Als mein Gewissen nichts wert war (5)

Man empfing mich in der Delmenhorster Ausbildungskompanie ziemlich unfreundlich. Kompaniechef und Leutnant setzten mir zu. Ich dürfte keinesfalls nochmals den Kriegsdienst verweigern, “die Kameraden nicht aufwiegeln“, überhaupt, müsste ich mich strengstens an alle Regeln des Soldatenseins halten und mich einfügen. Beim kleinsten Vergehen gegen die Vorschriften wollten sie “meine Sache der Staatsanwaltschaft übergeben.” Dann wäre ich vorbestraft. Also fügte ich mich notgedrungen und absolvierte meine dreimonatige Grundausbildung. Danach wurde ich einem Instandsetzungsbataillon zugeteilt und machte den LKW-Führerschein. Im August heiratete ich, um wieder eine gemeinsame Wohnung mit Marie finanzieren zu können. Bald wurde Marie schwanger, und man hatte ein probates Druckmittel gegen mich in der Hand, denn kleinste Vergehen wurden mit dem Entzug des Wochenendurlaubs bestraft.

Bei einer Militärübung im Gelände hatte meine erzwungene Anpassung ein Ende. Wir lagerten in einem Waldstück eines Truppenübungsplatzes. Meine Gruppe wurde zum Waldrand abkommandiert, sollte dort Schützenlöcher graben und anschließend darin in Stellung gehen. Vor uns war offenes Gelände, ein Hang, der etwa 100 Meter weit abfiel. Wir saßen in unseren Schützenlöchern, das Gewehr im Anschlag und wussten nicht warum. Ab und zu wurden flüsternd Botschaften von Schützenloch zu Schützenloch weitergegeben. Wir erheiterten uns noch über das unweigerlich auftretende „Stillepostsyndrom“, da ertönte unten am Hang Geschrei und etwa 25 Soldaten stürmten den Hang hinauf. Der Schießbefehl kam. Ich dachte: „Wieso Schießbefehl?“ Ich wusste doch gar nicht, was los war und wer die Männer da waren, auf die ich ballern sollte, zwar nur mit Übungsmunition, aber selbst das wollte ich nicht. Mir wurde klar, dass ich als Soldat jederzeit in solche Situationen geraten konnte. Man würde mir nicht vorher die militärische Lage erörtern und mich vorbereiten, wo und wann eventuell mit Kampfhandlungen zu rechnen wäre und wer als Gegner mir gegenüberstehen würde.

Nein, ganz unvermittelt konnte von mir verlangt werden, andere Menschen zu töten, junge Männer, die genauso wie ich nicht gewusst hatten, was auf sie zukommen würde. Ganz kopflos würden wir aufeinander gehetzt werden und uns gegenseitig an die Gurgel gehen, weil jeder überleben wollten. Auch der andere hätte eine Marie zu Hause, die ein Kind von ihm erwartet und seine Marie hätte den berechtigten Wunsch, dass ihr Mann mich würde töten statt umgekehrt ich ihn. Und hätte ich diese junge Frau zur Witwe gemacht, würde ich bald wieder und wieder töten müssen, und darunter würde ich innerlich erstarren und verrohen, dass es mir nichts mehr ausmachen würde, das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen. Und käme ich dann glücklich zurück von der Front, würde Marie nächtens stumm neben mir liegen und sich fürchten vor dem seelischen Krüppel, der ich geworden war. Und warum? Weil irgendwelche fernen Herren menschlich und politisch versagt hatten und Krieg spielen wollten. Wenige Tage nach der Wehrübung erneuerte ich meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung.

Kurz darauf musste ich an einer Schießübung auf einem Schießstand teilnehmen. Da sagte ein mir bis dahin unbekannter Oberleutnant zum Patronenausgeber, mein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung sei eine „undurchsichtige Sache“, weil ich trotzdem mitschießen würde. Nachdem mir der Rekrut das gesteckt hatte, schrieb ich eine Beschwerde, denn ich wollte mich nicht mehr unterbuttern lassen.
Sie wurde zwar abgelehnt, doch mein Kompaniechef teilte mir mit, der Oberleutnant sei intern gerügt worden. Dummerweise war just dieser Oberleutnant beim Bataillon zuständig für Versetzungsanträge. Und ich wollte so gern nach Köln versetzt werden, um Marie in ihrer Schwangerschaft beistehen zu können. Stattdessen wurde ich nach Bremen versetzt in eine ausgelagerte Kompanie des Bataillons, die als „Fickerkompanie“ verschrien war, weil den Rekruten dort das Leben schwer gemacht wurde.

Dort wusste man, meine Verhandlung vor der Prüfungskammer zu torpedieren, indem man mich zu spät losschickte. Als ich in Düsseldorf bei der Kammer eintraf, verließen Kammervorsitzender und Beisitzer gerade den Raum. Einer teilte mir grinsend mit, man habe meinen Antrag in meiner Abwesenheit verhandelt und ihn nach Aktenlage abgelehnt.

Fortsetzung