Als mein Gewissen nichts wert war (4)

So abrupt, wie meine Kindheit endete, als ich mit 13 eine Lehre begonnen hatte, so abrupt endete auch meine Jugend. Plötzlich hatte ich den Staat gegen mich aufgebracht und musste mich seinen Forderungen unterwerfen. Marie, meine Lebensgefährtin, hatte ein wenig Geld aufgetrieben. Unser gemeinsames Glück hatte nur wenige Monate gewährt. Jetzt wurde es immer schwieriger für uns. Ich konnte erstmals ahnen, wie sich meine Patentante Liesl und ihr Mann gefühlt haben mochten. Sie wollten mitten im Krieg heiraten. Er hatte dafür Heimaturlaub von der Front bekommen. Am Abend der Hochzeit, noch vor der Hochzeitsnacht wurde er zurück an die Front abberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte nie mehr zurück. Als kleines Kind hatte ich mitbekommen, wie meine Mutter und Tante Liesl stundenlang am Radio saßen und horchten, als die Namen von „Spätheimkehrern“ aus der russischen Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Endlose Namenslisten leierten aus dem Radiolautsprecher, und nie wurde ihr Hoffen und Bangen belohnt. An die Front sollte ich nicht, aber mich in eine Maschinerie einfügen, deren Handwerk Krieg und Töten ist. Und ich musste Marie in ungeklärten Verhältnissen zurücklassen, war in Sorge um sie und konnte nichts für sie tun.

Mit den letzten fünf DM kaufte ich eine Zugfahrkarte nach Mönchengladbach. Ich dachte, dass man mich vom Kreiswehrersatzamt gleich in die Kaserne verschicken würde. Zu meiner Überraschung empfingen mich die zivilen Beamten überaus freundlich. An der Wand des Büros hing eine Karte der Umgebung, für die man zuständig war, gespickt mit vielen Fähnchen, die jeweils einen Wehrpflichtigen markierten, der seiner Einberufung nicht gefolgt war. Man war froh, dass ich freiwillig gekommen war, denn die Feldjäger hatten mehrmals vergeblich bei meiner Mutter geklingelt, im Dorf, wo ich noch immer polizeilich gemeldet war. Ein Fähnchen weniger auf der Karte. Für mich war beruhigend zu sehen, dass ich kein Einzelfall war. Folglich gab es auch Routinen, wie jetzt weiter zu verfahren war. Ich sollte nach Adelheide bei Delmenhorst. „Aber“, sagte der eine, „die haben jetzt sowieso Osterdienstbefreiung. Ich frage mal nach, ob Sie die auch bekommen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Ausbildungskompanie, und ich durfte meinen Wehrdienst mit Osterurlaub beginnen. Man händigte mir neue Papiere aus, eine Zugfahrkarte nach Delmenhorst und verabschiedete mich mit den besten Wünschen.

Plötzlich stand ich als freier Mann wieder auf der Straße, aber ohne Geld für die Rückfahrt. Ich hatte wohl noch ein paar Groschen und rief aus der Telefonzelle bei meinem CDU-Onkel an, um mir Geld für die Fahrkarte zu leihen. Nur die angeheiratete Tante ging ran und war überaus ungehalten mit mir. Sie müsse jetzt weg und könne nicht auf mich warten. Allein Thomas, ihr ältester Sohn, mein Cousin, sei dann zu Hause. Als er klein war, hatte ich oft auf diesen Thomas aufgepasst, wenn er bei meiner Oma zu Besuch war. Jetzt öffnete er die Tür der elterlichen Villa nur einen spaltbreit, sagte altklug: „Du machst ja Sachen“ und schob mir ein 5-Mark-Stück durch den Spalt. In der eigenen Familie verpönt zu sein, zeigte mir, dass ich mich zu weit außerhalb der anerkannten Rechtsordnung bewegt hatte. Ab jetzt sollte es demütigend werden.

Im Text „Geben Sie dem Mann ein Haarnetz“ habe ich Kuriosa vom Beginn meines Daseins als Bundeswehrsoldat geschildert. Aber so heiter, wie es dort anklingt, war es nicht. Ich galt als unbotmäßig, und man tat in den folgenden 18 Monaten einiges, meinen Widerwillen zu brechen. Das gelang nicht, sondern ich lernte das Soldatendasein zu hassen, die engstirnigen Vorgesetzten, das dumme Prinzip „Befehl und Gehorsam“, den militärischen Drill, die sinnlosen Tätigkeiten und ewige Langweile im Dienst. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, aber muss zugeben, dass man mir einiges an Schneid abgekauft hat, bevor ich nach Ablauf des Wehrdienstes vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht in Sachen Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde.

Folge 5

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3 Kommentare zu “Als mein Gewissen nichts wert war (4)

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