlichen eine Hautschuppen verzehrende Fresseinheit ist. Schreckliche Milben-Religionen kommen auf. Man meuchelt die junge unschuldige Brut. Wahnsinnige Präsidenten reißen die Macht an sich. Nationen rüsten auf, bezichtigen sich und überfallen einander. Und gerade ist das Morden und Brandschatzen noch in vollem Gange, da kommt endlich die gnädige Müllabfuhr und holt die Matratze ab. Wer schon mal Bilder von Milben unterm Mikroskop gesehen hat, wird die Vorstellung bejubeln, dass das erkaltende Milbenuniversum von Müllmännern in den Schlund des Verbrennungsofens gestopft wird. Aber noch größer müsste der innerliche Jubel sein darüber, dass einem die Vorsehung keine Existenz als Milbe zugemutet hat.

Auf dem Bett sitzend, fand ich in der Sockenschublade eine schön hellgraue einzelne Socke, deren Gegenstück noch auf dem Wäscheständer hing. Etwas in mir weigerte sich, ein vollständiges Paar zu ergreifen und anzuziehen. Also musste ich die andere Socke erst vom Wäscheständer holen, bevor mein dafür zuständiges Ich bereit war, die Socken über die Füße zu streifen. Dabei weiß ich genau, dass just dieses Sockenpaar die absurde Neigung hat, im Laufe des Tages seine Fersen nach oben zu verdrehen. Wie das geschieht, ist mir ein Rätsel. Ich bin geneigt zu vermuten, dass es in Berlin ein hippes Start-up-Unternehmen gibt, dessen Geschäftsidee selbstdrehende Socken waren und denen es gelungen ist, Geldgeber für solchen Quatsch zu finden. Fluch über diese perfide Bande!

Vermutlich steckt wieder Maschmeyer dahinter. Andererseits muss man auch gelten lassen, dass ein Ich, dessen einziger Zuständigkeitsbereich die morgendliche Sockenwahl ist, dass man ein solches Ich nicht unsensibel überstimmen darf, nur weil Maschmeyer ein durch und durch unsympathischer Mensch ist. Die selbstdrehenden Socken sprechen eindeutig gegen die Praxis der Universitäten, sich Lehrstühle von Sponsoren wie Maschmeyer stiften zu lassen. Es ist dann nicht zu vermeiden, dass man dort komplett verächtliche Dinge erforscht, beispielsweise selbstdrehende Socken oder am Ende noch Auffangstationen für Milben, deren Universum dem Untergang geweiht ist.

Bevor jetzt zarte Gemüter Parallelen zu unserem Universum ziehen, will ich noch erzählen, welche Neuerung den Anlass gibt, auf den Frühling zu hoffen. Herr Putzig hat unser HaCK-Treffen gestern Abend bereichert um den Vorschlag, zuvor eine Fotoausstellung zu besuchen. Das taten wir dann auch. Wir fanden eine Halle rappevoll mit jungen hippen Menschen und auf zwei Tischen einige Fotobücher, offenbar Abschlussarbeiten von Fotojournalismus-Studentinnen und –Studenten. Ich blätterte in einem Buch einer Fotoreportage über De Randfichten, deren Hit in den Charts „Ja, lebt denn der alte Holzmichl noch?“ war, ihre Auftritte bei Supermarkteröffnungen und in Möbelhäusern vor durchaus wahnsinnigem Publikum.

Und später beim Elferkranz Kölsch im Glüxkind schlug Herr Putzig vor, am kommenden Montag gemeinsam zum Literarischen Salon Hannover zu gehen, wo die ehrenwerte Aleida Assmann reden wird über das Vergessen. Ich freue mich darauf, weil ich, lang ists her, schon etwas Gewinnbringendes über Schrift und Gedächtnis aus den Federn von Jan und Aleida Assmann gelesen und wieder vergessen habe. Aber man findet vielleicht Spuren in meinem Werk Buchkultur im Abendrot. Zumindest stehen sie im Literaturverzeichnis. Vergessen wir also das ganz und gar nicht frühlingshafte Wetter und freuen wir uns auf alles, was zukünftig unsere Perspektive erweitern wird.

