Als mein Gewissen nichts wert war (3)

Nachdem nun Einberufung und Wehrpass verbrannt waren, konnte ich meinen Wehrdienst nicht antreten, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich wusste ja nicht, wo ich mich wann hätte einfinden sollen. Diese Informationen waren verbrannt. Den etwaigen Termin meiner Einberufung ließ ich verstreichen. Es war ein beklemmendes Gefühl. Nach wenigen Tagen hatten wir kein Geld mehr, da ich nicht mehr arbeiten ging. Offiziell war ich ja „beim Bund“, wie es damals hieß. Meine Freundin Marie war Kunststudentin an der Kölner Werkkunstschule, hatte sich aber im letzten Semester nicht zurückgemeldet, bekam folglich auch kein Geld mehr nach dem Honnefer Modell, dem Vorläufer des BAFöGs. Da ich quasi untergetaucht war, konnten wir uns an niemanden um Hilfe wenden. Wir hatten kein Geld mehr und lernten, was es heißt, von Luft und Liebe zu leben. Es geht nur für kurze Zeit. Wir hungerten. Ich weiß noch, dass wir versuchten, aus einem Rest Mehl, irgend etwas Essbares zu backen. Wer untertauchen will, braucht ein ihn unterstützendes Netzwerk.

Rückblick vom Rückblick
Einmal war ich bei einer Versammlung Kölner Anarchisten gewesen. Auf der Kölner Schildergasse hatten mir junge Leute eine anarchistische Zeitung in die Hand gedrückt. Sie hieß, wenn ich mich recht erinnere „Die Wahrheit“ und war ganz schlecht gemacht. Einerseits war ich sehr interessiert gewesen, die Wahrheit endlich mal zu erfahren, andererseits suchte ich nach einer sinnvollen Erweiterung meiner Existenz als Arbeiter. Der Exfreund meiner Freundin, auch ein Kunststudent, hatte mir einmal Schriften von Michail Alexandrowitsch Bakunin gegeben, schmale Heftchen, zweifarbig Rot und Schwarz gedruckt, wobei die Schriftfarbe fließend von Schwarz in Rot überlief, und zwar schräg durch die Textseiten. Was der Anarchist Bakunin schrieb, war mir folgerichtig erschienen, obwohl ich mich zuvor mehr als Kommunist gesehen hatte. Es waren revolutionäre Zeiten damals.

Ich erinnere mich, dass der Verlag Bärmeier-Nikel, in dem auch die satirische Zeitschrift „Pardon“ erschien, für kurze Zeit eine Schülerzeitschrift namens „Underground“ herausgab, quasi ein linker Gegenentwurf zur „Bravo“, die ich übrigens nie gelesen habe. Die erste Underground-Ausgabe, die ich sah, hatte auf dem Titel einen geöffneten Kanaldeckel. Eine Hand ragte heraus und stellte eine Bombe mit brennender Zündschnur aufs Pflaster. Derlei wäre heute wohl undenkbar. Die Zeitschrift erschien allerdings nur zwei Jahre und wurde schon 1970 wieder eingestellt, denn mit dem Aufkommen der Baader-Meinhoff-Gruppe, später Rote-Armee-Fraktion (RAF), änderte sich rasch das gesellschaftliche Klima.

Zurück in die Kölner Schildergasse. Als linker Jugendlicher auf der Suche nach Orientierung war ich neugierig auf Anarchismus und fragte die Zeitungsverteiler, ob man wohl Interesse an meiner Mitarbeit hätte. Sie luden mich zur nächsten Versammlung ein, gaben mir eine Adresse und nannten die Uhrzeit. Ich fuhr mit der Straßenbahn in einen Randbezirk der Stadt. Die Adresse lag in einem Schrebergartengelände. Im Finstern suchte ich mir den Weg durch die Parzellen zum Versammlungsort, ein fester Bau, der irgendwie der evangelischen Kirche gehörte. Das Gebäude lag dunkel. Die Tür fand ich offen. Ich trat ein. Der gesamte Raum war mit Schränken zugestellt. Ich tappte dazwischen herum und gewahrte an der Rückseite des Raums eine Tür, unter der ein Lichtschein war. Das war der Versammlungsraum. Etwa 25 junge Leute, wenige Frauen, die Männer langhaarig wie ich, saßen da herum und diskutierten. In der Ecke bullerte ein gusseiserner Ofen. Da lagen einige Bücher von Wilhelm Reich auf dem Tisch, die mir vertraut waren, „Funktion des Orgasmus“, „Charakteranalyse.“ Reich war von der Studentenbewegung wiederentdeckt worden. Er hatte die Freudsche Libido-Theorie zu einer Gesellschaftstheorie entwickelt, vertrat die These, dass Sexualunterdrückung den autoritären Charakter, den autoritären Staat, mithin den Faschismus hervorbringen.

Ringsum sprach man ehrfurchtsvoll von einem „Willi“, dessen Ankunft man erwarte. Endlich kam Willi, ein schon betagter, aber energischer Mann, und hielt eine flammende Rede gegen die kommunistischen Verräter. Anschließend wurde zu meinem Entsetzen ganz leichthin gefragt, wer jemanden aus der untergetauchten Baader-Meinhoff-Gruppe unterbringen könnte. Da wusste ich, dass ich im falschen Verein gelandet war, denn deren gewalttätige Aktionen, und da wusste ich nur vom Kaufhausbrand in Berlin, konnte ich nicht gutheißen. Zwischen Terrorismus und Anarchismus bestand doch ein Unterschied, den ich nicht verwischt sehen wollte. Daher blieb das mein einziger Kontakt zu den Anarchisten. Aber es gab wohl in der ganzen Bundesrepublik diese Unterstützer, auch in bürgerlichen Kreisen wie der evangelischen Kirche. Nur deshalb konnten sich Baader-Meinhoff und später die RAF so lange im Untergrund halten.

Mir fehlten diese Unterstützer. Mein Onkel war gelernter Jurist, CDU-Mann und hoher Verwaltungsbeamter bei der Stadt Mönchengladbach. Als wir nicht mehr weiterwussten, rief ich ihn aus der Telefonzelle an und fragte um Rat. Er schrie mich sogleich an: „Du musst dich SOFORT stellen, sonst gehst du ins Gefängnis!“ Ich war zwar nicht fahnenflüchtig; das kann ein Soldat erst nach der Vereidigung auf die Fahne sein, aber auch die „unerlaubte Entfernung von der Truppe“ konnte mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe belegt werden. So schnell konnte man damals kriminalisiert werden, auch wenn man sonst nicht mal einen Lutscher geklaut hatte.

Folge 4

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