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9 Kommentare zu “Über frühlingshaften Aufbruch, dank an die Vorsehung und innerliche Sockenverweigerung

  1. „…denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten.“ Das stimmt mich nachdenklich. Aber ich glaube, wegen der Milben musst Du Dich nicht beunruhigen. Mir scheint, Milben haben wenig Talent zu aggressiver Panik oder panischer Aggressivität. Die sch…….. drauf. Auf was auch immer. Deswegen ist eine Hausstauballergie ja auch keine Hausstauballergie und keine Hausstabmilbenallergie, sondern eine Hausstaubmilbenkotallergie. Es wird sie also dahin raffen, während sie im übertragenen Sinne lethargisch auf dem Lokus hocken.
    Bei Deiner Socke wird es sich schlicht um eine Wandersocke handeln. Kürzlich bekam ich es mit einem Ausziehkniestrumpf zu tun, dem es gelang, von meiner Haustür bis zur nächsten Ecke sich komplett unter meiner Fußsohle zu versammeln. Das war auch nicht so schon. Aber manchmal sollte man sich an den Milben ein Beispiel nehmen.

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  2. Ein Blogeintrag über Milben war seinerzeit der erste Eintrag – Testeintrag – den ich hier bei WordPress getätigt habe, und davor der erste, den ich bei Blog.de von mir gegeben habe. Er war auch einer der ersten Einträge, den ich in dem Blog davor unter dem damals esxistierenden Namen geschrieben habe (aber nicht der allererste!). Ich glaube, ich nehme den Eintrg immer mit, wohin ich auch gehe. Er gefällt mir nach wie vor…

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  3. Hier vor mir liegt der Block auf den ich gleich einen gefundenen Satz schreiben werde. Nicht den, den ich vor einigen Minuten gefunden habe, obwohl er mir auch ausgesprochen gut gefällt.
    „Die Befindlichkeitsliteratur wird anschwellen, denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten“ Und nicht nur der, auch einige andere Sätze habe ich hier bei dir heute gefunden, die es wert sind aufgeschrieben zu werden. Aber das hast ja du schon gemacht. Betrachtungen über Milben und nikotingelbe Matratzen – ich wusste nicht, dass man daraus etwas so lesenswertes machen kann. Es sollte mich nicht wundern, da es auf deiner Seite steht, lieber Jules.
    Erst gestern sprach ich mit einer älteren Dame über Maschmeyer, der derzeit auf so vielen Plakaten doof grinst. Ich versuchte zu erklären, warum ich ihn unsympathisch finde. Sie unterbrach mich und erklärte, dass einer der auf einem Plakat seinen Hemdsärmel hochkremple und dabei so weit vom Hochkrempeln der Ärmel entfernt ist, einfach nur ein Depp sein kann. Ob sie recht hat weiß ich nicht, aber genau das stört mich an den Plakaten.

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    • Danke für dein feines, geradezu sonntägliches Lob, liebe Mitzi. Das freut mich sehr.

      Da hat die Dame etwas an der Inszenierung abgelesen, was leider schon wieder in Vergessenheit geraten ist. Dazu schreibt Stefan Winterbauer auf Meedia: “ Die am Mittwoch gestartete Sat.1-Show „Start up“ zeigt den neuen Maschmeyer in Reinkultur: aalglattrasiert, in seinem appleweißen Tower residierend. Bei all der Über-Inszenierung sollte man sich vielleicht ab und zu dann doch mal an den alten Maschmeyer erinnern. Hier sei zur Ansicht eine dieser älteren ARD-Reportagen über das Treiben von Maschmeyer empfohlen: „Der Drückerkönig und die Politik“.

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